Während Corona-Krise: US-Amerikaner hamstern Cannabis

  • Aus Angst vor einer Schließung der Cannabis-Läden, decken sich viele US-Amerikaner derzeit mit Cannabis ein.
  • Die Geschäfte reagieren und richten unter anderem Lieferservices ein.
  • Dabei ist die Angst oft unbegründet: Die Behörden werten Cannabis zum Teil sogar als ein “lebenswichtiges” Gut.
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San Francisco. Viele können den Kundenandrang kaum bewältigen, einige erweitern kurzfristig ihre Fahrzeugflotten für Auslieferungen. Während auch in den USA derzeit Kneipen, Restaurants und Theater geschlossen bleiben, erleben Coffee-Shops einen unerwarteten Boom. Denn angesichts der Aussicht auf womöglich wochenlange Ausgangssperren decken sich etliche Konsumenten weicher Drogen vorsorglich mit Vorräten ein.

In mehreren Städten wäre das Horten von legalen Cannabis-Produkten allerdings gar nicht nötig. Unter anderem New York, San Francisco und Palm Springs bei Los Angeles haben diese nämlich als "essenziell" eingestuft. Trotz der Gefahr einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus soll deren Verkauf dort gewährleistet bleiben. Apotheken und andere Ausgabestellen bemühen sich derweil, ihr Geschäft an die aktuelle Lage anzupassen. Viele setzen verstärkt auf Lieferdienste, einige bieten eine "Abholung am Bordstein" an, bei der direkte Kontakte auf ein Minimum reduziert sind.

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Cannabis-Konsumenten decken sich vorsichtshalber ein

Die Statistik zeigt, dass viele Käufer aber offenbar doch lieber auf Nummer sicher gehen. Beim kalifornischen Online-Händler Eaze lagen die Bestellmengen am Montag 38 Prozent über dem Jahresdurchschnitt, mehr als 50 Prozent der Lieferungen gingen laut Unternehmensangaben an Erstkunden.

Das Internet-Portal Weedmaps verzeichnete bei Abholungen in Kalifornien in der zweiten März-Woche insgesamt einen Mengenzuwachs von 66 Prozent gegenüber der Vorwoche. Der auf die Cannabis-Branche spezialisierte Datendienstleister Headset sah auch in den Staaten Colorado und Washington einen deutlichen Anstieg bei den Verkäufen.

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Firmen starten Cannabis-Lieferservice

Die Glass House Group, die die Pflanzen selbst anbaut und deren Erzeugnisse zugleich vermarktet, hat mehrere zusätzliche Lieferautos angeschafft, um die erhöhte Nachfrage bedienen zu können. Da viele Konsumenten aus Angst vor Ansteckung nicht rausgehen wollten oder aufgrund von Vorgaben der Regierung nicht hinaus dürften, müsse man "den Laden zu ihnen bringen", sagt Firmenchef Kyle Kazan. "Das läuft nicht großartig anders als bei Amazon."

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In den zwei Filialen von The Herbery in Vancouver im US-Staat Washington sind die Verkäufe seit vergangenem Freitag, als Gouverneur Jay Inslee Schulschließungen und andere Schutzmaßnahmen ankündigte, um etwa 30 Prozent gestiegen. In einem der Geschäfte habe sich der Absatz innerhalb von nur einem Tag sogar verdoppelt, sagt der Inhaber Jim Mullen. Die Kunden würden "vier oder fünf Artikel statt einen oder zwei" kaufen. "Die Leute fragen, wo die gesetzliche Obergrenze liegt." Viele würden Großeinkäufe machen und Vorräte anlegen.

Mehr Auslieferungen geplant als sonst

Ähnlich wie in Europa ist auch in vielen US-Staaten das öffentliche Leben inzwischen stark eingeschränkt. Und wie in Europa gibt es bei der genauen Auslegung der Vorgaben zum Teil Verwirrung. In Kalifornien etwa wird vieles von Fall zu Fall entschieden – und vieles ändert sich von Tag zu Tag. Im Großen und Ganzen scheint der legale Markt für Marihuana aber von den Einschränkungen kaum betroffen zu sein.

