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Wirtschaft im Corona-Modus: Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Wirtschaftskrise

  • Für die Wirtschaft in der Eurozone werden wegen der Corona-Krise schwere Folgen erwartet.
  • Die Industrie hat eine Vollbremsung eingelegt: Die Auftragseingänge in Deutschland sind um 15,6 Prozent geschrumpft.
  • Das Epizentrum der Auftragsschwäche ist einem Volkswirt zufolge die Automobilindustrie.
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Experten sprechen von „der Tragödie erster Teil“. Im März ist hierzulande die Zahl der neuen Aufträge für die Industrie so stark wie noch nie eingebrochen. Die EU-Kommission erwartet indes, dass die Corona-Krise Länder in Südeuropa noch erheblich heftiger als Deutschland treffen wird. Was bedeutet das für Konsum und Beschäftigung?

Wir haben für Sie die wichtigsten Fragen und Antworten zur Wirtschaftskrise zusammengestellt.

Wie sind schrumpfende Auftragseingänge zu werten?

Die Aufträge – insbesondere für Investitionsgüter – sind der verlässlichste Indikator für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der hiesigen Industrie. Hier hat das Statistische Bundesamt für März einen Rückgang von 15,6 Prozent im Vergleich zum Vormonat errechnet – das stärkste Minus seit Beginn der Statistik im Jahr 1991. Bei Maschinen, Anlagen und Fahrzeugen waren es sogar 22,6 Prozent weniger Bestellungen. Das heißt, die Industrie hat schon im März eine Vollbremsung hingelegt. Die Auslastung der Fabriken sinkt. Investitionsprojekte werden gestoppt. Weniger Aufträge werden sich in den Folgemonaten in weniger Produktion und geringere Erlöse umsetzen. Gewinne schrumpfen, Jobs sind bedroht.

Gibt es auch einen Lichtblick?

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Die Pharmaindustrie konnte sich gut behaupten und die Hersteller von Verbrauchsgütern konnten sogar ein Plus von 2,4 Prozent verzeichnen – den Hamsterkäufen sei dank. Doch dieser Einmaleffekt dürfte sich nach den Worten von Martin Moryson, Chefvolkswirt für Europa bei der Fondsgesellschaft DWS, im April ins Gegenteil verkehren. Insgesamt sei der Rückgang erst der Anfang des Desasters, da der Lockdown in den meisten Regionen erst Mitte März verhängt wurde. Auch Andreas Scheuerle, Volkswirt der Dekabank, spricht von „der Tragödie erster Teil“. Dem Kollaps der Neuaufträge werde eine Welle von Auftragungsstornierungen folgen. Das Epizentrum der Auftragsschwäche sei die Automobilindustrie.

Was passiert gerade in der Autobranche?

Nach einer aktuellen Konjunktur-Umfrage des Münchner Ifo-Instituts hat sich die Geschäftslage der Branche im April dramatisch verschlechtert. Die Auslastung der Fabriken sei auf 45 Prozent gesunken. Die Exporterwartungen gingen massiv zurück. Im April ist hierzulande die Zahl der Neuzulassungen um 61 Prozent im Vergleich zum Vorjahr geschrumpft. In mehreren anderen europäischen Ländern wie Spanien oder Italien ist der Autoverkauf praktisch komplett zum Erliegen gekommen.

Wie sieht insgesamt die Lage in Europa aus?

Die Coronavirus-Pandemie wird die Europäische Union in die größte Rezession ihrer Geschichte stürzen. Die EU-Kommission sagt den 27 Mitgliedsländern für dieses Jahr einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 7,4 Prozent voraus. Die 19 Staaten der Eurozone werden demnach sogar einen Absturz um 7,7 Prozent erleben. Das wäre ein deutlich größerer Rückgang als in der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009. Noch im Februar hatte die Brüsseler Kommission einen Anstieg der Wirtschaftsleistung von 1,2 Prozent für dieses und das kommende Jahr vorhergesagt.

Kann 2021 eine Erholung folgen?

Sollte sich die Viruskrise nicht verschlimmern, dann könnte die Wirtschaft in der EU im kommenden Jahr wieder um sechs Prozent wachsen. Für die Eurozone könnte es nach Worten von EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni im Jahr 2021 zu einem Anstieg um 6,25 Prozent kommen. „Europa macht einen wirtschaftlichen Schock durch, der seit der Großen Depression ohne Beispiel ist“, so Gentiloni.

Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt?

Die Brüsseler Kommission rechnet mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote von 6,7 Prozent im vergangenen Jahr auf neun Prozent im laufenden Jahr. Auch 2021 wird die Quote nach der Prognose noch bei acht Prozent liegen.

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Wie groß sind die Unterschiede in den einzelnen Ländern?

Absturz und Erholung werden nach Einschätzung der EU-Kommission unterschiedlich verlaufen. Das liege am Tempo bei der Aufhebung der Kontaktsperren, der unterschiedlichen Abhängigkeit einzelner Volkswirtschaften von Branchen wie dem Tourismus und an den finanziellen Spielräumen in den nationalen Haushalten. Gentiloni warnte davor, dass die Ungleichheiten die Einheit des Binnenmarktes und der Eurozone bedrohen könnten. Griechenland (minus 9,7 Prozent), Italien (minus 9,5 Prozent), Spanien (minus 9,4 Prozent) und Frankreich (minus 8,2 Prozent) trifft die Krise am härtesten. Für Deutschland sagt die Kommission ein Minus der Wirtschaftsleistung von 6,5 Prozent voraus.

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Welche Strategie für eine Erholung schlägt die Kommission vor?

Der Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, nannte die Viruskrise einen „symmetrischen Schock“, der alle EU-Mitgliedsstaaten betreffe. Der wirtschaftliche Absturz könne auch nur gemeinsam überwunden werden, sagte Dombrovskis. Die EU-Kommission arbeitet derzeit an einem Wiederaufbaufonds in Höhe von einer Billion bis 1,5 Billionen Euro. Die Details dürften allerdings zu heftigem Streit zwischen den Mitgliedsstaaten führen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will Mitte Mai einen konsensfähigen Plan vorlegen.

Welchen Zweck soll der Fonds haben?

Eine zentrale Aufgabe soll sein, Investitionen für möglichst viele Sektoren anzukurbeln, die dann wie ein Schwungrad für die gesamte Wirtschaft wirken können. Für dieses Jahr prognostiziert die Kommission indes einen extremen Rückgang der Investitionen vor allem in Frankreich, Griechenland, Spanien und Italien – das wird auch deutsche Maschinenbauer treffen.

Wie wird sich der Einbruch auf die Preise auswirken?

Für die Eurozone prognostiziert die Brüsseler Behörde eine Preissteigerung von nur 0,2 Prozent, für Deutschland werden 0,3 Prozent erwartet. In den Ländern im Süden sehen die Experten sogar sinkende Preise. Das hänge einerseits mit dem extrem billig gewordenen Erdöl zusammen. Andererseits wird erwartet, dass die Konsumausgaben schrumpfen werden, weil die Verbraucher schlicht weniger Bares zur Verfügung haben und ihr Geld zusammenhalten. Dauerhaft sinkende Preise sind eine große Gefahr für die Wirtschaft. Sie können zu Käuferstreiks führen, weil die Verbraucher ihre Ausgaben in Erwartung weiterer Nachlässe zurückhalten. Dieser Mechanismus kann sich selbst immer weiter verstärken. Eine Deflation lässt sich nur sehr schwer überwinden. Das Ziel der Europäischen Zentralbank mit einer Inflation von knapp unter zwei Prozent ist jedenfalls weit entfernt.

Wie wird sich die Staatsverschuldung entwickeln?

Wieder wird es hier die Südländer mit deutlichen Erhöhungen treffen. Die italienische Staatsverschuldung wird für Ende 2020 auf knapp 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) taxiert. Griechenland soll sogar auf knapp 200 Prozent und Spanien auf immerhin knapp 116 Prozent steigen. Die gleiche Größenordnung wird für Frankreich kalkuliert. Dadurch erhöht sich trotz niedriger Zinsen die finanzielle Last, die die Staaten schultern müssen. Diese Zahlen werden die Diskussion über gemeinsame Eurobonds abermals befeuern. Für Deutschland erwartet die Kommission rund 75 Prozent des BIP. Ende 2019 waren es noch knapp 60 Prozent. 60 Prozent sind auch die Maximalquote, die der Euro-Stabilitätspakt eigentlich vorgibt.

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