Wird die Münchner Softwareschmiede Celonis das nächste SAP?

  • Das Softwareunternehmen Celonis aus Bayern gehört zu den wertvollsten Start-ups in Deutschland.
  • Es hat ein Programm entwickelt, das Fehler in Unternehmensprozessen sucht.
  • Das Potenzial ist riesig.
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Hannover. Es gibt nicht viele Digitalfirmen von Weltrang hierzulande. Doch die Celonis könnte in diese Liga vorstoßen. 2011 von drei Studenten der TU München gegründet, hat das Softwareunternehmen bereits Hunderte Millionen an Kapital eingesammelt und zählt zu den wertvollsten Start-ups in Deutschland.

„Celonis ist ein seltenes Juwel, das im Zentrum eines der größten Technologietrends unserer Zeit steht“, sagt Henry Ellenbogen, Topmanager bei Durable Capital Partners. Der US-Investor investiert mit Partnern rund 820 Millionen Euro. Es ist die vierte Finanzierungsrunde für Celonis und hebt das Gesamtvolumen auf 1,3 Milliarden Euro. Der Unternehmenswert steigt schnell: 2019 wurde Celonis noch mit gut 2 Milliarden Euro bewertet, jetzt sind es schon 9 Milliarden. Damit sind die Münchner nicht mehr weit von MTU und Covestro entfernt, den aktuell kleinsten Dax-Werten.

Celonis ist ein seltenes Juwel, das im Zentrum eines der größten Technologietrends unserer Zeit steht.

Henry Ellenbogen, Durable Capital Partners
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Jährlich verdoppelt sich der Umsatz

„Wir sind für die Zukunft gut aufgestellt und haben Großes vor“, sagt Co-Chef und Mitgründer Bastian Nominacher eher nüchtern. Auf Spekulationen, ob Celonis das nun wertvollste Start-up der Republik ist, will er sich nicht einlassen. Das Ziel, jährlich die Umsätze mindestens zu verdoppeln, sei aber zuletzt gut erfüllt worden, und das werde sich erst einmal so fortsetzen.

Celonis fällt öffentlich wenig auf, weil das Produkt allein für Unternehmen gedacht ist. Dort soll es aber viel bewegen: Process Mining heißt die Grundlagentechnologie. Geschürft wird dabei nach Datenströmen in Firmennetzwerken. „Unsere Software lichtet wie ein Röntgengerät alle IT-Prozesse in modernen Unternehmen ab und deckt Schwachstellen auf“, erklärt Nominacher. Celonis wirbt damit, die Prozesskosten im Schnitt um 30 Prozent zu senken. Zum Beispiel würden Firmen im Schnitt gut 14 Euro für die Bearbeitung einer einzelnen Rechnung ausgeben. Mit optimierten Prozessen gehe das aber für 6,80 Euro.

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Die Kundenliste reicht von BMW und Bosch bis Coca Cola und Uber. Denn Process Mining ist über alle Branchen hinweg einsetzbar vom Einkauf und der Produktion über Rechnungswesen bis zur Kundenakquise. Es soll Flaschenhälse in der Fertigung erkennen oder Betrug in der Buchhaltung, kann die Liefertreue erhöhen und Flugzeuge pünktlicher landen lassen. Experten sehen die Software schon in einer ähnlichen Schlüsselrolle, wie sie heute die SAP-Programme haben.

Effizient wie Amazon

Vor einem halben Jahr hat Celonis eine neue Softwarekategorie geschaffen, die man Execution Management nennt. „Das ist sozusagen der Prozessdoktor, der die beim Röntgen entdeckten IT-Schwachstellen heilt“, sagt Nominacher. Damit könnten Celonis-Kunden ihre Geschäfte nun so effizient wie der Onlineversandhändler Amazon betreiben, der auf diesem Feld als führend gilt. Die neue Technologie sei so gut angekommen, dass die Finanzierungsrunde nötig wurde, um das Wachstum verarbeiten zu können.

Man braucht eine Softwareschicht, die alles orchestriert.

Bastian Nominacher, Celonis-Mitgründer

Die neue Softwaregeneration erkennt zum Beispiel nicht nur, dass ein Lieferengpass droht. Sie schlägt dann etwa eine andere Versandart vor, um den Notstand zu verhindern. Firmen könnten stets mit bestehender IT weiterarbeiten ohne sie kostspielig austauschen zu müssen, erklärt Nominacher. Stockende Datensysteme und Prozessketten von Firmen würden von Celonis-Technik wieder reibungslos zum Laufen gebracht. „Man braucht eine Softwareschicht, die alles orchestriert“, sagt der Co-Chef.

Er schreibt seiner Technologie das Potenzial zu, die Softwarelandschaft so stark zu beeinflussen wie zuletzt der Megatrend Cloud Computing – das Verlagern von Daten ins Internet. Von den Dimensionen des Cloud-Markts ist Process Mining zwar noch weit entfernt, aber die Wachstumsraten sind riesig. Nach einer Studie der Beratungsfirma Quadrant Knowledge Solutions wurden mit der neuen Technologie 2019 rund 200 Millionen Euro Umsatz gemacht, aber 2025 sollen es knapp 6 Milliarden sein. Celonis nennt keine eigenen Umsatzzahlen. Wenn man aus der Studie und dem Weltmarktanteil folgert, dass Celonis in diesem Jahr gut eine halbe Milliarde Euro umsetzt, schweigt Nominacher.

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Spitzenpersonal von Google

Angelockt von den Perspektiven wird auch internationales Spitzenpersonal. Aktueller Zugang ist der frühere Google-Manager Carlos Kirjner als neuer Celonis-Finanzchef. Bei Google war er für die Finanzen der Kernbereiche mit gut 120 Milliarden Euro Umsatz verantwortlich. Davor wurden Topmanager der US-Softwarekonzerne Salesforce und Oracle geholt sowie strategische Partnerschaften mit Siemens, IBM und Microsoft geschlossen.

Auf 1300 Beschäftigte hat der Aufsteiger mit doppeltem Firmensitz in München und New York zuletzt personell aufgerüstet. Wie lange die Milliarde Dollar aus der Finanzierungsrunde reicht, will Nominacher nicht abschätzen. „Ein Börsengang kann ein möglicher nächster Schritt sein“, sinniert er. Ob der nach Frankfurt oder New York führen könnte, lässt der Sohn einer bayerischen Bäckerfamilie schmunzelnd offen.

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