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  • Australien: Great Barrier Reef entgeht Roter Liste von Unesco als bedrohtes Weltkulturerbe

Great Barrier Reef entgeht Roter Liste: „Die Welt schaut zu, und die Uhr tickt“

  • Das Great Barrier Reef ist erneut knapp an der Roten Liste vorbeigeschrammt.
  • Dabei hatte die Unesco Ende Juni noch angekündigt, das größte Korallenriff der Erde als „gefährdetes Welterbe“ einstufen zu wollen.
  • Eine Blitzkampagne der australischen Regierung wendete die Blamage jedoch in letzter Sekunde ab.
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An einem sonnigen Tag zwischen den Korallen des Great Barrier Reef zu schnorcheln ist in jeder Hinsicht großartig. Elegante Feuerfische ziehen an einem vorüber, Clownfische spielen Verstecken zwischen wabernden Seeanemonen. Das Great Barrier Reef ist eines der sieben Naturwunder, das größte Korallenriffsystem und die größte lebende Struktur der Welt. Es erstreckt sich über atemberaubende 344.400 Quadratkilometer – eine Fläche, die so groß ist, dass sie aus dem Weltraum sichtbar ist.

Doch große Teile des Riffs kränkeln seit Jahren. Vor rund zehn Jahren hat das Welterbekomitee der Unesco zum ersten Mal „extreme Besorgnis“ über die Gesundheit der Korallen geäußert. Auch der Bericht der Weltnaturschutzunion (IUCN) im Dezember machte deutlich, wie ernst die Lage ist. Die Aussichten des Riffs, das seit 1981 Weltnaturerbe ist, wurden erstmals auf „kritisch“ herabgestuft. Neben dem Klimawandel machen Kohlehäfen, Abwässer aus der Landwirtschaft, Stürme und der gefräßige Dornenkronenseestern den Korallen zu schaffen.

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Im Oktober kam eine Studie zu dem Schluss, dass in den vergangenen 20 Jahren etwa die Hälfte der Korallen abgestorben ist. „Die wissenschaftlichen Beweise sind überwältigend – das Great Barrier Reef ist aufgrund der globalen Erwärmung und der Küstenverschmutzung in Gefahr“, sagt Terry Hughes vom Institut für Korallenforschung an der James-Cook-Universität.

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Das Great Barrier Reef auf der Roten Liste wäre ein Imageschaden

Die Unesco wollte die Aufnahme auf der Liste der Welterben „in Gefahr“ deswegen als einen „Aufruf zum Handeln“ sehen. Die australische Regierung jedoch wollte sich keinesfalls den „Makel“ anhängen, das Riff nicht ausreichend zu schützen. Nicht zuletzt hat sie einen Riffplan bis 2050 aufgestellt, der eine Investition über mehrere Milliarden Australische Dollar vorsieht. Ein Platz auf der Roten Liste hätte nicht nur einen Imageschaden für Australiens Regierung bedeutet, sondern hätte vermutlich auch Auswirkungen auf die internationale Beliebtheit des Riffs gehabt. Denn neben seinem ökologischen Wert ist das Riff auch wirtschaftlich bedeutend: Fischereiindustrie und Tourismus bringen jährlich rund 6 Milliarden Australische Dollar oder umgerechnet 3,75 Milliarden Euro ein. Rund 69.000 Arbeitsplätze hängen am Riff.

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2015 war das Great Barrier Reef schon einmal mit einer „Gelben Karte“ davongekommen. Dass es bei der Sitzung des Welterbekomitees im chinesischen Fuzhou am Freitag nun trotz drei schwerer Bleichen in fünf Jahren – 2016, 2017 und 2020 – erneut „entkommen“ ist, liegt vermutlich an einer Blitzkampagne der australischen Regierung. Diese startete Canberra, nachdem die Hiobsbotschaft der Unesco bekannt wurde. So klapperte die australische Umweltministerin Sussan Ley innerhalb von nur acht Tagen Entscheider in Ungarn, Frankreich, Spanien, Bosnien und Herzegowina, Oman und den Malediven ab. Insgesamt habe sie Botschafter aus 18 Ländern persönlich oder virtuell getroffen, hieß es vonseiten des Büros der Ministerin. Zusätzlich dazu lud die australische Regierung internationale Diplomaten in Canberra zum Schnorcheltrip ans Great Barrier Reef ein.

„Welch zwielichtiger Deal wurde da ausgehandelt?“

Die Lobbying-Arbeit der australischen Regierung machte sich bezahlt. Außer China und Norwegen unterstützten die meisten Entscheider, darunter Bahrain, Brasilien, Spanien, Uganda, Nigeria, Saudi-Arabien und Russland, die Australier – eine Länderliste, die die ehemalige Grünen-Chefin Christine Milne dazu veranlasste, auf Twitter zu hinterfragen, was die australische Regierung den Saudis, Bahrain und anderen angeboten habe, um die Aufnahme in der Roten Liste zu „entgleisen“ und die Arbeit des Welterbekomitees „infrage zu stellen“. „Welch zwielichtiger Deal wurde da ausgehandelt?“

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Auch John Tanzer, der Meeresexperte des WWF und früherer Direktor der Great Barrier Marine Park Authority, hatte noch vor der Entscheidung dafür plädiert, dass die Politik nicht die Wissenschaft durchkreuzen dürfe. „Kämpft nicht gegen die Diagnose, kämpft gegen die Bedrohungen“, kommentierte er. „Die Welt schaut zu, und die Uhr tickt.“

Keine wirksame Klimapolitik

Dass die australische Regierung eine „Gefährdung wegen des Klimawandels“, die die Unesco eigentlich im Sinn hatte, nicht anerkennen wollte, hat vermutlich auch damit zu tun, dass das Land eine der höchsten CO₂-Emissionsraten pro Kopf hat. Australiens Premierminister Scott Morrison, der einst ein Stück Kohle mit ins Parlament brachte, um den Rohstoff zu bewerben, war bisher auch nicht gewillt, die wenig ehrgeizigen Emissionsziele – eine Reduzierung um 26 bis 28 Prozent unter das Niveau von 2005 bis 2030 – nachzubessern. Auch ein Nullemissionsziel ist bisher nicht bekannt gegeben worden.

Dabei wäre Australiens Potenzial groß: Das Land ist ein „Powerhouse“ der regenerativen Energiequellen – mit Sonnen-, Wind-, Gezeiten-, Wellen- und geothermischer Energie. Südaustralien beispielsweise deckt schon heute 60 Prozent seines Strombedarfs aus Wind und Sonne ab. Bis 2030 sollen die 100 Prozent erreicht werden. Doch auf Bundesebene sträubt man sich, auf erneuerbare Energien umzurüsten. Im vergangenen Jahr hat die australische Regierung Gas als „Übergangsenergie“ für eine emissionsärmere Zukunft nominiert – einen fossilen Brennstoff, um von den fossilen Brennstoffen Abschied zu nehmen.

Doch Australien gehört auch zu den größten Exporteuren fossiler Brennstoffe – nach Saudi-Arabien und Russland – beides Länder, die sich bei der Great-Barrier-Reef-Entscheidung auf die Seite der Australier geschlagen haben.

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