Über acht Millionen Fahrzeuge betroffen

Debatte um Diesel-Stilllegung: Will Wissing die Autoindustrie vor Schadenersatz schützen?

Volker Wissing (FDP), Bundesminister für Digitales und Verkehr, äußert sich bei einer Presse­konferenz im Bundes­ministerium für Digitales und Verkehr (BMDV).

Volker Wissing (FDP), Bundesminister für Digitales und Verkehr, äußert sich bei einer Presse­konferenz im Bundes­ministerium für Digitales und Verkehr (BMDV).

Brüssel. Nachdem Verkehrs­minister Volker Wissing (FDP) in Brüssel vor einer Stilllegung von Millionen Dieselautos wegen zu hoher Abgaswerte gewarnt hatte, erhebt die Deutsche Umwelthilfe (DUH) schwere Vorwürfe gegen den Minister. Wissing wolle vor allem die Automobil­konzerne schützen, so die Kritik. „FDP-Lobby­minister Wissing zeigt eindrucksvoll, wie er Interessen der Diese­lkonzerne gegen acht Millionen betrogene Diesel-Fahrer verteidigt“, sagt DUH-Bundes­geschäftsführer Jürgen Resch dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). „Während in den USA Behörden konsequent bei BMW, Mercedes und VW eine Nachrüstung oder Stilllegung mit Schadenersatz durchgesetzt haben, setzt Wissing den konspirativen Kurs des Verbraucher­betruges seiner CSU-Vorgänger im Amt des Verkehrs­ministers fort.“ Das Ministerium reagierte auf RND-Anfrage zunächst nicht.

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Hintergrund der Debatte sind ein Prozess vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) und die Frage, ob Dieselautos der Abgasnorm Euro 5 nur im Testzentrum oder auch in allen Alltags­situationen die Abgas­grenzwerte einhalten müssen. Wissing hatte in einem Schreiben an die EU-Kommission gefordert, dass sie die Verordnung kurzfristig ändere.

In Branchen­kreisen gibt es nach RND-Informationen die Vermutung, dass ein Automobil­hersteller das Schreiben initiiert und verfasst habe. Beim EuGH-Verfahren geht es um Diesel-5-Fahrzeuge von Mercedes-Benz, das Urteil dürfte aber Signal­wirkung haben. Die Umwelthilfe klagt derzeit in mehr als 120 Diesel-Fällen auf Nachrüstung mit einer funktionierenden Abgas­reinigung – oder eben deren Stilllegung und Schadenersatz für die betrogenen Halter.

Betroffene müssen ihre Zulassungsplakette zurücksenden

In der Vergangenheit wurden bereits vereinzelt Pkw von den Behörden stillgelegt. Das Verfahren ist einfach: Die Fahrzeug­halter werden von den Zulassungs­stellen angeschrieben und aufgefordert, die Zulassungs­plakette zurückzusenden. Droht Deutschland dies im großen Stil, wie Wissing befürchtet? Der ADAC und der Verband der Automobil­industrie halten das für abwegig. Beide sind überzeugt, dass am Ende eben nicht Millionen Dieselautos stillgelegt werden.

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ARCHIV - 13.06.2024, Berlin: Interview Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) im DPA-Newsroom. (zu dpa: «Wissing: A20 so schnell wie möglich weiterbauen») Foto: Carsten Koall/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Achtung, Wissing macht schon wieder Panik!

Verkehrs­minister Volker Wissing warnte, die EU könnte bald Millionen Diesel­­fahrern Fahr­verbote auferlegen. Brüssel weist die Vorwürfe ungewöhnlich scharf zurück. Wissings Panik­mache zeigt, dass Wochen vor wichtigen Landtags­­wahlen auch Panik bei der FDP herrscht, meint Sven Christian Schulz.

Sollte der EuGH doch zu dem überraschenden Ergebnis kommen, dass die Genehmigung der Euro-5-Diesel fehlerhaft ist und die Laborwerte auch auf der Straße eingehalten werden müssen, könnten betroffene Diesel­besitzer laut ADAC einen Schadenersatz­anspruch von etwa 10 Prozent des Kaufpreises gegen den Hersteller haben. „Bei der großen Anzahl der möglicherweise betroffenen Kfz wäre es auch möglich, diesen Schadenersatz­anspruch gegen einen bestimmten Hersteller im Wege der Muster­feststellungs­klage geltend zu machen“, so ADAC-Rechtsexperte Klaus Heimgärtner zum RND. Auch Klagen gegen das Kraftfahrt­bundesamt, das die Dieselautos genehmigt hatte, könnten Erfolg haben.

Auf die Automobil­konzerne würde damit eine noch nie da gewesene Klagewelle zurollen. Für sie dürfte es teuer werden, wenn sie allein in Deutschland mehr als acht Millionen Kundinnen und Kunden entschädigen müssten. Europaweit sind laut Branchen­kennern 25 bis 40 Millionen Fahrzeuge betroffen. Millionen Menschen wären vorübergehend nicht mehr mobil und müssten sich ein neues Auto kaufen – so viele Fahrzeuge gibt es aber gar nicht auf dem Markt. Günstiger wären ein Rückruf und eine Nachbesserung in der Werkstatt. „Wenn Minister Wissing zum Wohle der Menschen handeln würde, müsste er die Hardware-Nachrüstung für alle Betrugsdiesel anordnen, damit diese auch auf der Straße die vorgegebenen Gesetze einhalten“, sagt Umwelthilfe-Chef Resch.

In der „Bild“ hatte Wissing lediglich die Bürgerinnen und Bürger vor einer Stilllegung ihrer Fahrzeuge gewarnt, wenn die EU-Kommission nicht einschreite. Dass auf die Autokonzerne milliarden­schwere Schadenersatz­forderungen zukämen, erwähnte er nicht. „Die Menschen brauchen ihr Auto und wollen es sich nicht wegnehmen lassen“, sagte der Minister lediglich und trat damit eine hitzige Debatte los. EU-Abgeordnete warfen ihm „Panikmache“ vor, EU-Kommissar Terry Breton wies die Behauptungen des Ministers als „irreführend“ zurück. Doch der Verkehrs­minister bleibt trotz aller Kritik bei seinen Warnungen. „Wissings Polterpolitik geht weiter“, sagt CDU-Politiker Jens Gieseke dem RND. Erneut falle der Minister mit irreführenden Aussagen auf und versuche sich darüber zu profilieren. „Er macht lieber Politik über die ‚Bild‘-Zeitung“, so Gieseke. Der klimapolitische Sprecher der EU-Grünen, Michael Bloss, kritisiert: „Volker Wissing treibt eine weitere Sau gegen Europa durchs Dorf und schürt damit die Unsicherheit von Bürgerinnen und Bürgern.“ Er wirft Wissing „billige Polemik“ vor. „Das ist eine perfide und durchschaubare Strategie, um Stimmung vor den Landtags­wahlen im Osten gegen die EU zu machen“, sagt er dem RND. FDP-Politiker Jan-Christoph Oetjen nimmt seinen Kollegen in Schutz. „Die Vorwürfe gegenüber Minister Wissing sind haltlos.“

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