Wenn der Job nur noch nervt: Neun Tipps vom Psychologen

  • Was tun, wenn der Job keine Freude mehr macht, sondern nur noch Unzufriedenheit auslöst?
  • Oft hilft es, sich auf die Suche nach den Ursachen zu machen und das Gespräch zu suchen, sagt Diplompsychologe Jürgen Walter.
  • Wichtig ist es, die Gefahr eines Burn-Outs rechtzeitig zu erkennen, rät der Experte für Arbeitssicherheit.
Heidi Becker
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Miese Kollegen, viel zu viel Arbeit, schlechtes Gehalt - Gründe, mit dem Job unzufrieden zu sein, gibt es viele. Tatsächlich, das zeigen aktuelle Studien, ist die Stimmung unter deutschen Beschäftigten mies. Denn Konjunktursorgen, Zukunftsängste und Strukturwandel belasten die Mitarbeiter vieler Unternehmen. Zum Teil sind das Probleme, die individuell kaum gelöst werden können. Doch zumindest gibt es Kniffe, um den Alltag erträglicher zu machen.

Den Job einfach zu wechseln, kann bei großer Unzufriedenheit sinnvoll sein. Aber oft ist es eben nicht so einfach. Jürgen Walter, Diplompsychologe und Berater für Arbeitssicherheit, gibt Tipps wie der Arbeitsalltag trotzdem wieder besser wird.

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Tipp 1: Nach den Ursachen fragen

Man sollte sich fragen, woran oder an wem es liegt, dass man unzufrieden ist: Am Vorgesetzten? Bin ich selbst unter- oder überfordert? Oder liegt es daran, dass etwas nicht richtig organisiert ist, dass zum Beispiel die nötige Technik fehlt? Dann kann man an der entsprechenden Lösung arbeiten. Dabei ist aber auch die Frage wichtig, was man selbst noch verändern und verbessern kann.

Tipp 2: Das Problem realistisch betrachten

In meinen Berufsalltag habe ich viel mit Menschen zu tun, die über ihre Unzufriedenheit auf der Arbeit sprechen oder Angst haben, gekündigt zu werden. Dabei ist gerade die Angst oft unbegründet – und viel zu dramatisch: Bereits bei der kleinsten Kritik glauben manche Menschen schon, dass ihr Arbeitsplatz gefährdet ist. In der Regel ist es jedoch lange nicht so schlimm, wie man im ersten Moment vielleicht glaubt.

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Tipp 3: Auch die positiven Aspekte sehen

Positive Dinge werden oft ausgeblendet. Aber eigentlich sollte man ab und an auch mal wertschätzen, dass man einen Arbeitsplatz hat, eine angemessene Bezahlung bekommt und es einen Kaffeeautomaten gibt. Das mag sich erst einmal selbstverständlich anhören, doch manchmal klagen wir auf hohem Niveau.

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Wenn die Leute sich mir gegenüber beklagen, frage ich immer auch, was ihnen denn noch Spaß an ihrem Beruf macht, ob es Erfolgserlebnisse gibt. In den meisten Fällen fällt ihnen dann doch noch etwas ein.

Tipp 4: Gründe für Arbeit reflektieren

Man sollte sich klar machen, dass man nicht arbeiten geht, um maximal Spaß zu haben, sondern eher, weil man für eine sinnvolle Arbeit angemessen bezahlt wird. Daher sollte man sich den eigenen, positiven Beitrag Bewusst machen: „Was macht mir Spaß und wie kann ich mich positiv im Betrieb einbringen?“

Tipp 5: Probleme ansprechen

Wenn man sich mit den Kollegen nicht gut versteht, ist das immer auch ein Führungsproblem. Denn entweder duldet ein Vorgesetzter Streit zwischen Kollegen oder er bekommt es nicht mit. In beiden Fällen ist das schlecht. Als Einzelner soll man aber nicht unbedingt gleich zum Chef gehen, sondern das Problem erst einmal bei den Kollegen ansprechen.

Dabei ist es ganz wichtig: Keine Vorwürfe machen. Man sollte Ich-Botschaften verwenden, also „Ich würde mir wünschen, dass“ und nicht „Du musst das ändern“. Konkrete Verbesserungsvorschläge sind ebenso wichtig und zeigen, dass man sich Gedanken gemacht hat. Umgekehrt muss man aber auch selbst mit Kritik umgehen können und sich nicht direkt ungerecht behandelt fühlen.

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Um aus einer Negativspirale rauszukommen, gibt es darüberhinaus viele weitere Möglichkeiten: Das kann etwas Einfaches sein, wie beispielsweise wirklich jeden freundlich zu begrüßen oder auch mal ein Stück Kuchen mitzubringen.


Jürgen Walter ist Diplompsychologe. Als Experte für Arbeitssicherheit berat er Unternehmen zum nachhaltigen Umgang mit Beschäftigten. © Quelle: Privat

Tipp 6: Bei Problemen nach Hilfe fragen

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Wenn auf der Arbeit etwas schief läuft, ist es wichtig, im Betrieb eine Vertrauensperson zu haben – das kann zum Beispiel der Betriebsrat sein. Gemeinsam sollte man überlegen, was das Problem ist und was man selbst daran ändern kann. Ganz wichtig ist es jedenfalls, Probleme nicht mit sich selbst auszutragen oder sich mit ihnen abzufinden.

Tipp 7: Wertschätzung nicht nur bei der Arbeit holen

Alle Menschen wollen wertgeschätzt werden. Aber Arbeit sollte nicht der einzige Grund für Glück und Zufriedenheit im Leben sein. Für mich definiert sich Glück über drei Säulen: die Arbeit, die sozialen Beziehungen und Hobbies oder Freizeitaktivitäten.

Tipp 8: Stress reduzieren

Stress ist ein wichtiger Punkt – und eine Kopfsache. Man darf nicht glauben, dass man perfekt sein muss, keine Fehler machen darf und alle einen mögen müssen – das ist einfach nicht möglich und irrational. Autogenes Training und Entspannungstechniken können helfen, gelassener mit Stress umzugehen.

Tipp 9: Gefahren erkennen

Es ist ein schmaler Grat zwischen Burnout und Unzufriedenheit. Um herauszufinden, ob man Burn-Out-gefährdet ist, kann man sich zwei Fragen stellen: „Macht mir die Arbeit noch Spaß?“ „Kann ich noch etwas bewirken?“ Wer beide Fragen mit einem „Nein“ beantwortet, muss unbedingt etwas unternehmen. Das muss nicht immer direkt das Verlassen des Unternehmens sein, aber vielleicht gibt es ja zum Beispiel die Möglichkeit, sich in einer anderen Abteilung zu bewerben.

Aber wenn ich auf der Arbeit beispielsweise systematisch schikaniert werde, dann darf die Kündigung kein Tabuthema sein. Es kann einfach passieren, dass man in einem Unternehmen auf keinen grünen Zweig kommt, so sehr man sich auch anstrengt und persönlich einbringt. Das muss man dann akzeptieren.

“Staat, Sex, Amen”
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