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Hinterherpfeifen und obszöne Sprüche: Petition fordert Strafen für Catcalling

  • Catcalling soll strafbar werden, fordert Studentin Antonia Quell mittels einer Petition.
  • Verbale sexuelle Belästigung ist derzeit nicht explizit durch das Strafgesetzbuch verboten.
  • Eine Studie zeigt: Mehr als zwei Drittel der deutschen Frauen haben bereits sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit erlebt.
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“Du dumme Bitch, wir wollten doch nur nett sein”, pöbelt ein Typ, während er und sein Kumpel mit dem Auto davonbrausen. Antonia Quell radelt allein weiter durch die Nacht. Vorher waren die Männer im Auto neben ihr hergefahren, hatten ihr eine Flasche entgegengehalten und einen Schluck angeboten. “Verpisst euch”, antwortete die Studentin. Mehr als nur unangenehm sei das gewesen, erzählt die 20-Jährige rückblickend. Nun engagiert sie sich mit einer Petition gegen verbale sexuelle Belästigung, Catcalling genannt. Es soll strafbar werden, fordert Quell.

“Ey Süße, geiler Arsch.” Solche und ähnliche Sprüche kriegen Frauen immer wieder zu hören, wenn sie durch die Stadt schlendern. Oft sind die Absender völlig fremde Männer, die sich vor ihren Kumpels profilieren wollen. Sie kommentieren das Aussehen, pfeifen, greifen sich offensiv in den Schritt oder spitzen die Lippen, sodass ein Geräusch entsteht, mit dem man sonst versucht, Tiere anzulocken. Wohl deshalb ist dieses Phänomen der sexuellen Belästigung als Catcalling bekannt.

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Petition gegen Catcalling

“Catcalls sollten nicht mit Komplimenten verwechselt werden”, schreibt Initiatorin Antonia Quell in ihrer Petition, die noch zwei Wochen läuft. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt die Medienmanagement-Studentin aus Fulda diesen Satz genauer. “Mit einem Kompliment möchte man dem Gegenüber eine Freude machen, etwas Gutes tun. Catcalls dagegen demonstrieren Macht und Dominanz.” Solche Menschen, die durch Catcalling auffallen, seien vielleicht in anderen Lebensbereichen unzufrieden und versuchten das so zu kompensieren, mutmaßt Quell. Für alle, die sich nicht sicher sind, wo Komplimente aufhören und Catcalls anfangen, hat sie einen Tipp: “Was ich meiner eigenen Mutter nicht ins Gesicht sagen würde, sollte ich auch keiner fremden Frau auf der Straße hinterherrufen.”

Rechtliche Probleme bekommen Catcaller bisher aber noch nicht. Das Strafgesetzbuch enthält die Paragrafen 177 zu sexuellen Übergriffen, sexueller Nötigung sowie Vergewaltigung und 184i zu sexueller Belästigung. Beide Gesetzestexte beziehen sich allerdings auf Berührungen, nicht auf verbale Belästigung. Das will Antonia Quell ändern. Mit einer ähnlichen Petition hatten vor ihr schon zwei Frauen Erfolg. Dank Hanna Seidel und Ida Marie Sassenberg ist nun das sogenannte Upskirting strafbar, also das ungewollte und heimliche Fotografieren unter den Rock. Für diese Tat soll es voraussichtlich ab Herbst eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe geben.

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Zwei Drittel sind belästigt worden

“Es ist 2020. Verbale Belästigung sollte strafbar sein”, meint indes Initiatorin Quell. Sie fordert: Verbale sexuelle Belästigung brauche einen eigenen Platz im deutschen Gesetz und könne zum Beispiel mit Bußgeldern bestraft werden. Auslöser für ihr Engagement war eine Freundin, die in einem Nebensatz erwähnte, dass Catcalling in Frankreich strafbar sei. “Da dachte ich: Deutschland ist so ein sicheres und gut organisiertes Land. Bei solchen Themen sollten wir doch eigentlich Vorreiter sein”, erzählt die Studentin. Wie die “taz” berichtet, ist Catcalling auch in Belgien, Portugal und den Niederlanden strafbar.

Mehr als 46.000 Menschen wünschen sich offensichtlich ebenfalls eine Änderung des Gesetzes und haben Quells Petition bereits unterzeichnet. Kein Wunder, denn die Zahl der Betroffenen ist enorm. Das zeigt eine knapp zwei Jahre alte Studie der Foundation For European Progressive Studies.

Mehr als zwei Drittel der befragten Frauen aus Deutschland gaben darin an, schon einmal auf der Straße verbal belästigt worden zu sein. 36 Prozent sind schon einmal draußen verfolgt worden. 40 Prozent haben es erlebt, dass ein Fremder sich in der Öffentlichkeit an ihnen gerieben hat. Dabei gilt: Je jünger die Frau, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer von Catcalling oder anderen Übergriffen zu werden. Knapp die Hälfte der Belästigten ist jünger als 25 Jahre. Zu dieser Gruppe zählt auch Antonia Quell, die 20 Jahre alt ist.

Diskussionen um sexuelle Belästigung

Relevant ist das Anliegen der Studentin Antonia Quell also auf jeden Fall – und sorgt für kontroverse Diskussionen unter anonymen Usern auf der Plattform Openpetition.de. “Grundsätzlich volle Zustimmung! Bedenken habe ich nur bei der Ausgestaltung beziehungsweise der juristischen Definition: Wie genau wird verbale sexualisierte Belästigung gefasst?”, fragt ein User. Jemand anders hält dagegen: “Wie sicher fühlen Sie sich, wenn Ihnen im Laufe Ihres Nachhausewegs mehrmals Männer oder Gruppen von Männern ekelhafte sexuelle Sprüche hinterherrufen? Der Gesetzgeber muss sich endlich auf die Seite der Frauen stellen.”

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Es sei aber gar nicht so einfach, zu entscheiden, was in Ordnung gehe und was übergriffig sei, schreibt ein anderer Nutzer: “Was für eine Person Flirten ist, ist für die nächste womöglich Belästigung. In Bezug auf sexuelle Belästigung ist es nicht immer offenkundig, ob ein Verhalten unerwünscht ist.” Das rechtfertige übergriffiges Verhalten keinesfalls, aber mache die Unterscheidung manchmal zu einer Interpretationssache. Ein anderer User fasst die ganze Problematik pragmatisch zusammen: “Wer wirklich jemanden kennenlernen möchte, der kann sich auch höflich mit seinem Namen vorstellen. Beim Catcalling fehlt es an Respekt und Achtung gegenüber der anderen Person.”

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