Auto? Der Zug ist abgefahren

  • E-Bike, E-Roller, E-Auto – die Industrie hat in den letzten zehn Jahren so viele Transportalternativen auf den Markt gebracht wie nie zuvor.
  • Die neue Vielfalt bestärkt vor allem jene, die aus Überzeugung immer schon aufs Auto verzichtet haben.
  • Auch unsere Autorin.
|
Anzeige
Anzeige

Das Entsetzen der Fragesteller lässt inzwischen etwas nach. Die Abfolge der Fragen aber bleibt immer gleich.

Auf „Du hast kein Auto?“ folgt stets ein nicht minder erstauntes „Aber einen Führerschein hast du schon?!“.

Auch die Antworten sind immer die gleichen: Nein, ich habe kein Auto, ich hatte nie eines und möchte auch in Zukunft keines haben. Aber ja, ich habe Führerschein und Fahrpraxis – seit meinem 17. Lebensjahr.

Anzeige

Wobei der durch das „aber“ implizierte Gegensatz eigentlich schon Quatsch ist. Wieso sollte man ein Auto haben müssen, bloß weil man es fahren darf? Und wieso sollte man es nicht fahren können wollen, bloß weil man den Besitz ablehnt?

Anzeige

Was kompliziert klingt, spiegelt ein einfaches Lebensgefühl. Eines, das meine Generation bedingt, die Generation Y, die der privilegierten sogenannten Millennials. Wer 1988 geboren ist, kennt kaum Einschränkungen, keine Repressionen, kein gespaltenes Land. Eher ein Leben der tausend Möglichkeiten, selbst als Arbeiterkind im Ruhrgebiet. Sei es in Sachen Schule, Berufsausbildung, Hobbys, Selbstverwirklichung oder eben Mobilität. Das Leben ohne Auto ist allerdings auch Teil eines Lebensgefühls, das die Entwicklungen der vergangenen zehn Jahre nicht besser hätten bestätigen können.

Die vergangene Dekade ist zur Verkehrsära auserkoren worden

Anzeige

Verkehrswende ist ein oft bemühtes, überstrapaziertes Wort. Es ist ein Kampfbegriff in der Politik, der Wirtschaft und den Medien. Was soll das sein, die Verkehrswende? Wer steuert sie, seit wann und wohin? Steht sie uns noch bevor oder stecken wir längst drin? Und wollen wir wirklich wenden?

Die vergangene Dekade, so viel kann man sagen, ist einmal explizit von der Bundesregierung zur Verkehrsära auserkoren worden. 2011 hat die schwarz-gelbe Koalition aus CDU, CSU und FDP unter Angela Merkel ein großes „Verkehrssicherheitsprogramm“ verabschiedet, mit drei Schwerpunkten: dem „Aktionsfeld Mensch“, dem „Aktionsfeld Infrastruktur“ und dem „Aktionsfeld Fahrzeugtechnik“. Man wolle „die Sicherheit kontinuierlich erhöhen“, „technische Innovationen positiv begleiten“ und „Rücksichtnahme im Straßenverkehr fördern“, hieß es darin etwa.

Übergeordnetes Ziel bis 2020: eine „sichere, effiziente, sozial und ökologisch vertretbare Mobilität“. Konkretes Ziel: weniger Unfalltote.

Video
E-Scooter in Deutschland: Geliebt, gehasst, gerollert
1:25 min
E-Scooter sollten revolutionieren, wie wir uns umweltbewusst in Großstädten fortbewegen. Doch das Konzept geht nicht auf.  © dpa

Auch wenn die Abschlussbilanz noch aussteht – ein kontinuierlicher Rückgang der Verkehrstoten zeichnet sich schon ab (laut Statistischem Bundesamt von 4009 im Jahr 2010 auf 3275 im Jahr 2018).

Wie effizient und wie sozial Mobilität ist, können Zahlen kaum ausdrücken. Also zurück zum Gefühl. Jenseits jeder mittelgroßen deutschen Stadt ist es für Jugendliche effizienter, frühestmöglich selbst zu fahren, statt auf den Bus zu warten, der selten kommt, doppelt so lange braucht und nicht vor der Haustür hält. Es war also persönlich keine Frage – und auch ein Privileg –, 2005 den Führerschein mit 17 zu machen, als es gerade möglich geworden war in Nordrhein-Westfalen. Das Geld dafür habe ich mir zusammengearbeitet. Sozial ist es schließlich auch, nimmt man all die Zwangsfahrgemeinschaften zusammen, die sich um jene bilden, die die Lizenz in ihrer Peergroup schon besitzen.

Anzeige

Was damals aber noch wichtiger schien als heute: Welches Auto man fuhr. Ein abgehalfterter Twingo namens Wolfgang machte natürlich weniger her als ein nagelneuer Mini Cooper in der Sportedition. Ganze Klassifikationen ließen sich daran ablesen: Es gab die Mittelschicht-Polofahrer, die 1er-BMW-Muttersöhnchen und die, die lieber Fahrrad fuhren, als mit der von Oma geerbten Thunfischdose gesehen zu werden (zum Beispiel einem Fiat Seicento). Da hat sich manches geändert.

