Wirecard-Skandal: Hunderte Millionen Euro an unbekannt

  • Bei Wirecard hat es wohl Scheingeschäfte in großem Stil gegeben.
  • Neben den 1,9 Milliarden Euro, die in der Bilanz fehlen, sind aber auch reale Summen in dreistelliger Millionenhöhe an unbekannte Empfänger geflossen.
  • Es steht der Verdacht im Raum, dass sich hochrangige Manager selbst bereichert haben.
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Als die Wirtschaftsprüfer von KPMG Ende April ein Sondergutachten zu Wirecard fertig hatten, sollte das eigentlich einen Befreiungsschlag für den misstrauisch beäugten Dax-Konzern bringen. Das Gegenteil war der Fall. KPMG konnte nicht verifizieren, ob das über Drittpartner beigesteuerte Geschäft in Asien wirklich existiert oder erfunden ist.

Heute verdichten sich die Anzeichen für Letzteres. KPMG hatte aber auch anrüchige Kreditgeschäfte und einen dubiosen Zukauf von Wirecard unter die Lupe genommen. Im veröffentlichten Prüfbericht wurden Namen dabei geschwärzt oder durch nichtssagende Kürzel ersetzt. Zudem ist der Originalbericht mit 232 Seiten weit länger als das 74-seitige Dokument, das publik wurde. Im bislang Unbekannten liegt einige Brisanz.

Wirecard hat Geld an unbekannte Empfänger transferiert

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Das geht aus Recherchen von WDR, NDR und “Süddeutscher Zeitung” hervor, die Einblick in den vollständigen Bericht nehmen und Kürzel durch Klarnamen ersetzen konnten. In Kenntnis dessen muss befürchtet werden, dass Wirecard Hunderte von Millionen Euro an unbekannte Empfänger transferiert hat und sich nicht nur KPMG fragt, ob hochrangige Wirecard-Manager die Nutznießer gewesen sind.

Die Prüfer sind mit ihren Fragen immer wieder gegen Wände gestoßen. “KPMG konnte nicht feststellen, welche Gesellschaften oder Personen in welchem Umfang (…) wirtschaftlich partizipiert haben.” So oder ähnlich heißt es im Bericht immer wieder, wenn es um den Verbleib dreistelliger Millionensummen geht. Ein besonders fragwürdiger Vorgang ist der Zukauf eines indischen Unternehmens 2015, der Zugang zu diesem großen Markt bescheren sollte.

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Dafür hat Wirecard im Oktober 2015 einen Kaufvertrag über 315 Millionen Euro geschlossen, zahlbar an einen offenbar zur Verschleierung dienenden Fonds namens EMIF 1A mit 88 Euro Stammkapital in der Steueroase Mauritius. Dieser hatte die indische Firma einen Monat zuvor erworben – für 35 Millionen Euro. Derart wundersame Geldvermehrung, in diesem Fall auf Kosten von Wirecard, macht jeden Prüfer hellhörig, zumal KPMG trotz aufwendiger Recherche nicht ermitteln konnte, wer hinter EMIF 1A steht und an wen die 280 Millionen Euro Gewinn geflossen sind.

Möglicherweise illegale Kreislaufgeschäfte

“Gesprächspartner der Wirecard AG haben angegeben, dass sie keine Anteile am Fund halten”, schreiben die Prüfer im Report. Verdächtigt wurde laut WDR, NDR und “SZ” vor allem der damalige Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, der jüngst fristlos gefeuert wurde, als flüchtig gilt und mutmaßlich per internationalem Haftbefehl gesucht wird.

Wenn ein Geschäft binnen Monatsfrist zum fast zehnfachen Preis weiterverkauft wird, war der Käufer entweder dumm, wollte um jeden Preis kaufen oder es gab Absprachen. Letzteres könnte so ausgesehen haben, dass Wirecard überteuert kauft und Teile des Kaufpreises an diejenigen zurückfließen, die den Kauf genehmigt haben. Illegales Kreislaufgeschäft nennen Forensiker das. Nachweisen konnte KPMG das aber nicht.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrug

Auch per Kreditvergabe wurde der tief gefallene Dax-Konzern geschröpft. Dazu muss man wissen, dass er in Asien nicht über alle nötigen Geschäftslizenzen verfügt und dort mit Dritten kooperiert hat. An der Existenz von drei dieser Partner sind mittlerweile große Zweifel aufgetaucht. Zwei von ihnen hat Wirecard nach KPMG-Erkenntnissen Kreditlinien über insgesamt 250 Millionen Euro eingeräumt und zwar unbesichert. Noch heute warten Prüfer auf eine Liste der Kunden, die die Partnerfirmen angeblich an Wirecard vermittelt haben. Die Chance ist groß, dass hier Scheingeschäfte vorgegaukelt wurden, um die Wirecard-Bilanzen künstlich aufzublähen, aber auch um Geld aus dem Dax-Konzern abzuzweigen.

Ein weiterer unbesicherter Kredit über 115 Millionen, den das Recherchetrio identifizieren konnte, ist an eine Ölhandelsfirma in Singapur geflossen, deren Manager ein hochrangiger Wirecard-Manager gewesen sei. Interessenskonflikte drängen sich auf. Wirecard hat sie ignoriert und nach eigenem Bekunden nie nach Hintermännern des Fonds auf Mauritius gefragt. Vielmehr seien die fragwürdigen Kredite noch 2019 vom Wirecard-Vorstand verlängert worden, obwohl Kreditzinsen in Millionenhöhe nicht bezahlt wurden. Auch die in Sachen Wirecard ermittelnde Staatsanwaltschaft München zieht nun zusätzlich zu Manipulationsvorwürfen auch Betrug in Betracht.

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