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Rote-Liste-Koordinator: „Wer auf das Quaken der Frösche verzichten will, könnte ein Mückenproblem bekommen“

  • 34 Amphibien- und Reptilienarten gibt es in Deutschland.
  • Bei allen gibt es alarmierende Rückgänge der Bestände, sagt der Rote-Liste-Koordinator Ulrich Schulte.
  • Im Garten brauche es deshalb mehr Mut zur Unordnung, für Flüsse und Landwirtschaft weniger Monotonie und in der Politik echten Willen zur Veränderung.
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Das Quaken der Frösche nimmt in Deutschland ab. Und wenn jemand weiß, wieso, ist das Ulrich Schulte. Der Zoologe und Biologe hat die Erstellung der nationalen Roten Listen der Amphibien und der Reptilien für Deutschland koordiniert. Im RND-Interview erklärt der Experte, wieso er vom Resultat der Datenlage alarmiert ist und wieso weniger Frösche und Schlangen auch für uns Menschen ein Problem werden können.

Ulrich Schulte betreibt ein Büro für faunistische Gutachten. Er ist Autor von mehr als 100 Fach­publikationen zu heimischen Amphibien und Reptilien und deren Schutz sowie Teil­schrift3leiter der Zeitschrift für Feld­herpe­tologie. © Quelle: Privat

Herr Schulte, wie steht es um die Frösche und Schlangen in Deutschland?

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Es gibt 34 Amphibien- und Reptilienarten in Deutschland. Und bei allen Arten haben wir einen Rückgang der Bestände bemerkt. Geburts­helfer­kröte, Kreuzkröte, Wechsel­kröte, Gelb­bauch­unke und Rotbauch­­unke – das sind inzwischen wirklich stark gefährdete Amphibien hierzulande. Ganz zu schweigen von den Reptilien, bei denen mittlerweile nur noch die Blindschleiche als nicht gefährdet gilt. Alle weiteren Arten zeigen starke Bestands­abnahmen. Besonders alarmierend ist es, dass nun auch eigentlich häufige Arten wie die Waldeidechse und der Grasfrosch immer seltener werden und gefährdet sind.

Wieso geht es den Amphibien und Reptilien hierzu­lande so schlecht?

Nehmen wir die Geburts­helfer­kröte. Bei ihr sind die stärksten Rückgänge in den vergangenen 20 Jahren zu beobachten, weil geeigneter Lebens­raum fehlt. Es gibt kaum noch kleinere Hofbetriebe mit Kleinst­gewässern wie etwa Löschteichen. Diese benötigt die Geburts­helfer­kröte aber zur Fort­pflanzung. Erd- und Steinhaufen sowie Trocken­mauern im Umfeld sind als Lebensraum größtenteils verschwunden. Naturnahe Bäche und Flüsse mit vegetationsarmen, sandig-kiesigen Uferbereichen fehlen vielerorts. Deshalb hat es diese Art sehr schwer.

So sieht ein Männchen der Geburts­helfer­kröte aus. Den Tieren fehlt in Deutschland geeigneter Lebensraum. © Quelle: Ulrich Schulte
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Der Schwund einzelner Arten macht also deutlich, wie es im Großen um unsere Natur bestellt ist?

Der Arten­schwund zeigt, dass die Landschaft in Deutschland abgesehen von speziellen Schutz­gebieten weiträumig sehr eintönig und strukturarm geworden ist. Die intensive Land­wirt­schaft spielt dabei eine zentrale Rolle. Während die Zahl der Betriebe abnimmt, steigt die durchschnittliche Größe der land­wirt­schaftlich genutzten Fläche.

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Die Äcker werden also immer größer, der Einsatz von Pestiziden und die Düngung nimmt massiv zu. Es gibt keine Hecken, Gelände­kanten, Wegsäume, Steinhaufen mehr und der Grund­wasser­stand wurde vielerorts extrem abgesenkt. In so einer monotonen Landschaft kann kaum eine Art überleben – weder Amphibien noch Reptilien noch Insekten.

Gibt es neben der Land­wirt­schaft noch andere Probleme?

In Deutschland wurden seit dem 19. Jahrhundert nahezu alle größeren Flüsse begradigt. Es gibt nur noch sehr wenige naturnahe Flüsse. Amphibien brauchen aber Auen­bereiche mit kleinen, flachen Gewässern, die immer wieder aufs Neue entstehen. Reptilien benötigen offene Uferbereiche, die ebenfalls durch die Hochwasserdynamik entstehen. Ich habe aber die Hoffnung, dass derartige Lebensräume im Zuge eines modernen Hoch­wasser­schutzes wieder an Bedeutung gewinnen. Wenn Flüssen mehr Raum gegeben wird, können sich diese Arten zum Teil wieder erholen.