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Ähnliches gilt für New York. Am Dienstag erklärten auch die dortigen Behörden, der Verkauf von “Marihuana für medizinische Zwecke” sei “essenziell” und werde daher nicht unterbrochen. In den Tagen davor hätten viele Patienten Rationen für einen Monat statt nur für eine Woche gekauft, sagt Hillary Peckham, Geschäftsführerin des Ausgabestellen-Betreibers Etain. Für die kommende Woche seien deutlich mehr Auslieferungen geplant als sonst. Bei Abholungen werde empfohlen, Termine zu vereinbaren, um Menschenansammlungen in den Filialen zu meiden.

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Der Hamster in uns: Panikkäufe und Corona
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„Hamstern“ beschreibt das Horten von Lebensmitteln oder knapp werdenden Dingen. Das Horten von Dingen hat eine lange Tradition.  © RND

Verkauf von Cannabis darf weitergehen

Dass der Verkauf weitergehen darf, ist gerade in Kalifornien für die dort erst 27 Monate alte Branche ein großer Erfolg. In San Francisco waren zu Beginn der Krise für kurze Zeit zunächst auch Coffee-Shops von den Geschäftsschließungen betroffen. Daher war schon befürchtet worden, dass der Ausbruch des Coronavirus zu einem erneuten Aufblühen des illegalen Handels führen könnte. "Ich bin sehr dankbar, dass sie geöffnet bleiben – ganz einfach, weil ich Angstzustände habe und ich viele Menschen kenne, die wirklich auf medizinisches Marihuana angewiesen sind", sagt Jackie Cornelius, eine Kundin der Ausgabestelle The Green Cross.

Viele Unternehmen profitieren nicht nur von der Ausnahmeregelung, sondern zusätzlich von dem aktuellen Kaufrausch. Der in Oakland bei San Francisco ansässige Lieferdienst Ganja Goddess hatte bereits seit Monatsbeginn stetig zunehmende Bestellungen verzeichnet – aber "Ende letzter Woche ist es regelrecht explodiert", sagt Firmenchef Zachary Pitts. "Unsere Verkäufe haben sich verdreifacht."

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Cannabis-Händler bemühen sich um Schutz der Mitarbeiter

Aus Sicht von Pitts und anderen Branchen-Experten hat der Andrang auf Cannabis-Produkte einen einfachen Grund: Der Konsum kann in sicherer Umgebung in den eigenen vier Wänden erfolgen; anders als bei vielen anderen Freizeitbeschäftigungen müssen sich die Menschen dafür nicht in Gruppen aufhalten und – zumindest bei einer Lieferung – nicht einen potenziell gefährlichen Ort wie eine Shoppingmall oder ein Stadtzentrum betreten.

Die meisten Händler bemühen sich derweil auch um den Schutz ihrer eigenen Mitarbeiter. Jerred Kiloh, der ein Geschäft in Los Angeles leitet, hat am Mittwoch seinen eigentlichen Verkaufsraum geschlossen und ist komplett auf "Abholung am Bordstein" umgestiegen. Die Oberflächen in dem Vorraum, von dem aus die Ware ausgegeben werde, würden regelmäßig gereinigt und die Verkäufer seien angewiesen worden, Schutzhandschuhe zu tragen, sagt Kiloh.

Sorge vor Schließung löst Kauforgie aus

In der Branche, die seit der Legalisierung im Januar 2018 wegen hoher Steuern und der Konkurrenz eines immer noch bestehenden illegalen Marktes wirtschaftlich zu kämpfen hatte, sind die aktuellen Mehreinnahmen sehr willkommen. Cali Manzello von The Apothecarium in San Francisco sagt, die Sorge vieler Kunden vor einer vorübergehenden Schließung der legalen Cannabis-Läden habe eine wahre Kauforgie ausgelöst. "Die Leute wussten, dass sie etwas brauchen würden – nicht nur um womöglich eine mehrere Wochen lange Zeit des Festsitzens zu Hause auszuhalten, sondern einfach auch um sich gut zu fühlen."

RND/AP

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