Weihnachtssterne kommen zum großen Teil aus Afrika

  • Weihnachtssterne stehen in der Adventszeit fast in jedem Haushalt.
  • Zu kaufen gibt es sie nicht nur in Gärtnereien, sondern auch in fast jedem Baumarkt oder Supermarkt.
  • Allerdings haben die Pflanzen bis dahin schon einen langen Weg hinter sich und lassen viele Fragen zu Produktionsbedingungen oder Klimaverträglichkeit offen.
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Hannover. Jahr für Jahr werden in Deutschland über 30 Millionen Weihnachtssterne, auch als Advents- oder Christsterne bekannt, verkauft. Und das ist nur ein Bruchteil des weltweiten Verkaufs. In Frankreich zum Beispiel werden Weihnachtssterne nicht nur als “Rose de Noel” zu Weihnachten verkauft, sondern sind als “Etoile d’amour” (“Liebesstern”) auch ein beliebtes Geschenk zum Muttertag. In Schweden stehen im Durchschnitt etwa zwei bis drei Pflanzen in jedem Haushalt und auch in den USA sind die Weihnachtssterne ein wichtiger Teil der Weihnachtstradition. Am 12. Dezember hat der Weihnachtsstern dort am “Poinsettia-Tag” sogar seinen eigenen kleinen Feiertag, an dem zahlreiche Weihnachtssterne verschenkt werden.

Obwohl die Winterblüher nur innerhalb eines Zeitraums von acht Wochen verkauft werden, werden bei den Zimmerpflanzen lediglich Orchideen noch häufiger verkauft. Doch all diese Weihnachtssterne müssen erst einmal gezüchtet werden. Die Stecklinge dafür kommen zu großen Teilen aus Weihnachtssternfarmen in Uganda, Kenia oder Äthiopien. Billig produzieren und dann klimaschädlich einfliegen? Ganz so einfach ist es nicht.

Der weite Weg eines Weihnachtssterns

Bevor der blühende Weihnachtsstern in unseren Wohnzimmern landet, hat er einen langen und weiten Weg hinter sich. Im Januar beginnen Gärtnereien, Stecklinge zu ordern. Die Produktion ist langwierig, aufwändig und anspruchsvoll – und findet vor allem in Ostafrika statt. Weihnachtssternfarmen stehen in Uganda, Kenia oder Äthiopien. In riesigen Gewächshäusern werden von Mutterpflanzen Stecklinge kultiviert. Pflege, schneiden, Ernte, verpacken: Dazu sind tausende Arbeitskräfte nötig. Zwischen Mai und Juni werden die Weihnachtssternstecklinge dann in riesigen Mengen per Luftfracht nach Europa eingeflogen. Nach einer Quarantänezeit am Flughafen erfolgt dann der Weitertransport, zum Beispiel nach Deutschland, Schweden und in die Niederlande. Hier werden die Jungpflanzen nun sechs bis acht Wochen weiter in heimischen Gärtnereien kultiviert bis sie groß und schön genug für den Verkauf sind und an den Handel geliefert werden können.

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Das Branchenmagazin für Floristen und Gärtnereien G&V schreibt in einem Bericht, dass in Deutschland verkaufte Weihnachtssterne zum überwiegenden Teil aus heimischer Produktion stammen. Etwa 50 Prozent kommen demnach aus Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Baden-Württemberg (14 Prozent), Bayern (10 Prozent) und Niedersachsen (9 Prozent). Lediglich 20 Prozent der Pflanzen würden aus den Niederlanden und Dänemark importiert werden. Die Aufzucht findet unter europäischen Standards auch in diesen Ländern statt, jedoch werden die Jungpflanzen in fernen Ländern nahe des Äquators vermehrt.

In europäischen Gärtnereien werden aus den importierten Stecklingen fertige Weihnachtssterne gezogen. © Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa
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Eine Haltung der Mutterpflanzen ist unter wirtschaftlichen Aspekten in Europa nicht möglich oder besser gesagt, nicht rentabel. Sie wäre schlicht und einfach zu energieaufwendig. Weihnachtssterne brauchen zum Gedeihen jede Menge Licht und Sonnenenergie, damit sind die Bedingungen in den afrikanischen Ländern ideal. Wollte man die Mutterpflanzen in Deutschland halten, müssten riesige Gewächshäuser beinahe rund um die Uhr und ums Jahr geheizt und belichtet werden. Demnach ist es umweltfreundlicher, und für die Unternehmen lukrativer, die Stecklinge in Afrika zu züchten und dann einzufliegen. Die Emissionsbelastung durch benötigtes Kerosin sei im Verhältnis zum Energiebedarf, um Treibhäuser in Europa zu beheizen, gering.

