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  • China: Überschwemmungen in Zhengzhou – Mehr „Klimaresilienz“ bei Baumaßnahmen gefordert

Chinesische Metropole Zhengzhou versinkt in Wassermassen: Wissenschaftler fordern mehr „Klimaresilienz“ bei Baumaßnahmen

  • Die „Jahrhundertflut“ in Zhengzhou, der Provinzhauptstadt von Henan, hat offenbart, wie wenig Chinas urbane Infrastruktur auf extreme Wetterlagen vorbereitet ist.
  • Zwar hat der amtierende chinesische Staatspräsident Xi Jinping das Thema Nachhaltigkeit und Stadtplanung zur Chefsache erklärt.
  • Dennoch wird abermals deutlich: Der Klimawandel wird das Land besonders hart treffen.
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Am Montag haben die Behörden sowohl die Todeszahlen als auch den wirtschaftlichen Schaden der Jahrhundertflut im zentralchinesischen Henan noch einmal deutlich nach oben korrigiert: Mindestens 302 Menschen sind durch die Naturkatastrophe ums Leben gekommen, weitere 50 gelten als vermisst. Der Materialschaden beläuft sich auf umgerechnet rund 15 Milliarden Euro. Der chinesischen Öffentlichkeit hat das tragische Kapitel auch vor Augen geführt, welches Leid Wetterextreme in Millionenstädten anrichten können. In Zhengzhou, der Provinzhauptstadt von Henan, verwandelten sich nicht nur unzählige Straßenzüge in reißende Flüsse, sondern auch das erst wenige Jahre alte U-Bahnsystem wurde flächendeckend geflutet.

All dies hat einer ohnehin schimmernden Grundsatzfrage neue Dringlichkeit verliehen: Wie klimaresistent ist die chinesische Infrastruktur? Denn die Volksrepublik arbeitet seit gut zwei Jahrzehnten an der wohl größten baulichen Modernisierung in der Geschichte der Menschheit: Das Gros an Städten wurde in Windeseile großflächig demoliert und mit neuen Hochhaussiedlungen, modernen Straßenbelägen und U-Bahnsystemen versehen. Ein paar empirische Eckdaten verdeutlichen die Dimension: Chinas meist staatliche Bauunternehmen haben in den letzten 15 Jahren mit rund 38.000 Kilometern das längste Netz für Hochgeschwindigkeitszüge errichtet, weitere 70.000 Kilometer befinden sich noch im Bau. Jedes Jahr errichtet oder renoviert das Land nahezu zehn Flughäfen.

Urbane Zentren sind besonders vom Klimawandel bedroht

Als diese sprichwörtlich wie Pilze aus dem Boden schossen, war Klimaresilienz noch kein Thema für die Regierung. Der dringliche Impetus, sich aus der bitteren Armut zu schuften, wog stärker. Die Urbanisierung des Landes erfolgte komprimiert in wenigen Jahrzehnten, wofür Europa ein ganzes Jahrhundert benötigte. Mittlerweile gibt es über 90 Städte in China mit mehr als einer Million Menschen. „Wenn sie heute noch mal die Chance hätten, die Städte neu zu planen, dann denke ich, würden sie das ausgewogener machen“, sagte jüngst Geologieprofessor Fatih Chan vom Ningbo-Campus der Universität Nottingham in einem Interview mit der „New York Times“. Stattdessen waren Chinas Städte lange Zeit wortwörtliche Betonwüsten aus Appartementsiedlungen und Fabrikanlagen, wo noch vor wenigen Jahren Reisfelder lagen.

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Xi Jinping, seit 2013 an der Macht, gilt als erster Staatspräsident, der das Problem wirklich zur Chefsache erklärt hat – und regelmäßig von nachhaltiger Entwicklung und Stadtplanung spricht. Nicht zuletzt versprach er der internationalen Gemeinschaft, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt bis 2060 klimaneutral zu machen. Er hat erkannt, dass der Klimawandel wie ein drohendes Damoklesschwert über allen anderen Problemen kreist. Und für die Volksrepublik ist die Bedrohung unmittelbarer im Vergleich zu Mitteleuropa. Das medizinische Fachmagazin „The Lancet“ hatte bereits im Dezember letzten Jahres eine Studie publiziert, wonach sich die Zahl der Toten infolge von Hitzewellen in den letzten 30 Jahren vervierfacht hätte. Und wie eine aktuelle Studie vom Ostasien-Büro der NGO Greenpeace skizziert, zählt China zu denjenigen Ländern, die besonders vom Klimawandel getroffen werden – und dort insbesondere die urbanen Zentren.

Betroffenes Zhengzhou galt als vorbildliche „Schwammstadt“

Peking erfahre demnach den größten Hitzeanstieg mit 0,32 Grad alle zehn Jahre, wohingegen sich in Shanghai die Gefahr von extremen Regenfällen um 25 Prozent verschärfe. Wie die Studienautoren festhalten, seien die Städte nicht ausreichend auf die kommenden Gefahren vorbereitet – etwa durch Frühwarnsysteme oder Schutzmaßnahmen gegen extreme Wetterlagen. Dabei galt das von den Fluten getroffene Zhengzhou eigentlich als Musterbeispiel. Denn dort wurde die urbane Infrastruktur an das Modell der sogenannten „Schwammstadt“ angepasst – ein vornehmlich in China umgesetztes Konzept der Stadtplanung, anfallendes Regenwasser durch Grünflächen und urbane Feuchtgebiete aufzunehmen, statt lediglich zu kanalisieren. Zudem sollen Dach- und Fassadenbegrünung zur Kühlung der Stadt beitragen. Mittlerweile wird das Konzept auch punktuell in Europa umgesetzt, etwa in Hamburg oder in der Seestadt Aspern in Wien.

In Zhengzhou wurden etwas über 5000 Kilometer an Kanalisation gebaut und Hunderte Hektar an Parkanlagen mit Seen geschaffen. Doch den Wassermassen konnte die Schwammstadt trotz allem nicht standhalten. Dies hatte auch mit der schieren Dimension zu tun: Zu Hochzeiten fielen 200 Millimeter Niederschlag in einer Stunde – also fast ein Drittel eines durchschnittlichen Jahres. Laut chinesischen Experten hätte wohl keine Stadt mit solch einem „Jahrtausendregen“ fertig werden können.

Wer sich durch das Archiv chinesischer Medien wühlt, findet bereits seit Jahren Stimmen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die mehr integrierte Klimaresilienz beim Bau neuer Infrastruktur fordern. Die Fluten in Henan vom Juli könnten nun ein Wendepunkt sein, dass jene kritische Stimmen auch erhört werden.

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