Weil Stromtrassen fehlen: Weniger neue Windräder für Deutschlands Norden

Die Bundesnetzagentur erwägt, in Norddeutschland weniger neue Windräder zu bauen, als bislang anvisiert. Es fehlen die Kapazitäten, um den Strom nach Süden zu transportieren – doch auch ohne diese gäbe es aus Sicht der Grünen eine Lösung.

Anzeige
Anzeige

Hannover/Frankfurt/Bonn. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat versprochen, gegen die Krise in der Windstrombranche anzugehen. Zugleich hat aber die ihm untergeordnete Bundesnetzagentur (BnetzA) einen Verordnungsentwurf vorgelegt, der das Errichten neuer Windräder im Norden noch stärker als bisher einschränken soll – weil die Kapazitäten im Stromnetz fehlen.

Experten der BnetzA haben eine Revision des Regelwerks für das sogenannte Netzausbaugebiet vorgeschlagen. Dabei handelt es sich um die Regionen im Norden der Re­pu­blik, wo es in der Regel heftig weht: Für Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und den Nordwesten Niedersachsens gilt, dass nur eine beschränkte Zahl neuer Anlagen errichtet werden darf.

Dort ist der Ausbau, der über Ausschreibungen gesteuert wird, bislang auf eine Gesamtleistung von 902 Megawatt pro Jahr gedeckelt – noch, denn mit der nächsten Verlängerung soll die Höchstmenge auf 782 Megawatt sinken. So steht es im BnetzA-Entwurf, der dem RedaktionsNetzwerk Deutschland vorliegt. Zudem ist geplant, dass das Netzausbaugebiet auf ganz Niedersachsen ausgeweitet wird. Dafür sollen die Restriktionen für Mecklenburg-Vorpommern komplett wegfallen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Stromtrassen-Ausbau kommt nur langsam voran

Mit dem Netzausbaugebiet hat die Bundesregierung den Windenergieausbau im Norden gebremst, um eine Überlastung der Netze zu verhindern, die die elektrische Energie nach Süden transportieren. Zu viel Strom in den Leitungen droht immer dann, wenn es stark bläst. Windkraftanlagen müssen dann abgeschaltet werden. Den Betreibern der Anlagen werden Entschädigungen gezahlt, für die letztlich die Kunden aufkommen. Wobei die Netze nicht nur Windstrom transportieren müssen, sondern auch die elektrische Energie, die insbesondere von Kohle- und Atomkraftwerken erzeugt wird. Das Problem soll durch eine Erweiterung der Stromautobahnen behoben werden. Doch das Ziehen der neuen Strippen kommt nur sehr schleppend voran.

Systemanalysen zeigten nun, „dass im Übertragungsnetz südlich von Mecklenburg-Vorpommern nur noch vereinzelte Engpässe auftreten, in Niedersachsen hingegen eine Vielzahl an Leitungen von signifikanten Überlastungen betroffen sind“, heißt es im Verordnungsentwurf der Netzagentur. Hinzu komme, dass mit dem geplanten neuen Zuschnitt des Netzausbaugebiets mehr Anlagen erfasst würden, wo Überlastungen und Abschaltungen drohten. Weiter heißt es in dem Papier der BnetzA: „Die Begrenzung der Ausschreibungsmengen im Netzausbaugebiet ist vorübergehend und dient dazu, Netzengpässe nicht zusätzlich zu verschärfen“ – bis diese durch den Netzausbau behoben seien.

Grüne kritisieren Bundesregierung

Anzeige

Das Wirtschaftsministerium teilte auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion mit, dass zum genauen Inhalt des Entwurfs „derzeit keine Stellung genommen“ werden könne, da die Abstimmung im Ressortkreis noch andauere.

Julia Verlinden, Energieexpertin in der Grünen im Bundestag, betont mit Blick auf die geplante Ausweitung des Netzausbaugebiets: „Wenn die Regierung diesem aberwitzigen Vorschlag folgt, lähmt sie das entscheidende Kraftzentrum der Energiewende im Norden.“ Dies sei das genaue Gegenteil vom Versprechen der Regierungskoalition, den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2030 auf 65 Prozent zu steigern, sagte Verlinden dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Anzeige

Windkraft-Ausbau-Ziele werden verfehlt

Zugleich gibt es laut Verlinden durchaus eine Möglichkeit, die Netze zu entlasten. Die „wahren Netzverstopfer“ im Norden seien unflexible Kohle- und Atomkraftwerke. Diese Anlagen führten zur „Zwangsabschaltung von Windenergieanlagen“. Die Regierung müsse endlich mit dem Kohleausstieg beginnen und die Atomkraftwerke so schnell wie möglich vom Netz nehmen. Stattdessen würden immer mehr Hindernisse für die ohnehin angeschlagene Windbranche errichtet.

Der Ausbau der Windenergie ist im vergangenen Halbjahr nach Berechnungen der Beratungsfirma Deutsche Wind-Guard um 82 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Für das Gesamtjahr rechnen die Verbände noch mit einem Zubau von maximal 1500 Megawatt. Eigentlich wollte die Bundesregierung 2500 Megawatt jährlich schaffen.

Lesen Sie auch: Windräder töten Milliarden Insekten – aber macht das einen Unterschied?

Lesen Sie auch: Klimaschutz im Grundgesetz: CSU-Chef Söder schaltet auf Grün

Von Frank-Thomas Wenzel