An der Nachhaltigkeit der Weihnachtsterne wird nach wie vor gearbeitet. Bereits vor einigen Jahren experimentierten Eva-Maria Geiger, Sachgebietsleiterin Zierpflanzenbau der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) und ihr Team mit torfreduzierten Erden, dem Nützlingseinsatz und Haltbarkeit. Hier kommen moderne Fluttische zum Einsatz und es werden unterschiedliche Szenarien von Luftfeuchtigkeit, Belichtungsdauer, Temperatur und Hygiene getestet. Jedoch betrifft dies meist die ausgewachsenen Pflanzen, die bereits in deutschen Häusern und Wohnungen stehen. Die Forscher simulieren hier möglichst lebensnah Wohnraumbedingungen.

In Afrika gelten andere Standards und Produktionsbedingungen

Eine der größten Weihnachtssternproduktionen befindet sich in den Gewächshäusern der Wagagai Farm am Viktoriasee in Uganda. Alleine hier werden 55 Millionen Weihnachtssternsetzlinge pro Jahr gezogen. In einem TV-Bericht haben sich die Redakteure von RTL dem “schmutzigen Geschäft hinter der weihnachtlichen Pracht” gewidmet. Ein Angestellter der Weihnachtssternfarm erzählt, er verdiene 73 Euro im Monat. Laut Weltbank zu wenig. Man braucht in Uganda nach aktuellen Berechnungen 135 Euro zum Überleben. Der deutsche Geschäftsführer der in Stuttgart gemeldeten Firma selecta one betriebenen Farm sieht die Schuld für Billiglöhne beim Endkunden. Gegenüber RTL sagte er: “Wenn Sie das Gesamtvolumen an Stecklingen nehmen, das allein wir da produzieren, und wir würden einen Cent mehr bekommen, dann könnten wir die Löhne verdoppeln.”

In einem Firmenvideo wirbt selecta one mit einem idealen, tropischen Klima und niedrigen Produktionskosten in Uganda. Jedoch auch für die Auszeichnung mit zahlreichen Zertifikaten. Demnach sei das Unternehmen sowie dessen Standorte und Produkte “in Umwelt, Qualitätsmanagement und sozialer Verträglichkeit nach internationalen Standards zertifiziert”. Speziell die Produktionsstätte Wagagai in Uganda sei unter den Ersten, die “in Afrika diese hohen Standards erreichen konnten”.

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Nachhaltigkeit ist das Leitmotiv im Umgang mit unseren Kunden, Mitarbeitern und der Umwelt. Qualität in Produkt und Prozess sehen wir als Voraussetzung, um auch zukünftig unsere Entwicklung erfolgreich fortzusetzen.

selecta one, auf der Firmenwebsite

Im RTL-Bericht erzählt Fischer William Kikanga, dass die Christsterne jedoch alles andere als gut für sein Land seien: “Seitdem die Blumenfabrik hier ist, ist das Wasser mit Chemikalien verschmutzt und wir fangen weniger Fische.” Tatsächlich können in den Betrieben Pestizide eingesetzt werden, die in Europa längst verboten sind. Schließlich wird hier nach afrikanischen Standards produziert und nicht nach europäischen.

Auch die Firma Dümmen aus dem niederrheinischen Eversael ist einer der Big Player im Weihnachtssterngeschäft. Die Stecklinge werden auf der Farm Red Fox in Äthiopien gezogen. Äthiopien ist einer der größten Blumenproduzenten Afrikas, dabei zählt das Land zu den ärmsten der Welt. Schon seit Jahren kritisieren Nichtregierungsorganisationen, dass solche gigantischen Blumenfarmen zulasten von Nahrungsmitteln gingen und den Hunger im Land nur noch verstärkten. Durch gute Produktionsbedingungen und niedrige Löhne ist der Anbau für Unternehmen hier sehr attraktiv. Jedoch sieht auch Sonja Dümmen die Käufer und Verkäufer in der Pflicht. In einem früheren Interview sagte sie gegenüber der “Wirtschaftswoche”: “Leider ist aus dem hochwertigen Geschenkartikel ein billiges Massenprodukt geworden.” Ihrer Ansicht nach müsse ein Weihnachtsstern mindestens 4 Euro kosten, damit es sich für alle Beteiligten lohne. Verkauft werden die Pflanzen in Supermärkten oder Baumärkten allerdings oft für weniger als die Hälfte.

Fairtrade setzt sich für bessere Produktionsbedingungen und bessere Löhne auf Weihnachtssternfarmen in Afrika ein. © Quelle: Markus Scholz/dpa

Wagagi-Farm trägt das Fairtrade-Siegel

Die Wagagi-Farm in Uganda und die Red-Fox-Farm in Äthiopien tragen beide das Fairtrade-Siegel. Dieses bürgt für die Einhaltung von Arbeitsschutz- und Um­welt­stan­dards auf den Weih­nachts­sternfarmen. Hierzu gehören das Verbot von Kin­der­ar­beit, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, langfristige Lieferbeziehungen und ga­ran­tier­te Mindestpreise.

