Was sind eigentlich Negativzinsen?

  • Immer mehr Banken kassieren Geld von ihren vermögenden Kunden, wenn diese Geld auf dem Sparbuch parken.
  • Warum ist das so? Und wie lassen sich die Gebühren vermeiden?
  • Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
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Berlin. Die Menschen in Deutschland sparen wie die Weltmeister. Doch bei größeren Summen lohnt sich das immer weniger. Die Zahl der Kreditinstitute, die Sparern Negativzinsen aufbrummen, hat sich einer Studie zufolge innerhalb eines halben Jahres fast verdoppelt. Nach einer Auswertung des Vergleichsportals Verivox erheben zum Stichtag 29. Juni insgesamt 349 Banken und Sparkassen ein sogenanntes Verwahrentgelt bei größeren Summen auf dem Tagesgeld- oder Girokonto. Das sind 171 mehr als Ende 2020.

Die Zeiten, in denen dicke Sparbücher ordentlich Zinsen brachten, scheinen endgültig vorbei. Heute müssen Sparer Geld abgeben. Warum eigentlich? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Warum berechnen Banken Negativzinsen?

Weil sie selbst welche bezahlen müssen. Geschäftsbanken, die überschüssige Gelder bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken, berechnet die EZB aktuell 0,5 Prozent Zinsen. Die Zentralbank tut das, um das Ansparen von Geld unattraktiv zu machen.

Wer über freies Kapital verfügt, soll dies nach dem Willen der Zentralbanker in den Wirtschaftskreislauf pumpen und nicht auf dem Konto horten. Die Negativzinsen erhöhen außerdem den Druck auf Geschäftsbanken, die Einlagen ihrer Kunden als Kredite weiterzureichen. Die Strafzinsen, die sie bei der EZB bezahlen müssen, geben immer mehr Geldhäuser an ihre Kunden weiter.

Wer muss Negativzinsen bezahlen?

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Lange Zeit wurden vor allem bei großen Summen ab 100.000 Euro ein Verwahrentgelt fällig. Inzwischen erheben Verivox zufolge mindestens 102 Institute Negativzinsen ab einer Gesamteinlage von 50.000 Euro oder weniger pro Kundin und Kunde. Zuletzt hatte die Direktbank ING angekündigt, den Freibetrag von 100.000 Euro auf 50.000 Euro pro Konto zu halbieren.

Andere große Institute wie die Commerzbank und die Postbank haben ähnliche Schritte angekündigt oder bereits vollzogen. Die Negativzinsen treffen vor allem Neukunden. Will eine Bank von Bestandskunden ein Verwahrentgelt verlangen, muss sie das mit den Betroffenen individuell vereinbaren. Das ist aufwendiger. Zunächst schlossen die Geldhäuser solche Vereinbarungen daher vor allem mit Firmenkunden oder sehr reichen Privatkunden ab. Doch das ändert sich zunehmend.

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Wie reagiert die Politik?

Der Fraktionschef der Partei Die Linke im Deutschen Bundestag, Dietmar Bartsch, fordert die Bundesregierung zum Eingreifen auf. „Dass Banken ihren Kunden immer ungenierter ins Portemonnaie greifen, ist ein inakzeptabler Zustand. Viele Menschen sparen mühsam für das Alter, ein Eigenheim oder die Kinder und die Banken senken Freigrenzen für Negativzinsen immer weiter ab“, sagte Bartsch dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Der Finanzminister ist aufgefordert, die Zuschauertribüne zu verlassen und das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen. Diese dreiste Abzocke gegenüber den Kunden muss enden“, forderte der Bundestagsabgeordnete, der auch Spitzenkandidat seiner Partei für die Bundestagswahl im September ist.

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„Wir brauchen hohe Freibeträge für Neu- und Bestandskunden und klare Vorgaben für die Banken. Sparguthaben der Kunden dürfen nicht länger die Gewinne der Banken aufpeppen“, betonte Bartsch.

Was sagen Verbraucherschützer?

Verbraucherschützer kritisieren, dass „Banken und Sparkassen in den vergangenen Jahren besonders kreativ waren, wenn es um das Kreieren neuer Entgelte ging“. Der Verbraucherzentrale-Bundesverband (VZBV) hält Negativzinsen auf Giro- und Tagesgeldkonten von Verbrauchern grundsätzlich für unzulässig, unabhängig davon, ob es sich um Neu- oder Bestandskunden handelt.

Der VZBV hat daher Klagen bei mehreren Gerichten eingereicht. „Uns geht es nicht um einzelne Institute, sondern um eine grundsätzliche Klärung“, erklärte der VZBV. Die Verbraucherschützer argumentieren unter anderem, dass Tagesgeld eine Form des Sparens sei. Vertragszweck sei die Vermögensmehrung und nicht die Vermögensminderung. Bei Girokonten wiederum zähle die Verwahrung von Einlagen nicht zu den Zahlungsdiensten, für die Institute Geld verlangen könnten.

Wie können Sparer Negativzinsen vermeiden?

Wer keine Negativzinsen bezahlen will, kann um sie herumkommen, muss sich allerdings aktiv kümmern. Der einfachste Weg, Strafzinsen zu vermeiden, ist es, sein Geld auszugeben. Damit ist nicht nur Konsum gemeint, je nach Summe können auch Investments in Objekte mit Wertsteigerungspotenzial wie Immobilien eine Alternative sein.

Auch durch den Kauf von Aktien oder Anleihen lassen sich Negativzinsen umgehen, allerdings gehen Anleger damit ein Kursrisiko ein. Wer auf der sicheren Seite sein will, investiert sein Geld in sogenannte Rentenfonds. Die bieten relativ wenig Risiko, dafür aber auch nur nur geringe Renditechancen.

Und dann kann man natürlich auch sein Geld abheben und in bar verwahren, wobei auch das nicht ohne Risiko ist. Für Einbrecher ist Bargeld die lohnendste Beute von allen, und ein Brand kann auch ein großes Vermögen schnell in ein kleines Häufchen Asche verwandeln.

Bevor man sein Erspartes also unter das Kopfkissen packt, empfiehlt sich das Anmieten eines Bankschließfachs. Allerdings kostet auch das Geld.

ani/dpa/RND

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