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„What if“-Autor im Interview

Was würde passieren, wenn das Sonnensystem bis zum Jupiter mit Suppe gefüllt wäre, Herr Munroe?

Die Welt als Basketball – eine Illustration im typischen Comicstil Randall Munroes.

Die Welt als Basketball – eine Illustration im typischen Comicstil Randall Munroes.

Was würde passieren, wenn sich alle Menschen der Welt an derselben Stelle versammeln würden und gleich­zeitig hochspringen? Wenn Hausstaub zu großen Teilen aus menschlicher Haut besteht, wie viel Menschen atmet man dann im Laufe seines Lebens ein? Oder was würde passieren, wenn man unser Sonnensystem bis zum Jupiter mit Suppe auffüllen würde? Auf all diese Fragen findet Physiker, Comiczeichner, Bestsellerautor Randall Munroe Antworten. Teils überraschende, teils verstörende, teils humorvolle, aber stets sorgfältig recherchierte Antworten.

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Herr Munroe, welche Art von Fragen mögen Sie am liebsten?

Ich glaube die, bei denen ich eine Ahnung habe, was die Antwort sein könnte, mir aber nicht sicher bin. Wenn ich dann richtig liege, kann ich sagen: Ha! Ich hab’s doch gewusst. Und wenn ich falsch lag, lerne ich etwas Cooles. Die erste Frage in meinem neuen Buch kam von einer Fünfjährigen, Amelia. Viele meiner liebsten Fragen kommen von kleinen Kindern.

Wie lautete die Frage?

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Amelia fragte: Was würde passieren, wenn das Sonnensystem bis zum Jupiter mit Suppe gefüllt wäre? Meine Intuition sagte mir, so viel Suppe an einem Ort – das ist wohl früher oder später ein schwarzes Loch. Aber was wäre, bevor die Suppe in ein schwarzes Loch kollabiert? Wie würde es sich anfühlen, in der Suppe zu sein? Wie würde es aussehen? Würde man sofort vom Druck zerquetscht werden oder würde dieser langsam zunehmen? Das ist in seinem Kern ein sehr kompliziertes und interessantes Physikproblem. Die Frage führte zu einem ganzen Arbeitstag voller Berechnungen und dem Lesen wissenschaftlicher Aufsätze. Und ich habe vieles gelernt, was ich zuvor nicht wusste.

Randall Munroe ist längst kein reines Internetphänomen mehr. Seine Bücher sind in 35 Sprachen übersetzt und weltweit millionenfach verkauft worden. Regelmäßig schaffen sie es in die Bestsellerlisten. Sein neuestes Buch „What if? 2 – Was wäre wenn?“ ist am 13. September im Penguin-Verlag erschienen (18 Euro). Darin beantwortet der Autor, wie bereits im Vorgängerband, wissenschaftlich korrekt die absurdesten Fragen, die ihm aus der ganzen Welt zugeschickt werden.

Randall Munroe ist längst kein reines Internetphänomen mehr. Seine Bücher sind in 35 Sprachen übersetzt und weltweit millionenfach verkauft worden. Regelmäßig schaffen sie es in die Bestsellerlisten. Sein neuestes Buch „What if? 2 – Was wäre wenn?“ ist am 13. September im Penguin-Verlag erschienen (18 Euro). Darin beantwortet der Autor, wie bereits im Vorgängerband, wissenschaftlich korrekt die absurdesten Fragen, die ihm aus der ganzen Welt zugeschickt werden.

Als aufmerksamer Leser Ihrer Texte rechnet man bei dieser Frage schon mit einem schwarzen Loch. Aber die Zerstörung unserer Galaxie kam doch überraschend.

Nun, wenn man so viel Masse irgendwo hinwirft, wird sie sich bemerkbar machen.

Tatsächlich enden viele Ihrer Fragen in großer Zerstörung, oft der ganzen Welt. Mögen Sie Antworten mit großer Zerstörungskraft? Also aus Sicht eines Physikers, nicht eines Superschurken.

Ja, besonders wenn man sich für Physik interessiert, ist das bestimmt so. Aber im Ernst, wenn man eine riesige Torte dicht am Rand eines Tisches sieht, dann gibt es doch bei jedem von uns einen Teil des Gehirns, der sich fragt: Wie würde es wohl aussehen, wenn die runterfällt? Würde sie auseinanderplatzen oder einfach als riesiger Klumpen am Boden kleben?