Mittlerweile gibt es laut Kraftfahrt-Bundesamt immer weniger sogenannte ABE-Verstöße. Heißt: Immer weniger Menschen motzen ihr Auto illegal auf. Und: Immer weniger 18-Jährige machen heute überhaupt einen Führerschein, viele machen ihn Jahre später, wenn es beruflich nötig wird. Ein eigener Wagen scheint für all jene, die Woche für Woche bei den Fridays for Future fürs Klima streiken, ohnehin keine Option mehr zu sein.

Das Auto hat, zumindest bei Jüngeren, als Statussymbol ausgedient.

Anzeige
Nicht mehr so beliebt: Das Auto als Statussymbol hat ausgedient. © Quelle: imago/Westend61

Du bist, was du fährst. Diese Regel gilt heute schon noch, nur wird sie nicht mehr an der heimischen Garage abgelesen. Neben Bus und Bahn gibt es heute in Städten Uber, Moia, Clevershuttle und wie all die Fahrdienstanbieter heißen, die einen per App günstiger und oft schneller noch als Taxifahrer von A nach B bringen. Es gibt Drive Now und Car2go, wo sich jeder alles direkt am Straßenrand kurzzeitmieten und vor allem ohne Parkschein im Stadtbereich abstellen kann.

Die Frage, wie man Mobilität intelligent nutzt, ist heute Teil des Theorieunterrichts in Fahrschulen. Überhaupt: In Zeiten von Foodsharing, Booksharing und Coworking-Spaces ist Carsharing kein Ausdruck von Armut mehr. Teilen als Lifestyle ist für viele ein Zeichen von Umwelt- oder gar Nächstenliebe.

Kein Thema hat zum Ende dieses Jahrzehnts mehr Aufmerksamkeit erregt als unsere Umwelt, die „ökologisch vertretbare Mobilität“ aus dem Verkehrsprogramm 2011 ist Thema Nummer eins. Nahverkehrsunternehmen locken mit Gratistagen. Gleichzeitig wird der Bahnfernverkehr immer teurer und von Nachtzugnostalgie ist nur noch zu träumen. Vor drei Jahren hat die Deutsche Bahn ihre letzten Nachtzugverbindungen eingestellt und ihr Nein zur Wiedereinführung der Schlafwagenzüge gerade erst bekräftigt.

Elektroautos sind eine Errungenschaft der Zehnerjahre

Billiganbieter wie Ryanair und Flixbus boomen, kein Wunder, und auch auf Kurzstrecken gibt es seit Neuestem ernste Konkurrenz: die E-Roller. Sie teilen sich die Straße mit Touristen auf Cityleihrädern, Senioren auf Pedelecs und Familienvätern mit Kind auf Cargobikes im Wert eines Kleinwagens. Das Stadtbild vielerorts verändert sich. Nur ein Modell verfehlt bisher seinen Durchbruch: das Elektroauto.

Video
Deutsche Bahn will mit ökologischer Fahrweise Strom sparen
1:15 min
Die Deutsche Bahn will noch mehr als bisher Strom – und damit auch Geld – sparen. Intelligentes Fahren soll dabei helfen.  © dpa

Elektroautos sind eine Errungenschaft der Zehnerjahre, und in Zeiten von Klimakrise und Spritpreisen jenseits der Schmerzgrenze erscheinen sie nur folgerichtig. Aber auch wenn Tesla-Chef Elon Musk demnächst seine Gigafabrik in Brandenburg bauen will: Kaum jemand kauft E-Autos.

Von mehr als 3,4 Millionen zugelassenen Neuwagen pro Jahr waren es bis Ende Oktober 2019 gerade einmal 9300 – und das vom Marktführer Tesla. Zu 98 Prozent fahren die Deutschen weiterhin einen Wagen mit Verbrennungsmotor. Vielleicht ist es die Gewohnheit, die Liebe zu Zündkerzen, Benzingeruch, zum Ruckeln der Kupplung und zum Quietschen der Keilriemen. Vielleicht ist es simpler: Der günstigste Tesla kostet derzeit 44. 000 Euro, das beliebte Model S fast das Doppelte.

Die Kosten, das Unfallrisiko, die Umweltbelastung, die nicht nutzbare Zeit und der Ärger am Steuer – es ist eine Mischung aus vielem, kein Auto haben zu wollen. Und auch die Gewissheit, nicht zu vermissen, was man nie hatte. Stattdessen habe ich ein Rennrad (für den Sommer), ein Hollandrad (für den Winter) und ein 30 Jahre altes, von Mama geerbtes Rostrad (für Kneipenbesuche). Außerdem eine Bahncard und mehr Zeit für andere Dinge.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen