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  • Anstieg der Corona-Infektionsfälle in Deutschland: Interview mit Epidemiologe Gérard Krause

“Das alleinige Schauen auf Infektionszahlen ist problematisch”

  • Der Epidemiologe Gérard Krause hält die Entwicklung der schweren Covid-19-Verläufe und der Todesfälle für das entscheidende Kriterium zur Beurteilung der Pandemie.
  • Krause fordert einen besseren Schutz von Risikogruppen – dann sei auch ein Anstieg der Neuinfektionen verkraftbar.
  • Zugleich spricht er sich gegen anlasslose Massentests aus, weil diese die Auswertung und Weitergabe von Ergebnissen unnötig verzögerten.
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Braunschweig. Seit rund zwei Wochen steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen auch in Deutschland wieder an. Sind deshalb auch neue Beschränkungen nötig? Im RND-Interview erläutert Professor Gérard Krause, Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, welche Entwicklungen wir viel stärker im Blick behalten sollten als die Kurve der reinen Infektionszahlen – und skizziert zugleich eine andere Teststrategie.

Herr Krause, die Infektionszahlen steigen seit einigen Tagen wieder an. Wie sehr beunruhigt Sie diese Situation?

Wir sind nicht direkt überrascht. Das ist eine Mischung aus mehr Testen und mehr Infektionen. Viel wichtiger ist aber aus meiner Sicht zu beachten, wie sich das auf die schweren und tödlichen Verläufe auswirkt. Darauf sollten wir viel mehr gucken und das zum Gegenstand unserer Sorge machen. Dieses alleinige Schauen auf Infektionszahlen ist problematisch. Wir müssen das ganze Bild sehen.

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Hängt das nicht miteinander zusammen?

Nicht so direkt. Wenn man sehr viel jüngere Menschen testet, steigen zwar die Fallzahlen, aber nicht notwendigerweise die schweren Erkrankungen im selben Ausmaß. Und wenn wir es schaffen sollten, gerade die Menschen, die dazu neigen, leicht eine schwere Erkrankung zu bekommen, besser zu schützen, dann kann es sein, dass man in der Gesamtbevölkerung eine relativ hohe Zahl von Infektionen aushält, ohne dass damit eine große Steigerung von schweren Erkrankungen oder sogar Todesfällen einhergehen muss. Das ist nicht einfach, sollte aber unser Ziel sein.

“Wir sehen ein Frühsignal”

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Es gibt derzeit offenbar ausreichend freie Intensivbetten. Ist das dann ein Zeichen, dass es kaum zusätzliche schwere Erkrankungen gibt?

Das Signal der schweren Erkrankungen bekommen wir erst mit Verzögerung, ich möchte daher nicht vorzeitig entwarnen. Was wir sehen, ist ein Frühsignal. Es ist aber auch nicht nur damit getan, darauf zu schauen, ob die Versorgungskapazitäten erschöpft sind. Wir wollen insgesamt die schweren Erkrankungen vermeiden, denn wir haben bis jetzt kein gezielt wirkendes Medikament gegen die Infektion.

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Wie sehen Sie Deutschland inzwischen beim Schutz der Risikogruppen gerüstet? Wurde der Sommer genutzt?

Mein Eindruck ist, dass die öffentliche Aufmerksamkeit sich viel zu wenig diesem Thema widmet. Das ist ja nicht einfach, nicht billig gemacht. Das Personal muss ausreichend und qualifiziert sein, die Prozesse müssen entsprechend ausgestaltet sein. Es müssen genug Mitarbeiter da sein, damit sie die hygienischen Maßnahmen ungehetzt durchführen können. Ausstattung wie Masken und Desinfektionsmittel sind wohl ausreichend vorhanden, anders als noch im Februar. Das ist schon mal ein Riesenfortschritt, aber da könnten wir noch viel mehr tun. Man sollte nicht denken, dass nur, weil man jetzt ganz viel testet, man sich nicht mehr um die Altenheime kümmern muss.

Wie groß ist die Gefahr, dass so ein Anstieg wieder in ein exponentielles Wachstum übergeht?

Ich halte es schon für möglich, dass es sich auf diesem Niveau jetzt hält. Noch haben wir ja nicht die Phase, in der die Menschen alle aus dem Urlaub zurückgekehrt sind. Es ist vielleicht noch ein wenig zu früh, um darüber zu spekulieren. Aber noch mal: Was uns eigentlich bekümmern muss, sind schwere Erkrankungen und Todesfälle. Die Frage ist: Steigen die in derselben Proportion an? Unser Ziel muss sein, dass das nicht passiert.

