Vom CD-Verkäufer zum CEO: Andy Jassy ist der neue Amazon-Chef

  • Andy Jassy begann 1997 den Verkauf von Musik-CDs bei Amazon aufzubauen – 24 Jahre später bekommt er den Chefposten.
  • Dass nun Jassy das Ruder übernimmt, lässt sich auch als eine Art Gewichtsverlagerung im Konzern lesen.
  • Der neue Chef steht vor großen Aufgaben.
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Frankfurt am Main. Andy Jassy kam 1997 zu Amazon. Eine seiner ersten Aufgaben wirkt heute reichlich exzentrisch: Drei Jahre nach der Gründung des Onlinehändlers sollte er das Geschäft für den Verkauf von Musik-CDs aufbauen. 24 Jahre später übernimmt Jassy, Jahrgang 1968, den Chefposten beim Internetgiganten.

Jeff Bezos – Jahrgang 1964, Gründer und bisheriger Vorstandschef – zieht sich aus dem Tagesgeschäft zurück und wird Vorsitzender des Verwaltungsrats. Damit endet das vielleicht beeindruckendste Kapitel der jüngeren Wirtschaftsgeschichte.

Der Beginn der Karriere war „brutal“

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Den ersten bleibenden Eindruck bei Bezos hinterließ Jassy mit einem Kajakpaddel. Es war 1997, Amazon war eine junge Firma von jungen Leuten, und eine Besprechung endete mit einer Partie Broomball – einem an Hockey angelehnten Spiel aus Kanada, bei dem man einen Ball mit einer Art Besen führt – oder eben behelfsmäßig mit einem Kajakpaddel. Der frisch eingestellte Jassy zog im Eifer des Gefechts seinem Chef eins über den Kopf. Die Episode, die Bezos-Biograf Brad Stone herauskramte, schadete der Karriere des heute 53-jährigen Jassy nicht im Geringsten.

Jassy wurde Bezos’ „Schatten“

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Einige Jahre später bekam Jassy ein Angebot, das mit seinem nun bevorstehenden Aufstieg an die Amazon-Spitze besonders bedeutend erscheint. Bezos machte ihn zu seinem ersten offiziellen „Schatten“: Ein Mitarbeiter begleitet den Chef auf Schritt und Tritt und nimmt an allen seinen Beratungen teil. Jassy verbrachte eineinhalb Jahre an Bezos‘ Seite – und war danach bereit für eine große Aufgabe.

Keine Scheu, seine politische Meinung zu äußern

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Jassy, der einst bekannte, sich zwölf Dosen Cola Light pro Tag reinzuschütten, hält auch im gespaltenen Amerika mit seinen politischen Ansichten nicht zurück. So begrüßte er bei Twitter die Gleichstellung sexueller Minderheiten durch das Oberste Gericht der USA und forderte Konsequenzen für den Tod der schwarzen Amerikanerin Breonna Taylor bei einem Polizeieinsatz.

Zuletzt wurde er in eine Klage der bei Unterstützern von Donald Trump beliebten Twitter-Alternative Parler hineingezogen, der AWS nach Gewaltaufrufen rund um den Sturm auf das Kapitol den Stecker zog. Kritisiert wurde Jassy dafür, dass Amazon Behörden die Gesichtserkennungssoftware Rekognition liefert – was er verteidigt.

Jassy heiratete 1997 Elana Caplan, die Modedesignerin für die Firma Eddie Bauer war. Beide leben in Seattle mit ihren zwei Kindern.

AWS ist profitabelste Sparte – Idee stammt von Jassy

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Dass nun Jassy das Ruder übernimmt, lässt sich auch als eine Art Gewichtsverlagerung im Konzern lesen. Einige Zeit nach der Sache mit dem CD-Verkauf baute er von 2003 an die Sparte Amazon Web Services (AWS) auf. Das damals schon stark gewachsene Unternehmen hatte das Problem, dass im Weihnachtsgeschäft so viele Bestellungen reinkamen, dass die IT des Konzerns an ihre Grenzen kam.

Also machte sich Jassy zunächst mit nur knapp fünf Dutzend Mitarbeitern daran, die eigenen Rechenzentren massiv zu erweitern und daraus ein Geschäft zu machen: Da die Kapazitäten über weite Teile des Jahres nicht ausgelastet waren, verkaufte der Konzern Rechenzentrumsleistung an andere Unternehmen – das war seinerzeit noch etwas völlig Neues.

Andere IT-Konzerne wie Microsoft oder Google wollten damals davon nichts wissen. AWS arbeitet inzwischen als profitabelste Sparte des Unternehmens. Cloud-Computing mit dem Abrufen von Rechenleistung nach Bedarf ist der am schnellsten wachsende Sektor in der Hightechwelt. Eine weitere massive Expansion des Cloud-Kosmos ist für Experten ausgemacht, denn das globale Datenaufkommen wächst exorbitant. Und AWS ist mit weitem Abstand der Weltmarktführer.

Es wird ungemütlich für Amazon

Doch Jassy steht nun vor großen Aufgaben. Der Onlinehandel wird in nächster Zeit für die Amazon-Manager wohl alles andere als eine gemütliche Angelegenheit. Da sind einerseits die Beschäftigen in den riesigen Lagerhäusern, die die Bestellungen zusammenstellen und verpacken. Weltweit beklagen sich die Beschäftigten über schlechte Arbeitsbedingungen – zuletzt vor allem über einen unzulänglichen Schutz vor Corona-Infektionen.

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Die Erfolgsgeschichte hat weitere Schattenseiten: So gibt es dauerhaft Ärger mit Tausenden von Händlern, die auf dem Marketplace von Amazon ihre Waren feilbieten. Von permanenten Gängeleien, Schikanen und von hohen Gebühren für die Nutzung des digitalen Marktplatzes ist die Rede. Doch für viele kleine Händler gibt es keine Alternative, weil sie von Amazon wegen der großen Reichweite abhängig sind.

Kartellämter haben Amazon genau im Blick

Und dann sind da noch die Kartellwächter: In den USA prüfen die nationale Handelskommission und die Behörden vieler Bundesstaaten sowie in Europa die EU-Kommission, ob Amazon seine Marktmacht missbraucht. In den nächsten Jahren könnte es für Jassy und seine Leute an der Konzernspitze recht ungemütlich werden, obwohl der Onlinehandel weiter expandiert.

Allerdings haben sich viele größere Unternehmen mittlerweile sehr erfolgreiche eigene Plattformen für den E-Commerce aufgebaut, etwa der Sportartikler Adidas. Und mit dem chinesischen Alibaba-Konzern ist ein Konkurrent von vergleichbarer Statur entstanden, der Amazon das Leben zunehmend schwer machen könnte.

Mit dpa

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