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Drohende Rezession bei ausbleibenden russischen Lieferungen

Wirtschaftsinstitute sehen Entspannung bei Gas-Versorgungslücke - die Gefahr ist jedoch noch nicht gebannt

Die Gasspeicher in Deutschland sind wieder besser gefüllt.

München. Die Wahrscheinlichkeit einer Versorgungslücke mit Erdgas im Fall eines Stopps russischer Lieferungen ist nach einer Studie führender Wirtschaftsforscher deutlich geringer als noch im April. Allerdings seien trotz inzwischen besser gefüllter Speicher noch nicht alle Risiken für die Gasversorgung der Industrie im Winterhalbjahr gebannt, teilten das Münchner Ifo-Institut, das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), das Essener RWI und das IWH Halle am Dienstag auf Basis neuer Simulationsrechnungen mit. Als Gegenmaßnahme empfehlen die Ökonomen unter anderem, „zeitnah die Preissignale bei den Verbrauchern ankommen zu lassen“ - also die Preise zu erhöhen, damit weniger Gas verbraucht werde.

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Grund für die günstigere Prognose ist, dass die Gasspeicher in Deutschland inzwischen deutlich besser gefüllt sind. Vollkommen sicher ist die Versorgung der Industrie allerdings noch nicht. Bei einem sofortigen Lieferstopp ergäbe sich noch mit 20 Prozent Wahrscheinlichkeit eine Gaslücke von mindestens 23,8 Terawattstunden (TWh) mit Wertschöpfungsverlusten von 46 Milliarden Euro für die Wirtschaft. Im negativsten Szenario wären es sogar fast 160 TWh und 283 Milliarden Euro. Bleibe es dagegen bei einer - wie aktuell - auf 40 Prozent gedrosselten Gaslieferung durch Russland, drohe auch bei ungünstigen Konstellationen kein Engpass.

Alarmstufe bei Gas: Was bedeutet das für die Verbraucher?

Erdgas ist noch überall verfügbar, wenn auch zu stark gestiegenen Preisen. Doch mit Blick auf den Winter ist die Bundesregierung äußerst besorgt.

Bei Lieferstopp droht weiterhin tiefe Rezession

Das Prognos-Institut errechnet einen Wertschöpfungsverlust von 193 Milliarden Euro für das kommende Halbe Jahr, sollte Putin die Gaslieferungen komplett einstellen. Damit würde Deutschlands Wirtschaftsleistung um 12,7 Prozent einbrechen. Deutschland würde „in eine tiefe Rezession gleiten“, sagte Chefvolkswirt Michael Böhmer am Dienstag in München. „Insgesamt wären rechnerisch etwa 5,6 Millionen Arbeitsplätze von den Folgen betroffen“, sagte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). Die vbw hatte die Prognos-Studie in Auftrag gegeben.

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Böhmer sagte, die Industrie stehe für 36 Prozent des Gasverbrauchs in Deutschland. Ohne russisches Gas hätte sie nur noch die Hälfte zur Verfügung. Zur Stromerzeugung könnte sie teilweise auf andere Energien ausweichen. Aber für die Chemieindustrie sei Gas ebenso unverzichtbar wie für die Glasindustrie oder die Walzwerke der Stahlindustrie. Ohne Lack, Glas oder Stahl kämen die Autoindustrie und viele andere Branchen in Bedrängnis. In der Autoindustrie und in der Lebensmittelbranche wäre der Schaden am größten. Ein großer Teil der fehlenden Produkte könnte zwar durch Einkäufe im Ausland ersetzt werden, aber „es pflanzt sich am Ende auf die gesamte Volkswirtschaft fort“, sagte Böhmer.

Industrie kann maximal ein Viertel des Gases einsparen

Die Studie untersuchte die Folgen eines plötzlichen russischen Gas-Lieferstopps von 1. Juli bis Ende Dezember. Im Gegensatz zu einigen früheren Studien habe Prognos einzelne Produktionsprozesse und deren Bedeutung für andere Branchen in den Blick genommen, betonte Böhmer. Mit starken Anstrengungen könnte ein Viertel des Gasverbrauchs ersetzt oder eingespart werden. Dazu gehöre zum Beispiel auch, Wohnungen etwas weniger zu heizen. Aber die Industrie müsste schon ab Juli mit einer Deckungslücke von 50 Prozent rechnen.

Zur Stromerzeugung könne Gas kurzfristig durch Öl und Kohle ersetzt werden. Die letzten drei deutschen Atomkraftwerke steuerten etwa 6 Prozent zur Stromerzeugung bei, ihre Laufzeit könnte verlängert werden. Langfristig bremse der ambitionierte Ausbau aller erneuerbarer Energien die Strompreise und befreie von einseitigen Abhängigkeiten im Energiesektor, sagte Brossardt.

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Prämien für Gassparen, wie sie zuletzt diskutiert wurden, lehnen die Wirtschaftsforscher ab. Höhere Preise lieferten bereits einen starken Anreiz zum Energiesparen. Stattdessen sollten bedürftige Haushalte gezielt unterstützt werden.

RND/dpa

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