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“Kinder tragen nicht überdurchschnittlich zur Ausbreitung der Pandemie bei”

Würden Sie von einer “zweiten Welle” sprechen?

Ich habe kein Problem damit, von einer “zweiten Welle” oder “dritten Welle” zu sprechen. Die Diskussion erinnert mich an den Januar, als man sich vor dem Begriff der Pandemie fürchtete, als würde der die Situation verschlimmern. Wichtiger ist, dass der Anstieg jetzt nicht von Clustern getrieben wird. Es ist mehr ein diffuses Geschehen. Wenn es überall so eine kritische Masse gibt, bekommt man es auch nicht mehr durch fokussierte Maßnahmen eingefangen. Deswegen möchte ich auch nicht zu sehr entwarnen.

Was bedeutet das zum Beispiel für die nun anstehenden Schulöffnungen nach den Ferien?

Ich glaube, man sollte es jetzt erst mal mit all den geplanten Vorsichtsregeln versuchen – und engmaschig beobachten. Die anfängliche Befürchtung, dass Kinder überdurchschnittlich zur Ausbreitung der Pandemie beitragen, hat sich nicht bewahrheitet. Gerade aus diesem Grund denke ich, dass Schulbetreuung und Kinderbetreuung aufrechterhalten werden müssen.

Sind auch Großkonzerte und Bundesliga-Spiele mit Zuschauern wieder vertretbar?

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Wir befinden uns in einem Feld der Güterabwägung. Was wir jedenfalls sagen können, ist, dass Alkohol assoziiert ist mit Superspreader-Ereignissen. Und dass räumliche Enge und körperliche Nähe, Berührungen und Umarmungen, ebenfalls mit Übertragungen einhergeht. Das alles zusammen würde ich bei einer Abwägung einfließen lassen.

“Wir müssen die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt testen”

Halten Sie eine Ausweitung der Testkapazitäten für sinnvoll, um die Ausbreitung besser kontrollieren zu können?

Wir müssen schon testen, aber wir müssen die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt testen. Ich bin also eher für eine Fokussierung als für eine breite anlasslose Ausweitung. Wenn wir das Geld haben sollten, um die Tests massenweise auszuweiten, dann ist es in Ordnung. Aber mindestens noch mal so viel Aufwand und Kreativität sind nötig, um den Umgang mit den Ergebnissen zu steuern – sonst ist der Test gar nichts wert. Das muss mindestens genauso funktionieren.

Auf welche Gruppen wollen Sie fokussieren?

Auf die, die krank sind, also Symptome haben, und unter denen auf jene, die dazu neigen, schwer zu erkranken. Wenn im Altenheim jemand Symptome hat, dann muss der sofort getestet werden – und das Ergebnis muss in einem Tag da sein. Es darf nicht sein, dass diese Person das Ergebnis erst nach vier Tagen erhält, weil noch mal 3000 Mallorca-Rückkehrer zeitgleich getestet wurden. Oder man rüstet diese Kapazitäten so hoch, dass die Ergebnisse für alle entsprechend schnell da sind – aber ich sehe nicht, dass das passiert.

“Schnelltests haben ganz viel Potenzial”

Was halten Sie von Schnelltests, die zwar ungenauer sind, aber nach Minuten ein Ergebnis bringen?

Das kann sehr sinnvoll sein. Es ist auch wieder eine Preisfrage, aber es hat ganz viel Potenzial, weil man sofort reagieren kann. Es wäre wünschenswert, dass solche Vor-Ort-Tests sensitiver sind als die anderen. Dann hätte man eine gewisse Fehlerwahrscheinlichkeit für falsch positive, könnte das aber durch einen etablierten Test dann validieren.

Wo wäre das sinnvoll?

An Grenzübertritten, für medizinisches Personal, Patienten, die in ein Krankenhaus aufgenommen werden oder auch Besucher von Altenheimen, falls das finanzierbar ist. Ein solcher Test muss möglichst einfach auch von Laien durchführbar sein. Und dann muss es so günstig sein, dass es auch in großer Menge einsetzbar ist. Das wäre ideal.

“Staat, Sex, Amen”
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