Wirecard: Worum geht es in dem Milliardenskandal?

  • Der Skandal um Wirecard scheint endlos: Nicht nur muss das Unternehmen seine Bilanzvorlage zum vierten Mal verschieben, es sieht sich auch selbst als Opfer eines “gigantischen Betrugs”.
  • Wenn bis Freitag kein testierter Jahresabschluss vorliegt, könnten Banken dem Unternehmen Kredite über 2 Milliarden Euro kündigen.
  • Der Aktienkurs des Unternehmens stürzt massiv ab.
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Es ist die Selbstdemontage eines Dax-Konzerns. Drei Stunden bevor der Zahlungsdienstleister Wirecard aus Aschheim bei München seine bereits dreimal verschobene Bilanzvorlage nachholen wollte, musste sie erneut vertagt werden. Die Begründung dafür hat es in sich und rüttelt an den Grundfesten. Denn der für den Konzern zuständige Wirtschaftsprüfer Ernst & Young (EY) hat der Bilanz 2019 sein Testat verweigert.

Für eine auf Treuhandkonten deponierte Summe von 1,9 Milliarden Euro – ein Viertel der Konzernbilanzsumme – lägen keine ausreichenden Prüfungsnachweise vor, bemängelt EY. Ohne testierte Bilanz können Banken am Freitag Kredite im Umfang von 2 Milliarden Euro kündigen, warnt Wirecard. Der Konzern sieht sich allerdings als Opfer und nicht Verursacher der Misere.

“Die Wirecard AG wird Anzeige gegen unbekannt stellen”, erklärte der selbst mit Rücktrittsforderungen konfrontierte Konzernchef Markus Braun. Wirecard könnte Opfer eines gigantischen Betrugs sein, ergänzte ein Firmensprecher. Damit weisen die Aschheimer auf zwei namentlich nicht genannte asiatische Banken. Sie führen die fragwürdigen Treuhandkonten, deren Kontonummern EY nicht zuordnen kann. Die Prüfer fühlen sich getäuscht, wobei die Frage ist, von wem.

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Klage gegen Wirecard läuft

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Kritiker des seit Anfang 2019 hartnäckig unter Betrugsverdacht stehenden Unternehmens sehen die Unschuldsbehauptungen der Aschheimer nicht als glaubhaft an. “Das Einnehmen einer Opferrolle halte ich für absurd”, sagt Rechtsanwalt Maximilian Weiss von der auf Anlegerrecht spezialisierten Kanzlei Tilp im baden-württembergischen Kirchentellinsfurt. Die Vorgänge bei Wirecard haben sich “nun endgültig zu einem handfesten Bilanzskandal ausgeweitet”, betont Kanzleichef Andreas Tilp.

Am Landgericht München hat die beim VW-Abgasskandal aktive Kanzlei schon vor einem Monat eine erste Anlegerklage gegen Wirecard eingereicht und Antrag auf Einleitung eines Musterverfahrens nach VW-Vorbild gestellt. Diese Klage werde nun erweitert, kündigte Tilp an. Anfang Juni hatte Weiss mit Schadensersatzansprüchen von über einer Milliarde Euro kalkuliert. Aber das war vor der jetzigen Verschärfung der Lage. Die erhöhe die Regresschancen deutlich, schätzen die Anlegeranwälte. Wirecard habe in erheblichem Maße falsch bilanziert sowie Anleger irreführend informiert. Über 2000 an einer Musterklage interessierte Anleger haben sich bei der Kanzlei bislang gemeldet.

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Banklizenz von Wirecard in Gefahr?

Gegen Wirecard braut sich aber noch mehr zusammen. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt wegen Marktmanipulation gegen die vierköpfige Führungsriege des Konzerns inklusive Braun. Bei einer jüngsten Razzia in den Firmenräumen wurde unter anderem sein Handy beschlagnahmt. Strafanzeige gestellt hatte die deutsche Finanzaufsicht Bafin, weil auch sie falsche und irreführende Kapitalmarktinformation vermutet, mit eigenen Ermittlungsmöglichkeiten aber nicht mehr weiterkommt. Zudem haben zwei Wirecard-Großanleger eine Ablösung Brauns gefordert. Die Aktionärsschutzvereinigung DSW fordert eine Ausweitung der staatsanwaltschaftliche Ermittlungen auf Falschbilanzierung und hält den Konzern nicht mehr für Dax-fähig. “Wir sind in der Situation, dass Wirecard selbst nicht mehr für Aufklärung und Vertrauen sorgen kann”, meint DSW-Chef Marc Tüngler.

Anlegeranwalt Weiss sieht indessen nicht nur die Dax-Mitgliedschaft von Wirecard, sondern auch deren Banklizenz in Gefahr, was vollends Existenzfragen auslösen könnte. Für einen Dax-Rauswurf sind allerdings mehrmalige schwere Verstöße gegen Bilanzierungspflichten nötig und ein Sanktionsverfahren, das gegen Wirecard dem Vernehmen nach noch nicht eingeleitet ist. Es wäre das erste Mal, dass ein Dax-Konzern wegen Verfehlungen den führenden deutschen Aktienindex verlassen muss.

Kurs der Wirecard-Aktie fiel zeitweise um 70 Prozent

Drohen könnte Wirecard das allerdings mangels ausreichender Marktkapitalisierung schon im September. Die Börse hat ihr Urteil nach dem erneuten Verschieben der Bilanzvorlage schon auf drastische Weise gefällt. Um zeitweise 70 Prozent ist der Kurs der Aktie in ersten Reaktionen eingebrochen.

Wenige Stunden zuvor hatten einzelne Analysten noch auf Kurse von 230 Euro spekuliert, dabei aber die Vorlage einer sauberen Bilanz unterstellt. Nun ist Wirecard auf ein Niveau gefallen, das den Konzern zum Übernahmekandidaten macht.

2018 galt Wirecard noch als Vorzeige-Start-up

Als die Aschheimer im September 2018 in den Dax aufgerückt sind und dort die ehrwürdige Commerzbank verdrängt hatten, galt der von Braun gegründete Vermittler bargeldloser Zahlungsströme noch als Vorzeigeunternehmen und erfolgreichstes deutsches Start-up.

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Aber nur wenige Monate später wurde die Reputation durch einen ersten einer Serie von Berichten der britischen Finanzzeitung “Financial Times” (FT) erschüttert. Wirecard habe seine Bilanzen künstlich aufgebläht und Umsätze erfunden, wurde das Unternehmen darin angeklagt. Braun ließ alle Vorwürfe dementieren. Dieses Spiel wiederholte sich einige Male. Auf “FT”-Vorwürfe folgten Dementis von Wirecard und eine für Dax-Verhältnisse beispiellose Berg- und Talfahrt der Aktie. Die ist nun ganz unten angelangt und mit ihr der ehrgeizige Aufsteiger aus Aschheim.

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