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Als ich an der Uni war, fanden wir einmal heraus, dass wir einen der großen Gymnastikbälle mit Wasser füllen konnten. Am Ende wog er über 130 Kilogramm. Wir überlegten, was wir mit dem riesigen Wasserballon tun sollten, luden ihn schließlich in ein Auto und fuhren ihn auf die oberste Etage eines großen Parkhauses. Wir wollten einfach sehen, bis wohin das Wasser beim Zerplatzen spritzen würde. Dort entdeckte uns dann jemand vom Universitätspersonal und fragte, was wir vorhätten. Nachdem er sich versichert hatte, dass der Wasserball nicht weiterspringen würde, sagte er: „Okay, ich schaue einfach weg, und ihr erzählt mir nachher, was passiert ist.“ Ich glaube, einfach jeder findet solche Dinge spannend.

Wir sprachen gerade schon über Kinderfragen. Im neuen Band finden sich gleich mehrere. Stellen Kinder die besseren Fragen?

Ich glaube, ja, kann aber nicht genau sagen, warum. Aber ich schätze, sie stellen einfach echtere Fragen, während Erwachsene oft schon eine Antwort im Kopf haben und versuchen, die Frage entsprechend zu stellen. Oder sie versuchen beim Stellen der Frage möglichst schlau zu wirken. Dann geht es oft um Atombomben oder Dinge, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Aber ein Kind fragt zum Beispiel: Was passiert, wenn ich ein Hochhaus mit einer Milliarde Stockwerke baue. Und das ist nicht nur interessanter als der meiste Lichtgeschwindigkeitskram, es ist auch zerstörerischer als der meiste Atombombenkram. Denn ein so hohes Gebäude könnte die Erdanziehungskraft schlicht nicht überstehen.

Zur Person

Randall Munroe studierte Physik an der Christopher Newport University in Virginia, USA. Nach dem Studium arbeitete er für die NASA in der Robotik. Parallel veröffentlichte er einige von ihm in der Studienzeit gezeichneter Comics auf seinem Webserver. Schon nach kurzer Zeit konnte er von Merchandise-Artikeln rund um seinen Web-Comic xkcd leben und erhielt die ersten Fragen, aus denen sich zuerst der Blog "What if?" und in der Folge der Bestseller-Titel unter demselben Namen entwickelte.

Gab es jemals eine Frage, die Sie wirklich verstört und nachhaltig verfolgt hat?

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Es gab mal eine Frage, die ich nicht beantwortet habe, weil ich einfach nicht darüber nachdenken konnte. Jedes Mal, wenn ich sie gehört habe, dachte ich mir: „Oh, ich will es einfach nicht wissen.“ Jemand hat gefragt, ob es möglich wäre, die eigenen Zähne so stark herunterzukühlen, dass sie – wenn man heißen Kaffee trinkt – zerspringen. Darüber kann ich einfach nicht nachdenken.

Oh, wow.

Und dann gab es jemanden, der wissen wollte, ob er mit seiner bloßen Faust einen freistehenden Briefkasten von seinem Pfahl schlagen könnte, wenn er schnell genug mit dem Auto an diesem vorbeifahren würde. Und diese Frage habe ich tatsächlich versucht zu beantworten. Die Antwort lautet: Nein, nicht wirklich. Aber du kannst dir deine Hand dabei auf sehr aufregende Art verletzen. Wie genau das aussähe, kann man sich nur schwer ausmalen. Aber wenn man weiß, dass ein Baseballspieler seinen Schläger mit etwa 100 km/h schwingt, und dann die Sache umdreht – also sich die Hand stationär und den Briefkasten auf seinem Pfahl wie einen Baseballschläger geschwungen vorstellt –, wird die Antwort sehr klar. Es ist möglich, dass diese Aktion den Briefkasten beschädigt. Aber deine Hand ist danach wirklich nicht mehr okay. Weiter wollte ich die Frage nicht verfolgen. Ich male mit dieser Hand.

Das kann ich nachvollziehen. Aber gibt es noch Fragen, die Sie wirklich überraschen? Bei denen Sie die Antwort wirklich nicht kommen sehen?

