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Zeit für berufliche Veränderung? Warum Corona kein Karrierekiller ist

Die Corona-Krise kann auch eine Chance für berufliche Veränderungen sein.

“Corona hat mich voll erwischt”, sagt Klaus (34), ein Entwicklungsingenieur. “Vor der Krise lief meine Karriere prima. Doch jetzt haben sie mich vor die Tür gesetzt.” Er verzieht sein Gesicht wie unter Schmerzen. “Was nun? Meine Branche geht auf dem Zahnfleisch und stellt nicht mehr ein.” Das Geschäft seines Arbeitgebers, eines Zulieferers der Luftfahrtindustrie, war durch Corona zusammengebrochen.

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Die Pandemie hat den Arbeitsmarkt auf den Kopf gestellt: Aus dem Fachkräftemangel, zu Jahresbeginn noch beklagt, wurde ein Personalüberhang. Mehr als fünf Millionen Menschen stürzten in Kurzarbeit, Gehaltsgespräche wurden abgesagt, Fortbildungen gestrichen. Und das Gespenst der Kündigung geht um: Diesen Sommer waren über 630.000 Menschen mehr arbeitslos als noch im Vorsommer – das entspricht der Einwohnerzahl Stuttgarts.

Einige Branchen erleben gerade einen Aufschwung

Plötzlich stehen Berufstätige vor völlig neuen Fragen: Wie finde ich wieder Arbeit mitten in der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit? Was tun, wenn meine anstehende Gehaltserhöhung oder Beförderung unter die Räder der Krise geraten ist? Oder: Wie bringe ich es meiner Führungskraft bei, dass ich über die Krise hinaus aus dem Homeoffice arbeiten möchte?

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In der Karriereberatung frage ich Klaus: “Mal angenommen, Corona wäre eine große Karrierechance für Sie – worin genau könnte diese bestehen?” Er kneift die Augen zusammen: “Eine Chance? Soll das ein Witz sein?!” Ich versichere ihm, dass ich es ernst meine. Er legt sein Kinn in den Handteller, denkt lange nach. “Nun ja, der komplette Gesundheitssektor profitiert von Corona, Medizin und Pharma. Der Onlinehandel ebenso, eventuell die Paketdienste und die Discounter.”

Klaus bekommt von mir die Aufgabe, alle Branchen aufzuschreiben, die durch Corona einen Schub bekommen haben. Am Ende stehen neun Felder auf seinem Zettel. Genau dort, wo der Jobmotor gerade brummt, sucht er jetzt nach Stellen. Es dauert fünf Wochen, bis Klaus seine Zusage bekommt, bei einem börsennotierten Medizintechnikunternehmen als Entwicklungsingenieur anzuheuern.

Die Krise kann der richtige Zeitpunkt für eine Neuorientierung sein

Ob die Krise ein Karrierekiller oder eine Karrierechance ist, entscheidet sich im eigenen Kopf. Wer nur Nachteile sieht, wird Nachteile erleiden. Wer dagegen die Vorteile sucht, wird sie finden. Zum Beispiel ist die Krise ein idealer Anlass, das eigene Berufsleben zu prüfen: Erfüllt mich mein Job wirklich noch? Gehe ich morgens gern zur Arbeit, und komme ich abends zufrieden nach Hause? Oder habe ich mich im Beruf verlaufen? Wer unzufrieden ist, hat jetzt mehr Zeit als sonst, sein Berufsleben neu zu planen.

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Aber ist eine Krise nicht der falsche Zeitpunkt für berufliche Experimente, etwa um eine neue Ausbildung, ein neues Studium oder einen Branchenwechsel anzugehen? Im Gegenteil, denn der Arbeitsmarkt bewegt sich im “Schweinezyklus”.

Dieser wirtschaftswissenschaftliche Begriff hat folgende Wurzel: Ein hoher Preis für Schweinefleisch führte früher dazu, dass immer mehr Schweine gezüchtet wurden. Deshalb kam es zu einem Überangebot, und die Preise brachen ein. In der Folge wurde die Produktion massiv zurückgefahren – was zu einem Mangel an Schweinefleisch führte und den Preis massiv steigen ließ. Wer also neue Schweine bereits zu züchten begann, als alle anderen damit aufhörten, war langfristig der Gewinner.

Zusagen für Gehaltserhöhungen bereits jetzt einholen

Dasselbe passiert am Arbeitsmarkt: In allen Branchen, die gerade allzu radikal abspecken, ob Touristik, Gastronomie oder Luftfahrt- und Autoindustrie, wird auf mittlere Frist ein Mangel an Fachkräften entstehen. Wer diese Tage mit Weitblick beginnt, ein neues Karrierepflänzchen großzuziehen, kann künftig von der Krise profitieren.

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Auch Gehaltserhöhungen und Beförderungen, die momentan auf Eis liegen, können rasch wieder in Bewegung kommen. Kluge Arbeitnehmer zeigen auf, warum ihre Dienste gerade in der Krise für ­das Unternehmen wertvoll sind. Sie halten mit ihrer Führungskraft das grundsätzliche Einvernehmen über den Schritt schriftlich fest – damit der Blick vom Ob zum Wann gelenkt wird. Und spätestens, wenn die Geschäfte mit dem Abklingen der Krise wieder anziehen, lassen sich Nägel mit Köpfen machen.

Gute Chancen, Homeoffice auch nach der Krise beizubehalten

Andere Beschäftigte wollen ein Privileg der Krise dauerhaft behalten: die Arbeit aus dem Homeoffice. Wer seinen eigenen Vorteil in den Mittelpunkt stellt, etwa den gesparten Anfahrtsweg, hat schlechte Karten. Wirksamer ist der Verweis, wie gut und effektiv die Arbeit in den Krisenmonaten gelaufen ist. Zeigen Sie auf, was von zu Hause mindestens so gut wie aus dem Büro funktioniert.

Und drängen Sie nicht sofort auf eine Dauerlösung, denn das erzeugt Widerstände, sondern bieten Sie einen Testlauf an: “Lassen Sie uns die nächsten zwei Monate ausprobieren, wie gut es läuft, wenn ich weiterhin drei Tage pro Woche von zu Hause arbeite. Dann ziehen wir Bilanz. Nur wenn’s richtig gut läuft, setzen wir es fort.” Die Chance, dass daraus eine Dauerlösung wird, ist riesengroß.

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Apropos Dauerlösung: Wollte Klaus langfristig in der neue Branche bleiben? Oder sah er diesen Schritt nur als Übergang? Nachdem er über den Schweinezyklus nachgedacht hatte, meinte er: “Wenn’s mir gefällt, bleibe ich in der Medizintechnik. Und sonst gehe ich die Luftfahrt zurück, sobald dort in einigen Jahren Fachkräfte fehlen.” Mit einem feinen Lächeln fügte er hinzu: “Dann aber zu einem höheren Gehalt!”

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