Stalking: Die zermürbende Jagd nach Liebe

  • Es zeigt sich in unerwünschten Anrufen, Liebesschwüren per E-Mail und Messenger oder scheinbar zufällige Treffen im Lieblingscafé
  • Statistisch gesehen wird jeder Zehnte im Laufe seines Lebens einmal gestalkt, das heißt beobachtet, belästigt oder gar bedroht - in etwa 50 Prozent aller Fälle vom Ex-Partner.
  • Viele Menschen haben auch noch Jahre später mit den Folgen der permanenten Nachstellung zu kämpfen.
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Hannover. Sein Fall beschäftigt Medien und Gerichte: Seit 18 Jahren muss Michael Hammerschmidt, katholischer Pfarrer im sauerländischen Meschede, ungebetene Liebesschwüre, Geschenke, Telefonanrufe und obszöne Tanzvorführungen im eigenen Garten ertragen. Die mittlerweile 76 Jahre alte Dame, die ihn täglich belästigt, galt nach einem Urteil im Jahr 2017 als schuld- und unzurechnungsfähig, konnte deshalb für ihre Taten nicht bestraft werden - weder mit Gefängnis, noch kam eine Einweisung in die Psychiatrie infrage. "Ich fühle mich wie Freiwild", hatte Pfarrer Hammerschmidt seinerzeit wütend bekundet. Doch immerhin: Im bevorstehenden November soll der Fall laut Westfalenpost nun doch noch einmal neu aufgerollt werden, nachdem erneut ein Gutachten erstellt wurde, das besagt, die Frau sei sehr wohl schuldfähig.

Dass ein Mensch dafür bestraft werden kann, wenn er permanent die Nähe einer anderen Person sucht, sie bedrängt und auf verschiedenste Art und Weise Kontakt mit ihr aufzunehmen versucht, wurde 2007 erstmals gesetzlich festgelegt. Laut Paragraf 238 des Strafgesetzbuches sind bis zu drei Jahre Gefängnis möglich für jemanden, der „einer anderen Person in einer Weise unbefugt nachstellt, die geeignet ist, deren Lebensgestaltung schwerwiegend zu beeinträchtigen“. 2017 wurde das Gesetz noch einmal nachgebessert, um die strafrechtliche Verfolgung zu vereinfachen.

„Der muss nur aufhören“

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„Grundsätzlich ist es seitdem für die Staatsanwaltschaft in bestimmten Fällen leichter, Anklage zu erheben“, sagt Wolf Ortiz-Müller, Psychologe und Leiter der Berliner Beratungsstelle Stop-Stalking. Doch schon wieder ein schärferes Gesetz sei nicht unbedingt das, was Betroffene bräuchten: „Viele haben eher Schwierigkeiten damit, zur Polizei zu gehen. Die sagen: Ich will gar nicht, dass er bestraft wird, der muss nur aufhören.“

80 Prozent der Stalker sind männlich

Stalking, so der Fachbegriff, kommt aus der englischen Jägersprache und bedeutet so viel wie heranpirschen, auflauern. 80 Prozent der Stalker sind, anders als im oben beschriebenen Fall, männlich, mehr als 80 Prozent der Betroffenen weiblich. In etwa der Hälfte der Fälle bestand vorher eine Paarbeziehung. Darum leiden auch viele anfangs mit, wenn sie sehen, wie der Mensch, den sie einmal geliebt haben, sich um sie bemüht. Manchmal fühlen sie sich selbst schuldig, weil sie sich ihm gegenüber vielleicht schäbig verhalten haben. Dass es sich womöglich um Stalking handeln könnte, wird ihnen erst mit der Zeit bewusst.

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Stalking ist oft ein fließender Prozess

„Stalking ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess“, so Tobias Langenbach von der Hilfsorganisation Weißer Ring. „Die Übergänge zwischen unerwünschter Kontaktaufnahme, Belästigung und Bedrohung können fließend sein.“ Für das Opfer, das in eine ganz massive Drucksituation gerate, habe Stalking derweil erhebliche psychische und physische Auswirkungen.

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Stalkingopfer leiden meist noch Jahre später

Viele Menschen haben auch noch Jahre später mit den Folgen der permanenten Nachstellung zu kämpfen. „Sie sind in ständiger Alarmbereitschaft und leiden unter einem Gefühl von Kontrollverlust“, beobachtet Jens Hoffmann, Leiter des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. „Wir wissen auch, dass die Depressions- und vielleicht auch Suizidrate bei Stalkingopfern etwas höher liegt.“

Wer wie Michael Hammerschmidt aus Meschede in der Öffentlichkeit auftritt, kann sich zudem nicht so einfach schützen. Eine Geheimnummer kam für den Pfarrer ebenso wenig infrage wie der völlige Rückzug ins Private. Seine Dienstnummer ist öffentlich bekannt und am Sonntag steht er vor der Gemeinde auf der Kanzel und meidet den Blick in Richtung seiner Stalkerin.