Ja, eine davon steht im neuen Buch. Dort fragte jemand: „Meine Autoreifen haben am Anfang eine Profiltiefe von etwa 1,25 Zentimetern. Und sind am Ende abgefahren. Wo ist das ganze Gummi hin?“ Beim Nach­forschen stellte sich heraus, es handelt sich tatsächlich um ein riesiges Problem, und niemand hat eine Lösung. Das Gummi geht überall hin, in die Luft, ins Wasser, in die Erde – es ist eine der Hauptquellen für Plastik in unserer Umwelt. Und niemand weiß, was das Gummi und die Chemikalien in der Umwelt bewirken. Viele Menschen arbeiten an einer Lösung, aber noch ist keine in Sicht. Und ich hatte keine Ahnung davon, bis jemand fragte: „Wo geht eigentlich das ganze Gummi aus den Reifen hin?“

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Das ist beunruhigend.

Aber dann gibt es auch noch eine Frage in dem Buch, ich glaube, es ist die letzte, da hat jemand ein englisches Kinderlied wörtlich genommen. Darin heißt es: „Was wäre, wenn alle Regentropfen Bonbons wären?“ Also habe ich angefangen, Berechnungen anzustellen. Und ich hätte einfach nicht damit gerechnet, wie zerstörerisch dieses Szenario wäre. Keinen Wasserkreislauf mehr zu haben, sicher, das wäre bereits ein Problem. Aber dann stapeln sich die Süßigkeiten. Sie werden verstoffwechselt, die Ozeane füllen sich mit Zucker, riesige Mengen Kohlendioxid geraten in die Atmosphäre und verursachen möglicherweise einen außer Kontrolle geratenen Treibhauseffekt, der das gesamte Restwasser auf der Oberfläche verdampfen lässt. Ich weiß nicht, man redet immer darüber, wie düster und brutal alte Märchen sind. Aber selbst moderne Geschichten, die einfach nur klingen wie eine dumme Idee, können am Ende zerstörerischer sein als alles in den Geschichten der Brüder Grimm.

Wann ist Physik eigentlich wieder cool geworden?

Das hängt wahrscheinlich stark davon ab, wen Sie fragen. Ich würde sagen, es war immer cool. Einige Mitschüler aus meiner Highschoolzeit würden sagen, es war niemals cool. Aber so, wie ich das verstehe, ist die erste Regel der Coolness, dass man so tun muss, als wäre es einem egal, cool zu sein. Demnach ist Physik nur cool, solange Sie sich keine Gedanken darüber machen, ob es cool ist oder nicht.

Dieses Bild der Nasa zeigt die Evolution des Universums, angefangen mit dem Urknall vor fast 14 Milliarden Jahren.

Was war vor dem Urknall?

Vor geraumer Zeit stellten Physikerinnen und Physiker fest: Das Universum hatte einen Anfang. Eine der größten geistigen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts, wie es Stephen Hawking beschrieb, stellte die Wissenschaft auf den Kopf und warf viele neue Fragen auf. Vor allem: Was war davor?

Bücher schreiben, Webcomics zeichnen, seltsame Fragen beantworten: Haben Sie Ihren Traumjob gefunden?

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Ja, es ist wohl schwer, sich etwas Besseres vorzustellen. An der Uni habe ich mich mit allen möglichen Bereichen der Physik beschäftigt und nebenbei Kurse in Mathematik, Ingenieurwesen und Informatik besucht. Als ich dann überlegte, eine Doktorarbeit zu schreiben, sagte einer meiner Berater wörtlich „Du kannst nicht alle Süßigkeiten im Laden haben“, ich solle mich auf einen Teilbereich konzentrieren. Ich könne nicht einfach an einem Problem arbeiten und dann zum nächsten springen. Und ich dachte mir: „Aber das ist genau das, was ich will!“ Und nun bin ich eine Karriere gestolpert, in der ich eben das tue. Es ist also wirklich schwer, sich einen cooleren Job vorzustellen.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Ich hatte schon immer einen chaotischen Arbeitsstil. Ich war niemals ein herausragender Schüler, da es immer mindestens fünf Dinge gibt, die ich gleichzeitig tun wollte. Und es passiert mir wirklich oft, dass ich ein interessantes Problem finde, das völlig unwichtig sein mag für einen Artikel oder ein Buch, das ich gerade schreibe. Aber ich kann es einfach nicht liegen lassen. Und bevor ich es merke, ist ein ganzer Tag vergangen.

