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Wirtschaftsweise zur Konjunktur: „Viel besser gelaufen, als ursprünglich erwartet“

  • Deutschlands Topökonomen gehen davon aus, dass die Corona-Pandemie die Wirtschaft weniger hart trifft als die Finanzkrise.
  • Im Interview erklärt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, was sich im Vergleich zu früheren Einschätzungen geändert hat.
  • Auch erläutert sie, warum es wichtig ist, Schulen nicht zu schließen – und weshalb sie Steuererhöhungen gerade für keine gute Idee hält.
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Der Sachverständigenrat der Bundesregierung hat seine Prognose für das Wirtschaftswachstum nach oben korrigiert: 2020 soll die Wirtschaftsleistung zwar um 5,1 Prozent sinken, 2021 aber schon wieder um 3,7 Prozent zulegen. Damit wäre die aktuelle Krise weniger hart als die Finanzkrise – trotz des erneuten Lockdowns, wie Veronika Grimm im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland erklärt.

Grimm ist seit diesem Jahr Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung. Als sogenannte Wirtschaftsweise berät die Ökonomin von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg die Bundesregierung. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören darüber hinaus Energiemärkte und Verhaltensökonomik.

Frau Grimm, wie heftig bricht denn nun die Konjunktur ein – auch im Vergleich zur Finanzkrise?

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Wir erwarten für 2020 einen Einbruch von 5,1 Prozent. Das ist aufs Jahr gesehen weniger als in der Finanzkrise, damals waren es 5,7 Prozent. Dass die Einschätzung optimistischer ausfällt als im Sommer, liegt vor allem daran, dass das dritte Quartal viel besser gelaufen ist, als ursprünglich erwartet. Andere Prognosen, die die Zahlen vom dritten Quartal noch nicht hatten, waren pessimistischer. Wir berücksichtigen in unserer Prognose auch bereits die neuen Beschränkungen im November. Aber das dadurch fehlende Wachstum im vierten Quartal wird sich auf das Jahresergebnis nicht so stark niederschlagen.

Wie kommt es, dass sich die Worst-Case-Szenarien eher nicht bewahrheiten?

Vor allem hat sich die Wirtschaft nach Wegfall der Beschränkungen im dritten Quartal wieder sehr schnell erholt, besonders im produzierenden Gewerbe. Das liegt auch daran, dass die Soforthilfen und die automatischen Stabilisatoren wie das Steuersystem und die Kurzarbeit eine Verfestigung des Konjunktureinbruchs abgewendet haben.

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Wie hilfreich waren die Hilfen der Bundesregierung?

Es war sehr wichtig, dass die Bundesregierung rasch und entschlossen gehandelt hat. Die Unternehmen, die vorher keine strukturellen Probleme hatten, sind gesund durch die Krise gekommen und konnten schnell wieder aktiv werden. Auch die psychologische Komponente war sicher wichtig: Die Menschen hatten und haben das Vertrauen, dass in der Krise nicht alles zusammenbricht. Erst gab es die Soforthilfen, dann das längerfristige Konjunkturpaket – in der Summe hat das gewirkt.

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Nun ist Deutschland wieder in einem – wenn auch kleineren – Lockdown. Das ist ja eine teure Entscheidung, war die richtig?

Ich glaube, es war wichtig, zu handeln. Das Infektionsgeschehen hat sich zuletzt zu dynamisch entwickelt. Wir haben mittlerweile viele Erkenntnisse aus unterschiedlichen Regionen weltweit, in denen teils sehr restriktiv, teils wenig gegen die Virusausbreitung unternommen wurde. Da zeigt sich, dass das Laufenlassen der Pandemie insbesondere für die wirtschaftliche Entwicklung fatal ist, weil die Menschen nicht mehr konsumieren – aus Sorge vor Ansteckungen. Deshalb ist es entscheidend, die Pandemie im Griff zu behalten, insbesondere auch mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung. Die Frage ist halt, wie man die Kontakte beschränkt.

