Retten, was zu retten ist: Jetzt übernimmt ein Insolvenzprofi bei Wirecard

  • Das Amtsgericht München hat für den Dax-Konzern Wirecard einen vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt.
  • Es ist der mit Großpleiten erfahrene Michael Jaffe.
  • Er soll jetzt retten, was noch zu retten ist.
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Zeitweise war es nicht einmal klar, ob es beim Pleitekonzern Wirecard für die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens reicht. Nun hat das zuständige Amtsgericht München für Klarheit gesorgt, ein solches eröffnet und Rechtsanwalt Michael Jaffe als vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Damit wird das Wirecard-Debakel nun durch zwei erfahrene Experten von unterschiedlichen Richtungen aus bearbeitet. Jaffe ist vor allem Wirecard-Gläubigern verpflichtet und muss für sie retten, was zu retten ist. Im Fall von Banken sind das Kredite von rund 3,5 Milliarden Euro. Auch die 5.800 Beschäftigten von Wirecard hoffen auf Jaffe. Der 57-jährige Jurist ist in der Szene bekannt, seit er 2002 die Pleite des Medienimperiums von Leo Kirch gemanagt hat.

Zuletzt hat Jaffe die hier zu Lande mutmaßlich größte Anlegerpleite aller Zeiten um die Schiffscontainerfirma P&R bearbeitet, wo 3,5 Milliarden Euro im Feuer stehen. Bei Wirecard geht es mindestens um ähnliche Dimensionen. Strafrechtlich liegt die Aufarbeitung des Falls in Händen der Münchner Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl. Sie hat wie kaum eine zweite Ermittlerin Erfahrung mit großen Wirtschaftsdelikten wie dem Siemens-Bestechungsskandal 2006. Unter anderem hat die resolute Oberstaatsanwältin einmal dafür gesorgt, dass ein Vorstand der bayerischen Landesbank für achteinhalb Jahre ins Gefängnis musste.

Kein hoffnungsloser Fall

Jaffe und Bäumler-Hösl stehen jetzt bei Wirecard vor einer schweren Aufgabe. Wirtschaftlich scheint der tief gefallene Dax-Konzern zumindest kein hoffnungsloser Fall zu sein. Jaffe hat bereits ein Gutachten erstellt, das offenkundig Sanierungsfähigkeit bescheinigt. Sonst wäre das Insolvenzverfahren gar nicht erst eröffnet worden. Es gilt jetzt, die Geschäfte am Laufen zu halten, zumindest diejenigen, die existieren. Denn große Teile des in Wirecard-Bilanzen stets als besonders lukrativ beschriebenen Asien-Geschäfts scheinen weitgehend frei erfunden zu sein.

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Die Dimension der Scheinumsätze ist gewaltig. In machen Geschäftsjahren stammte ein Drittel aller Konzernumsätze aus Asien und dortigen Drittpartnern, hinter denen nun große Fragezeichen stehen. Zeitweise wurden ihnen die Hälfte aller Wirecard-Gewinne zugeschrieben. Jaffe muss nun Spreu von Weizen trennen, was ihm bei P&R schnell gelungen ist. Dort wollte die Investmentfirma für Anleger 1,6 Millionen Schiffscontainer gekauft haben. Jaffe fand dann aber nur gut 600.000 dieser Transportboxen wirklich vor. Ähnliches dürfte nun auch bei Wirecard drohen.

Fahndung nach strafrechtlich relevanten Schlüsselfiguren

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Bäumler-Hösl wiederum muss nach den strafrechtlich relevanten Schlüsselfiguren fahnden und deren Rolle im Wirecard-Debakel herausfinden. Das sind je nach Lage der Dinge ein philippinischer Treuhänder, der für die Einrichtung von Treuhandkonten über verschwundene 1,9 Milliarden Euro zuständig war, Mitarbeiter zweier philippinischer Banken, dubiose Partnerfirmen in ganz Asien oder das Wirecard-Management selbst.

Der ehemalige Konzernchef Markus Braun hat sich vor kurzem der Justiz gestellt, nachdem er mit Haftbefehl gesucht worden war. Gegen Zahlung einer Kaution von fünf Millionen Euro ist er nun wieder auf freiem Fuß. Noch gesucht wird sein Ex-Kollege Jan Marsalek. Der 40-Jährige war für das operative Geschäft vor allem auch in Asien zuständig und wollte sich nach Aussagen seines Anwalts eigentlich diese Woche ebenfalls der Münchner Justiz stellen. Das hat Marsalek aber nicht getan, womit er als flüchtig gelten muss. Vorige Woche hat er sich nach Erkenntnissen philippinischer Behörden im ostasiatischen Inselstaat befunden, soll sich mittlerweile aber nach China abgesetzt haben. Marsalek droht damit ein internationaler Haftbefehl.

Regierung will Kontrollen verbessern

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Währenddessen hat die Bundesregierung angekündigt, die Kontrolle der Unternehmensbilanzen nachzubessern. Ein Sprecher des Justizministeriums sagte am Montag, ein “sachkundiges, wirkungsvolles und effizientes Bilanzkontrollverfahren” sei wichtig, um einen funktionsfähigen und transparenten Kapitalmarkt zu gewährleisten. Zusammen mit dem Finanzministerium werde das Ausmaß des Reformbedarfs analysiert.

Die Deutsche Börse in Frankfurt überarbeitet wegen des Skandals ihr Regelwerk für den Dax. “Das Vertrauen in den Kapitalmarkt hat offensichtlich in den letzten Tagen gelitten. Als Marktplatzbetreiber ist es auch unsere Aufgabe, das Vertrauen in den Kapitalmarkt zu stärken”, hieß es. Wirecard war im Herbst 2018 in den Dax aufgenommen worden, das Unternehmen war damals mehr als 20 Milliarden Euro wert.

Wirecard verbleibt bis September im Dax

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Obwohl Wirecard-Aktien mittlerweile extrem an Wert eingebüßt haben, wird das Unternehmen bis zum 3. September im Dax verbleiben - dem nächsten regulären Anpassungstermin. Sofort aus dem Dax geworfen werden könnte das Skandalunternehmen nach derzeitigen Regeln nur bei einer Abwicklung, oder weil das Insolvenzverfahren mangels verwertbaren Vermögens gar nicht eröffnet werden könnte.

Die Wirecard-Aktien sind mittlerweile zum Spielball von Spekulanten geworden. Nach einem Verlust von knapp 99 Prozent in den vergangenen sieben Handelstagen verzweieinhalbfachte sich der Kurs am Montag auf knapp vier Euro. Am Dienstag fliegt Wirecard bereits aus dem gesamteuropäischen Stoxx Europe 600.


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