Gibt es etwas, das Sie besonders viel Zeit kostet?

In einem Kapitel meines neuen Buchs geht es darum, das gesamte Wasser der Niagarafälle durch einen Strohhalm zu leiten. Und es gibt einen Vertrag zwischen den USA und Kanada, der regelt, wie viel Wasser beide Länder den Wasserfällen entnehmen dürfen. Beide Länder bestimmen dafür einen Waterfall-Compliance-Officer, der auf die Einhaltung der Regeln achtet. Ich hatte sofort Scully und Mulder aus den X‑Files vor Augen, eine Art Spezialpolizei, die alle Fälle von Wasserfallkriminalität aufklärt. Herauszufinden, wie die beiden Beamten heißen, hat am Ende länger gedauert als alle physikalischen Berechnungen für die eigentliche Frage. Aber nun stehen sie in einer Fußnote. Und ich habe sehr viel über Wasserregularien gelernt.

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Ist das ein Teil des Reizes? Sich mit Themen außerhalb des eigenen wissenschaftlichen Hintergrunds zu beschäftigen?

In der Schule fiel es mir nie leicht, etwas nur um des Wissens willen zu lernen. Du verbringst viel Zeit im Matheunterricht mit dem Lernen von Formeln und Rechenmethoden, aber die Fragestellungen, auf die du diese anwendest, sind oft sehr abstrakt. Deshalb mag ich die konkreten Problemstellungen mit denen ich mich jetzt beschäftige so gerne. Diese machen es so viel interessanter, sich mit den Formeln und Gleichungen zu beschäftigen. Für mich ist das sehr motivierend. Wenn ich hingegen keine interessante Frage hätte, die ich versuche zu beantworten, dann wüsste ich nicht, warum ich das Ganze überhaupt lernen sollte.

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Aber bringt das nicht auf den Punkt, was im Mathe- und Physikunterricht an den Schulen falsch läuft? Könnten Sie bitte unseren Unterricht reparieren?

Ich versuche niemals Lehrern zu erzählen, was sie tun sollen. Ich meine, viel Glück damit, was immer ihr für richtig haltet, ist bestimmt eine gute Idee. Im Ernst: Ein Problem ist, dass unsere Lehrpläne so gestaltet sind, dass sie Schüler daran hindern, Fragen zu stellen oder die gelernten Prinzipien auf einfache Probleme anzuwenden. Es ist auch okay, als Lehrer mal nicht zu wissen, was die Antwort ist, und stattdessen zu sagen: „Hier ist das Werkzeug, mit dem du deine Fragen beantworten kannst.“ Die Welt ist ein verwirrender Ort, aber wir können einen Teil davon verstehen, wenn wir versuchen, diese Werkzeuge anzuwenden. Das kann sehr ermächtigend sein.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, über ein „ernstes“ Thema zu schreiben? Wie etwa den Klimawandel und unseren Umgang damit?

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Ja, ich habe eine Handvoll Comics zum Klimawandel und einige zur Pandemie gezeichnet. In dem Comic, der wahrscheinlich die größte Verbreitung gefunden hat, geht es um den Klimawandel. Darin habe ich einen Zeitstrahl gezeichnet, der in der letzten Eiszeit beginnt und an dem man die Entwicklung der globalen Durchschnittstemperatur verfolgen kann, während man tiefer scrollt. Und ganz unten kommen wir in unserer heutigen Zeit an und sehen, wie die Temperatur sehr plötzlich und dramatisch zur Seite ausschlägt. An dem Comic habe ich sehr lange gearbeitet, da ich sichergehen wollte, dass alles stimmt. Wenn ich darüber schreibe, was passiert, wenn man sich sehr dick mit Sonnencreme eincremt und dann in die Sonne taucht, versuche ich auch, die Antwort richtig hinzubekommen. Aber da gibt es weniger Druck. Ich rechne eher nicht damit, dass das jemand ausprobieren wird.

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