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Archäologin: Geschlechterrollen in der Urzeit müssen neu gedacht werden

  • Die Männer stellten den Mammuts nach, und die Frauen sammelten Beeren, kümmerten sich um die Kinder und hielten das Feuer am Laufen.
  • Das ist das typische Bild, das uns in den Kopf kommt, wenn wir an die Steinzeit denken.
  • Doch diese Vorstellung ist in der Wissenschaft längst überholt, berichtet Archäologin Brigitte Röder im RND-Interview.
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Für Archäologin Brigitte Röder sind Wahrnehmung und Interpretationen archäologischer Quellen stark von heutigen Vorstellungen geprägt. Mittlerweile steht für sie fest, die Rollenverteilung aus der Urzeit kann und sollte neu interpretiert und überdacht werden. An eindrücklichen Beispielen zeigt Röder, dass in der Steinzeit nicht alles so war, wie wir heute denken.

Frau Röder, das Bild der männlichen Jäger und weiblichen Sammlerinnen scheint zu bröckeln. Was können Archäologen über die Rollenverteilung in der Steinzeit sagen?

Aus meiner Sicht sehr wenig. Wir haben aus der Steinzeit keine schriftlichen Quellen, sondern überwiegend Alltagsgegenstände aus widerstandsfähigen Materialien, die dem Zahn der Zeit getrotzt haben. Sie geben uns keinen vollständigen Einblick in die damaligen Lebensverhältnisse, sondern beleuchten jeweils nur bestimmte Ausschnitte. So sieht man einem Speer nicht an, ob ihn eine Frau oder ein Mann geworfen hat. Aufschlussreicher sind hier die sterblichen Überreste der damaligen Menschen. Wenn in der Altsteinzeit nur Männer gejagt hätten, würde man erwarten, dass männliche Skelette mehr und andere Verletzungen aufweisen als weibliche. Dafür gibt es bislang aber keine Hinweise.

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Deshalb ist es naheliegender davon auszugehen, dass sich beide Geschlechter an der Jagd beteiligten. Das Bild vom heldenhaften Jäger, der im Alleingang ein Mammut erlegt, während seine Frau mit den Kindern in der heimischen Höhle auf die Fleischlieferung wartet, ist jedenfalls ein modernes Klischee.

In letzter Zeit gab es ja einige archäologische Funde, die zeigten, wie falsch man bei der Vorstellung der urgeschichtlichen Rollenverteilung lag.

Befunde, die unseren Vorstellungen von urgeschichtlichen Frauen- und Männerrollen widersprechen, gab es auch schon früher. Neu ist das mediale Interesse an ihnen. Gerade macht ein 9000 Jahre altes, sogenanntes Jägerinnengrab aus den Anden in den Medien Furore. Ebenfalls immense Aufmerksamkeit erhält die Wikingerkriegerin von Birka, die aufgrund der Waffenbeigaben über 100 Jahre für einen Mann gehalten wurde, bis eine DNA-Analyse zeigte, dass diese Schlussfolgerung falsch war.

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Ein weiteres Beispiel ist ein jungsteinzeitliches Grab, das 2011 in Tschechien gefunden wurde. Es bringt unsere Erwartungen durcheinander, weil hier ein Mann nach weiblichem Ritus bestattet wurde. Prompt gab es Spekulationen, dass er vielleicht homo- oder transsexuell war. Über diesen Fall wurde noch Jahre später in den Medien berichtet. Die enorme Aufmerksamkeit für diese irritierenden oder zumindest überraschenden Befunde beruht wohl weniger auf einem historischen Interesse an der Urgeschichte. Eher dürften sie irritieren, weil sie heutige Vorstellungen von Geschlechterrollen durchkreuzen, von denen wir glauben, dass sie so alt wie die Menschheit seien.

Sozialstrukturen in Familien werden selten berücksichtigt

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Woher stammt denn das immer noch präsente Bild der Jäger und Sammlerinnen?

Der Mann ist der mutige Jäger, der auf Mammutjagd geht, und die Frau sammelt Beeren, hält die Feuerstelle am Laufen und kümmert sich um die Kinder. Dieses Bild einer steinzeitlichen Familie basiert nicht auf archäologischen Erkenntnissen, sondern entspricht dem Geschlechtermodell, das im 18. und 19. Jahrhundert in der bürgerlichen Gesellschaft entstand und bis heute als „ursprünglich“ gilt. Diese falsche Annahme wird in der Forschung zunehmend hinterfragt. Aber in vielen Fachpublikationen und populärwissenschaftlichen Darstellungen halten sich diese Bilder als scheinbare Selbstverständlichkeiten bis heute.

Ein gutes Beispiel dafür ist ein TV-Experiment des SWR, für das zwei Familien „wie in der Steinzeit“ acht Wochen in einer Pfahlbau-Siedlung lebten. Während die Häuser, die Kleidung, die Nahrungsmittel etc. akribisch recherchiert worden waren, um so originalgetreu wie möglich zu sein, waren die sozialen Verhältnisse bei der Vorbereitung dieses Experiments kein Thema. Vielmehr ging man selbstverständlich davon aus, dass in der Jungsteinzeit in jedem Pfahlbauhäuschen eine Kleinfamilie aus Mutter, Vater, Kindern lebte. Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein.

Was können Archäologen über das Zusammenleben in der Urgeschichte sagen?

Das kommt sehr auf die Quellenlage an. In der Schweiz zum Beispiel gibt es Siedlungsreste aus der Jungsteinzeit, in denen sich im feuchten Untergrund an Seeufern auch organische Materialien wie Holz oder Nahrungsreste erhalten haben. Sie ermöglichen detaillierte Einblicke in die damalige Lebensweise. Sogar die Baugeschichte der Siedlungen können wir teilweise jahrgenau nachvollziehen. Je weiter wir in der Zeit zurückgehen, desto spärlicher werden die Quellen.

Trotzdem zeichnet sich ab, dass die urgeschichtlichen Gesellschaften ganz anders organisiert waren als unsere heutigen. Die Lebensweisen sind aus meiner Sicht überhaupt nicht miteinander vergleichbar. Das waren nicht einfach Menschen wie du und ich, die in einfacheren Verhältnissen und mit weniger Technik lebten. Es waren für uns heute fremde Gesellschaften, die es zu entdecken gilt.

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„Verknüpfung von Eiweißkonsum mit Geschlechterhierarchie nicht stichhaltig“

Sehr anschauliche Zeugnisse aus der Altsteinzeit sind die Höhlenmalereien. Geben sie uns Hinweise auf das alltägliche Zusammenleben?

Diese Malereien sind spektakulär, aber sie bilden nicht den Alltag ab. Wegen der vielen Tierdarstellungen dachte man anfangs, dass sie im Kontext von Jagdmagie entstanden seien. Weil Jagd – wie im Übrigen auch die Kunst – aktuellen Geschlechterklischees zufolge als Männersache galt, hält sich teilweise bis heute die Vorstellung, dass die Höhlen von Männern ausgemalt worden seien. Doch dafür gibt es keine Belege. Im Gegenteil: Heute ist nachgewiesen, dass in den Höhlen neben Männern auch Frauen und Kinder anwesend waren. Das kann man aus den farbigen Handabdrücken schließen, die sich an den Höhlenwänden finden. Weshalb sollten die Tierdarstellungen also ausschließlich von Männern stammen?

Manche Forscher machen die Bronzezeit als den Beginn einer patriarchalen Geschlechterhierarchie aus. Funde deuten darauf hin, dass Frauen nun weniger Fleisch zu Essen bekamen. Kann man tatsächlich einen solchen Start des Patriarchats ausmachen?