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Wie kann es also sein, dass ein solches Unternehmen ein Fairtrade-Siegel erhält, das faire Löhne und gute Produktionsbedingungen signalisiert? Edith Gmeiner, Sprecherin von Fairtrade Deutschland, erklärt es. Die im RTL-Beitrag genannte Zahl konnte sie übrigens nicht bestätigen.

Billiglöhne

  • Niedrige Löhne in Uganda, wie auch in vielen Ländern des globalen Süden, sind eine bekannte Problematik. Daher versucht Fairtrade als Mitinitiator der Global Living Wage Coalition länder- und sektorspezifische Grenzwerte zu erheben, wo ein existenzsicherndes Minimum anzusetzen ist.
  • Fairtrade-Farmen sind verpflichtet, einen landes- oder sektorspezifischen Mindestlohn/Tariflohn zu zahlen (immer der Lohn, der jeweils am höchsten ist).
  • Nach Fairtrade-Informationen liegen die Löhne auf der Wagagi-Farm im Vergleich zu nicht zertifizierten Farmen in dem Sektor deutlich höher. Daher seien zertifizierte Farmen als Arbeitgeber sehr begehrt.
  • Auf zertifizierten Farmen gebe es zusätzlich Leistungen wie schriftliche Arbeitsverträge, Vergütung von Überstunden, Urlaub und Mutterschutz.
  • Eine Fairtrade-Prämie für fair gezogene beziehungsweise verkaufte Stecklinge kommt direkt den Beschäftigten zugute.

Dennoch bliebe klar: “Löhne müssen ausreichen, um gut davon leben zu können. Es ist ein schwieriges Unterfangen, denn klar ist auch: Die Lohnhöhe ist ein sensibles Thema und kann eine Farm gegebenenfalls auch aus dem Markt preisen”, so Edith Gmeiner.

Einsatz von Pestiziden

  • Unter Fairtrade-Bedingungen gibt es eine grundlegende und in den Standards verankerte Verpflichtung, den Pestizideinsatz auf ein Mindestmaß zu reduzieren.
  • Wenn ein Einsatz unvermeidbar ist, sollten die am wenigsten giftigen Pestizide in der geringstmöglichen Menge eingesetzt werden.
  • Ob ein Pestizid im Fairtrade-Anbau eingesetzt werden darf, ist durch die so genannte Hazardous Materials List (HML) geregelt. Diese Gefahrstoffliste gehe weit über die entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen in den Anbauländern hinaus. Darauf stehen 272 Wirkstoffe, deren Einsatz unter Fairtrade-Bedingungen verboten ist, sowie 41 weitere, die nur unter bestimmten Einschränkungen eingesetzt werden dürfen.
  • Neben der Reglementierung des Einsatzes von Chemikalien, muss auch der Schutz der Beschäftigten gewährleistet werden, in Form von Schutzkleidung und Schulungen im richtigen Umgang mit Pestiziden und nötiger Karenzzeiten.

Dass die Stecklingsfarm eine Quelle von Pestizidrückständen im Viktoriasee ist, wie ein Fischer schilderte, hält Gmeiner für unwahrscheinlich. Die Abwässer werden in der farmeigenen Kläranlage aufbereitet und Beeinträchtigungen in vergleichbaren Situationen seien nicht bekannt.

Wie sich abzeichnet, ist es äußerst schwierig, Produktionen in fernen Ländern unter sozialen und ökonomischen Aspekten sowie Umweltkriterien zu beurteilen. Denn zu fairen Löhnen und umweltfreundlichen Produktionsbedingungen gibt es einfach zu wenige globale Standards.

Auch das “Biorama”-Magazin für Bio, Fairtrade und Nachhaltigkeit weist auf die Wichtigkeit von Fairtrade-Richtlinien und -Kontrollen hin. Denn auf vielen Jungpflanzenfarmen seien Ausbeutung, schlechte Arbeitsbedingungen und unzureichender Schutz im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln der Normalfall. Meist arbeiteten Frauen und nicht selten Kinder auf den Farmen – häufig ohne Schutz vor giftigen Pestiziden. Niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten, mangelnde arbeitsrechtliche Absicherungen kämen obendrauf.

Es ist also noch Luft nach oben, was faire Produktionsbedingungen betrifft. Im Schnittblumenbereich ist Fairtrade schon länger tätig, berichtet Edith Gmeiner von Fairtrade Deutschland. Bei Weihnachtssternfarmen ist dies erst seit 2015 der Fall. Aktuell gibt es vier Fairtrade-zertifizierte Stecklingsfarmen für Weihnachtssterne. Wer sichergehen möchte, dass er fair gehandelte Produkte kauft, kann sich auf der Fairtrade-Website über Produzenten informieren.



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