Hilfe für Studierende und Uni-Mitarbeitende

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Als erste ihrer Art hat die Technische Universität Darmstadt vor zehn Jahren eine Anlaufstelle für Studierende und Mitarbeitende eingerichtet, an die sich Hilfesuchende wenden können, wenn sie sich in irgendeiner Form bedroht fühlen. Ausschlaggebend dafür war der Fall eines Studenten, der begonnen hatte, seine Professoren per Mail zu belästigen. „Wir haben lange versucht, freundlich mit ihm zu reden“, erinnert sich Mada Mevissen, eine der Ansprechpartnerinnen im Bedrohungsmanagement. Erst als der Student ein Massaker androhte, schaltete die Universität die Polizei ein. „Da haben wir gemerkt, wir müssen ein Konzept ausarbeiten, um auf solche Fälle besser vorbereitet zu sein.“

Seitdem setzen sich Mitarbeiter verschiedener Bereiche alle sechs Wochen zusammen, um aktuelle Fälle zu diskutieren. Es gibt einen internen Notruf sowie Schulungen für Menschen, die etwa im Vorzimmer des Präsidiums, an der Pforte oder in der Bibliothek arbeiten. „Es ist wichtig, dass Leute, die sehr stark mit manchmal sehr merkwürdigen Menschen zu tun haben, wissen, wie sie mit der jeweiligen Situation umgehen können“, so Mevissen. Etwa hundert Stalkingfälle, so ihre Schätzung, habe das Bedrohungsmanagement an der Uni in den letzten zehn Jahren behandelt.

Hilfsangebote für Stalkingopfer sollten unerlässlich sein

Wolf Ortiz-Müller findet es unerlässlich, weitere Hilfsangebote für Stalkingopfer zu schaffen. „Die Zahl der Betroffenen, die nach einer polizeilichen Anzeige in Berlin erreicht werden, liegt bei deutlich unter 10 Prozent, in anderen Ländern, etwa Nordirland oder auch Holland, bei deutlich über 50, manchmal sogar 70 Prozent.“ Er fordert, der Polizei zu erlauben, Daten der Opfer mit deren Einverständnis weiterzugeben, damit Hilfseinrichtungen von sich aus an die Menschen herantreten können. „Ein Gesetz ist zwar notwendig und gut. Aber mindestens genauso wichtig ist, dass man den Menschen sagt, wir hören zu und wir sind für ihre Sorgen, Nöte und Ängste da.“

Pfarrer Hammerschmidt hat einen Kreis von guten Freunden, die ihm helfen, den anhaltenden Terror der liebestollen 76-Jährigen zu überstehen. Nach dem letzten Urteil 2017 hatte er bereits jegliche Hoffnung aufgegeben, dass die Justiz ihm helfen könnte. Seine ernüchternde Erkenntnis damals: Beenden kann das Stalking nur noch der Tod – seiner oder ihrer. Mit dem neuen Verhandlungstermin, der in Kürze ansteht, dürfte nun aber doch noch mal ein klein wenig Hoffnung aufgeflammt sein. Möglicherweise nimmt der Stalking-Fall in Meschede nun doch noch ein gutes Ende.

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Was tun bei Stalking?

  • Den Kontakt abbrechen: Wer über Wochen belästigt wird, sollte dem anderen einmal deutlich zu verstehen geben, dass jegliche Annäherungsversuche zu unterlassen sind. Danach ist es wichtig, konsequent zu bleiben und den Kontakt zu meiden. Jede Reaktion bestärkt Stalker in ihrem Handeln.
  • Das nähere Umfeld informieren: Verwandte, Freunde und Arbeitsstelle sollten früh Bescheid wissen, was passiert, damit sie nicht ungewollt persönliche Informationen preisgeben oder gar Zugang zu Büro oder Wohnung gewähren.
  • Belege sammeln: Um juristisch gegen Stalker vorgehen zu können, ist es hilfreich, sämtliche Nachrichten zu sammeln und zu dokumentieren, wann, wie oft und auf welche Weise Annäherungsversuche stattfinden.
  • Hilfe in Anspruch nehmen: Organisationen wie Stop-Stalking, Weißer Ring oder auch das rund um die Uhr besetzte Hilfetelefon mit der Nummer (0 80 00) 11 60 16 bieten kostenlose Beratung und Betreuung für Opfer und Täter an.

RND/Alena Hecker