Das halte ich aus verschiedenen Gründen für problematisch. Da scheint wohl die Vorstellung aus dem 19. Jahrhundert wieder auf, dass die Menschheitsgeschichte auf der ganzen Erde gleich verlaufen sei und zunächst überall das Matriarchat geherrscht habe, auf das dann das Patriarchat gefolgt sei. Heute ist jedoch klar, dass es nicht die eine Menschheitsgeschichte gibt, sondern wir es mit einem Flickenteppich aus unzähligen, teilweise sehr unterschiedlichen Geschichten zu tun haben.

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Abgesehen von diesem fragwürdigen Geschichtsbild gibt es auch Befunde, die dieser These widersprechen. So sind bereits aus der Jungsteinzeit Fallbeispiele bekannt, bei denen für Männer ein höherer Konsum an tierischem Protein nachgewiesen wurde. In der Logik der Argumentation hieße das dann, dass das Patriarchat bereits in der Jungsteinzeit entstanden sein müsse. Ich halte die Verknüpfung von Eiweißkonsum mit Geschlechterhierarchie jedoch generell nicht für stichhaltig, weil Ernährungsunterschiede auf Nahrungsvorlieben und -tabus zurückgehen können, hinter denen wiederum religiöse oder andere kulturelle Konzepte stehen, die nichts mit sozialen Hierarchien zu tun haben.

Archäologische Befunde waren lange von heutigen Vorstellungen geprägt

Wie steht es um Erkenntnisse zu Grabbeigaben oder Lebenserwartung, verraten sie mehr über Geschlechterhierarchien?

Auch diese Kriterien sind problematisch. Eine höhere Lebenserwartung soll Ausdruck für eine höhere hierarchische Position sein. Aber was ist dann mit unserer Gesellschaft, in der Frauen im Schnitt älter werden? In dieser Logik müssten bei uns die Frauen das Sagen haben. Und auch die Argumentation über den Reichtum der Grabbeigaben ist kompliziert, weil Gräber kein Spiegel des Lebens sind. Ein interessanter Fall sind hier Prunkgräber aus der Eisenzeit, die für Männer und Frauen strukturell gleich angelegt wurden und die – zumindest bei den Bestattungspraktiken – folglich keine Unterschiede erkennen lassen.

Wie schwer ist es, sich als Forscherin von den eigenen Vorstellungen über Geschlechterrollen und Kultur freizumachen und die Funde „unbefangen“ zu betrachten?

Früher habe ich mich an vielen Aussagen in der Fachliteratur nicht gestört, einfach weil sie den Geschlechterklischees entsprechen, mit denen ich aufgewachsen bin. Die persönliche kulturelle Prägung kann man sich aber bewusst machen. Sie betrifft übrigens nicht nur Geschlechterrollen, sondern auch andere Aspekte des Zusammenlebens.

Ein schlagendes Beispiel dafür ist das Gräberfeld von Hallstatt im Salzkammergut, das sich in der Nähe eines Salzbergwerks aus derselben Zeit befindet. Die Untersuchung der Skelette belegt, dass nicht etwa, wie man erwarten würde, nur die Männer im Bergwerk gearbeitet haben, sondern dass auch Frauen und bereits die Kinder am Salzabbau beteiligt waren. Die Männer haben das Salz aus dem Berg herausgeschlagen, und die Frauen haben es nach oben getragen.

Noch spannender: Obwohl viele dieser Gräber unglaublich reich ausgestattet sind, zeigen die Skelette die Spuren harter körperlicher Arbeit. Das hat mich sehr überrascht. Eigentlich war ich immer davon ausgegangen, dass „reiche“ Menschen sich aus harter körperlicher Arbeit zurückziehen und andere für sich arbeiten lassen. Dieser Befund hat mir sehr eindrücklich vor Augen geführt, wie stark die Wahrnehmung und Interpretation archäologischer Quellen von heutigen Vorstellungen geprägt sind. Sich das immer wieder bewusst zu machen ist deshalb ein zentraler Bestandteil archäologischer Forschung.

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