Landschaft entsteht auch in den Gärten. Was können jeder und jede tun, damit sich Frösche, Kröten und Eidechsen dort wohler fühlen?

Amphibien hilft es, wenn man auf Fische im Gartenteich verzichtet. Damit kommt nur die Erdkröte zurecht. Bei allen anderen Arten werden der Laich und die Larven von den Fischen gefressen. Wer sich von den eigenen Fischen im Gartenteich trennen will, sollte die Tiere deshalb auch auf gar keinen Fall in ein umliegendes Gewässer aussetzen, weil sie Bestände von Fröschen und Kröten gefährden. Das passiert leider häufiger.

Gibt es auch praktische Tipps, die Reptilien helfen?

Zur Förderung von Reptilien im Garten braucht es Mut zur Unordnung. Mit wenigen Dingen kann man im eigenen Garten viel erreichen – vor allem in Randlagen von Siedlungen. Es helfen da schon kleine Dinge: etwa einen Altgrasstreifen oder eine Ecke mit Wildblumen stehen lassen. Eine gen Süden ausgerichtete Totholzhecke als Begrenzung ist auch super. Komposthaufen sind auch eine gute Idee. Diese werden gerne von Blindschleichen aber auch Ringelnattern angenommen.

In Komposthaufen fühlt sich die Ringelnatter wohl. © Quelle: Ulrich Schulte
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Kommt es denn beim Artenschutz wirklich auf den einen Frosch hier oder die eine Blind­schleiche dort an?

Jede Art hat für sich allein bereits einen Wert und jedes Lebewesen das Recht, zu existieren. Jedes Tier spielt auch eine wichtige Rolle im Ökosystem, auf das wir Menschen angewiesen sind. Wer auf das laute Quaken der Frösche im Garten verzichten will, könnte beispiels­weise ein Mücken­problem bekommen. Wer Schlangen im Garten und Umfeld beherbergt, hat weniger starke Mäusebestände.

Auch Eidechsen haben für den Menschen einen indirekten Nutzen. Sie sind zwar Wirtstiere für Zecken. Der Vorteil ist aber, dass sich Borrelien im Blut der Eidechse nicht vermehren. So minimiert die Eidechse gewissermaßen die Wahrschein­lichkeit, dass ein Zeckenstich eine gefährliche Infektion beim Menschen auslöst.

Waldeidechsen können die Anzahl der für Menschen gefährlich werdenden Erreger wie Borrelien in Zecken verringern. © Quelle: Ulrich Schulte

Meint es Deutschland ernst genug mit dem Artenschutz?

Der Artenschutz ist im Gesetz gut verankert. Aber es hapert an der konsequenten Umsetzung. Aus meinen Erfahrungen kann ich sagen, dass meist die Wirtschaft an erster Stelle steht. Insbe­sondere bei Groß­projekten wird zwar geprüft, ob streng geschützte Arten im Plangebiet vorkommen und betroffen sind. Bei Konflikten wird das Projekt aber oft trotzdem so wie geplant durchgezogen, statt zumutbare Alternativen ausreichend zu prüfen. Entscheidend ist eine gute frühzeitige Planung der Lage des Baufeldes. Eine eingriffs­arme Planung spart Zeit und Kosten.

Sie wünschen sich also, dass der Arten­schutz prioritär behandelt wird?

Genau. Ich sehe in Deutschland gerade keinen großen Willen zur Veränderung. Es gibt zwar das Bekenntnis. Aber es fehlt eine lang­fristige Strategie, die nicht nur einzelne stark gefährdete Arten, sondern den Artenschwund und den Flächenverbrauch als Ganzes in den Blick nimmt.

Der Verbrauch von Flächen für Gewerbe, Hausbau und Verkehr sollte in Deutschland zukünftig reduziert werden. Die gemeinsame Agrarpolitik der EU sollte über gezielt eingesetzte Subventionen endlich Anreize setzen, um nachhaltige Land­wirt­schaft zu fördern. Der Erhalt und die Förderung von Boden, Wasser, Klima, Bio­diver­sität und Landschaft sollten gezielt gefördert werden – im Großen wie im Kleinen.

Mit welchem Szenario rechnen Sie, wenn das nicht passiert?

Wenn all dies nicht geschieht, halte ich es für wahrscheinlich, dass das Beobachten von Amphibien und Reptilien demnächst einem Zoobesuch ähnelt. Man fährt dann in ein weit entferntes isoliertes Natur­schutz­gebiet und hat eventuell noch Glück, vereinzelt eine ehemals häufige Art sehen zu können.

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