Und wie bewerten Sie das aktuelle Vorgehen?

Man hat sich entschlossen, die Kontakte dort zu beschränken, wo sich einerseits viele Menschen treffen, und wo andererseits die Auswirkungen für die Gesamtwirtschaft nicht ganz so drastisch sind. Das Gastgewerbe steht für 1,6 Prozent der Wirtschaftsleistung, Luftfahrt und Reisedienstleister für 0,5 Prozent, Kunst, Unterhaltung und Erholung machen 1,4 Prozent aus – im Vergleich zu 25 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung in der Industrie. Wenn es da im großen Umfang Einschränkungen gäbe, träfe es die Wirtschaft viel härter. Deshalb gehen wir in unserer Prognose davon aus, dass die nun geltenden Einschränkungen das Wirtschaftswachstum im Winter zwar zum Stillstand bringen. Aber der Effekt der Schließungen ist weit entfernt von dem, was wir im April und Mai erlebt haben. Damals kam es unter anderem wegen stockender Lieferketten zum Stillstand der Produktion in der Industrie. Wichtig ist natürlich, die Betriebe zu kompensieren, damit sie nach dem Lockdown das Geschäft so weit wie möglich wieder aufnehmen können.

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Die Gastronomie ist im neuen Lockdown vorerst geschlossen – oder setzt auf Essen zum Mitnehmen. Die wirtschaftlichen Folgen davon sind aus Sicht von Ökonomen verkraftbarer als sämtliche Alternativen. © Quelle: Paul Zinken/dpa

In Schulen kommen sehr viele Menschen zusammen, gleichzeitig findet keine unmittelbare Wertschöpfung statt – sollte man sie also lieber schließen?

Wenn Schulen und Kindertagesstätten geschlossen sind, stehen viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer den Unternehmen nur eingeschränkt zur Verfügung. Das ist ein durchaus signifikanter Effekt im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung, auch wenn er schwer abschätzbar ist. Zugleich kommen die Schülerinnen und Schüler sehr unterschiedlich gut mit dem Homeschooling zurecht. Das hängt stark davon ab, wie bildungsnah das Elternhaus ist, ob zuhause Platz zum Lernen ist und ob die notwendige IT vorhanden ist. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Schere bei der Bildungsgerechtigkeit weiter auseinandergehen würde, wenn die Schulen nochmal schließen sollten. Das hätte signifikante Auswirkungen auf die Zukunftschancen junger Menschen – die zugleich diejenigen sind, die nach der Krise die Wirtschaft wieder in Schwung bringen müssen. Ich halte es daher für sehr wichtig, die Schulen offen zu halten. Und wenn es gar nicht geht, muss noch viel mehr als bisher darauf geachtet werden, jede Schülerin und jeden Schüler mitzunehmen und sie in die Lage zu versetzen, das Homeschooling bestmöglich zu nutzen.

Nun waren all die Maßnahmen, die in der Vergangenheit auf den Weg gebracht wurden, sehr, sehr teuer. Wird dieser Schuldenberg zum Problem?

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Wir sind in Deutschland sehr gut aufgestellt in diese Krise gegangen. Die Staatsfinanzen standen nicht zuletzt aufgrund einer soliden Finanzpolitik gut da. Durch die umfangreichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie dürfte die Schuldenstandsquote auf etwas mehr als 70% des BIP ansteigen. In so einer außergewöhnlichen Lage kann sich Deutschland das leisten. Damit die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen erhalten bleibt, ist aber nach der Krise die Rückkehr zu einer niedrigeren Verschuldung notwendig. Die Hilfen etwa, die im November gezahlt werden, sind relativ großzügig. Das ist aus verschiedenen Gründen wichtig. Einerseits für die Akzeptanz der Maßnahmen, andererseits weil man nur noch begrenzt mit Krediten arbeiten kann. Viele Unternehmen sind nach den langen Krisenmonaten schon in Bedrängnis. Zusätzliche Kredite bringen dann wenig, weil sie die Unternehmen in die Überschuldung treiben. In Zukunft wird es immer wichtiger sein, weitere Hilfsmaßnahmen sehr zielgenau zu konzipieren. Die Mehrwertsteuersenkung sollte nicht verlängert werden, auch weil sie ein sehr teures und wenig zielgenaues Instrument ist.

Was wäre denn eine präzisere Alternative?

Besser wäre eine Ausweitung des steuerlichen Verlustrücktrags, so dass Unternehmen Verluste aus der Zeit der Corona-Krise steuerlich mit Gewinnen aus früheren Jahren verrechnen können. Das würde bedeuten, das vor der Krise erfolgreiche und von der Krise betroffene Unternehmen Steuerzahlungen aus der Vergangenheit erstattet bekommen – eine zielgenaue Maßnahme.

Trotzdem ist der Schuldenberg nun groß. Um ihn abzubauen, sind längst verschiedene Wege im Gespräch – etwa eine Vermögenssteuer, Steuersenkungen, die die Konjunktur anschieben. Was empfehlen Sie?

Ich denke, wir brauchen da eine Mischung. In den Konjunkturprogrammen sind viele Maßnahmen enthalten, die in Zukunftsmärkten Wachstum bringen können. Deshalb ist es eine Variante, aus der Krise herauszuwachsen und nun strukturelle Herausforderungen anzugehen – etwa, wenn es um den Strukturwandel in den Bereichen Digitalisierung und Klimaschutz geht. Jetzt mit Steuererhöhungen diese Wachstumsimpulse wieder abzudämpfen, halte ich nicht für die richtige Maßnahme.

Mit den Konjunkturpaketen nimmt der Staat selbst viel Geld in die Hand. Ist das die Abkehr von der Idee eines sehr schlanken Staates?

Die Digitalisierung bringt viele neue Geschäftsmodelle, Veränderungen bei Produktionsprozessen und auf Arbeitsmärkten mit sich. Dafür müssen Voraussetzungen geschaffen werden. Auch das Ziel, 2050 klimaneutral zu sein, erzwingt eine Transformation der Industrie im großen Stil. In diesen Bereichen sind in den kommenden Jahren privatwirtschaftliche Investitionen notwendig, die weit über das mögliche staatliche Engagement hinausgehen. In beiden Fällen ist es sinnvoll, staatlicherseits Geld in die Hand zu nehmen, etwa um gezielt Forschung zu fördern, um den Ausbau von Infrastruktur zu beschleunigen oder auch um die Voraussetzungen zur Ausbildung von Fachkräften in Zukunftsfeldern zu schaffen. Wichtig ist aber, die öffentlichen Mittel in erster Linie so zu verwenden, dass damit umfangreiche privatwirtschaftliche Investitionen ausgelöst werden. Gleichzeitig sollten die Rahmenbedingungen für Unternehmen verbessert werden, mit Blick auf den Klimaschutz etwa durch die Abschaffung von verzerrenden Abgaben und Umlagen auf Strom sowie durch die Abschaffung von direkten und indirekten Subventionen fossiler Energieträger.

Sie haben den letzten Monat damit verbracht, dass Jahresgutachten zu erstellen. Am Montag kam nun die Nachricht, dass ein möglicher Impfstoff viel weiter als erwartet ist. Was bedeutet das für die Prognose?

Das jetzt ist eine sehr gute Nachricht, die auch Hoffnung macht. Und Hoffnung und positive Zukunftserwartungen sind für die wirtschaftliche Entwicklung sehr wichtig. Es bleiben aber noch viele Fragen offen und der Weg zu einer gegen das Virus immunen Bevölkerung ist noch lang. Deshalb sehe ich keinen Grund, die Prognose aufgrund dieser Nachricht anzupassen – auch wenn sich natürlich der Ausblick verbessert hat und wir die Chancen etwas stärker betont hätten.

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