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Es kracht wieder bei Volkswagen: VW-Chef angezählt

Volkswagen-Chef Herbert Diess sorgte in seiner Belegschaft zuletzt für Unruhe.

Wolfsburg.Der Machtkampf zwischen Volkswagen-Chef Herbert Diess und dem Betriebsrat eskaliert. Die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat habe die weitere Zusammenarbeit mit Diess infrage gestellt, berichten Konzerninsider. Nun sollen vier Mitglieder des Aufsichtsrats versuchen, das Verhältnis zu kitten. Ob das noch gelingen kann, ist nicht sicher. „Das ist mehr als Theaterdonner“, heißt es in Aufsichtsratskreisen.

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Verwirrung um Abbaupläne

Den Unmut der Belegschaft dürfte Diess am Donnerstag auf einer Versammlung im Wolfsburger Werk zu spüren bekommen. Er wollte dort mit Hinweis auf andere Termine eigentlich nicht auftreten, beugte sich dann aber dem Druck im Aufsichtsrat. Aus Sicht der Belegschaft hat sie der Vorstandsvorsitzende zu oft provoziert. Er brachte den Abbau von 30.000 Stellen ins Gespräch, ließ sich dann Zeit mit einem Dementi und sprach jüngst in einer Telefonkonferenz doch wieder von Stellenabbau. Dass er zur Versammlung nicht kommen wollte, habe man aus den Medien erfahren, heißt es auf Arbeitnehmerseite.

Diess setzt auf konstante Unruhe

Der streitbare Chef hält dagegen, dass sich VW noch schneller verändern müsse, und hält deshalb die Unruhe hoch. Er warnt vor neuen Konkurrenten wie Tesla und chinesischen Herstellern, gegen die VW mit hergebrachten Mitteln verlieren werde. Der aktuelle Konflikt spielt auch vor dem Hintergrund der Planungsrunde bei VW, in der gerade Strategie und Investitionen für die nächsten fünf Jahre festgelegt werden. Es geht um rund 150 Milliarden Euro und damit die Zukunftschancen vieler Standorte und Arbeitsplätze. Anfang Dezember soll der Plan stehen.

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Aktuell geht es vor allem um die Zukunft deutscher Fabriken. Sie sind wegen der Pandemie und des Chipmangels schlecht ausgelastet, in einigen Fällen gibt es aber auch strukturelle Probleme. So fordert der Betriebsrat möglichst bald den Bau eines Elektroautos in Wolfsburg, weil das Werk mit den Klassikern Golf und Tiguan nicht mehr auszulasten ist. Heikel ist die Lage auch in Hannover, wo unter anderem neue Elektroautos von Audi, Porsche und Bentley gebaut werden sollen. Porsche will sich nun aber aus dem Projekt verabschieden und das neue Auto selbst bauen.

Das Verhältnis zu Diess ist massiv beschädigt, aber nicht irreparabel.

VW-Betriebsrat

Das Verhältnis zu Diess sei mittlerweile „massiv beschädigt, aber nicht irreparabel“, hieß es am Mittwoch im Betriebsrat. Dort legt man Wert darauf, dass bisher nicht Diess‘ Ablösung gefordert worden sei – verlangt von ihm aber nach diversen ähnlichen Streitereien einen anderen Stil der Zusammenarbeit.

Vor allem Diess‘ Spiel mit der Zahl 30.000 hat die Arbeitnehmerseite aufgebracht. Er soll sie bei einem überraschenden Auftritt im Aufsichtsrat genannt und auf die Belegschaft der Volkswagen AG in Deutschland bezogen haben. Damit stünde hier jeder vierte Arbeitsplatz infrage. Nach Protesten ließ er erklären, dass es keine Pläne für einen weiteren Stellenabbau gebe – sagte wenige Tage später aber, dass er ihn für nötig halte.

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Misstrauensvotum gegen den Chef

Eskaliert ist der Streit offenbar, weil Diess zunächst nicht bereit war, bei einer Mitarbeiterveranstaltung des Betriebsrats Stellung zu nehmen. Er plante stattdessen eine USA-Reise. Vergangene Woche soll Cavallo dann bei einer Aufsichtsratssitzung dem Vorstandschef ausdrücklich das Misstrauen ausgesprochen haben. Nach vielen mühsam beigelegten Konflikten sei das Maß nun voll. Zudem wirft der Betriebsrat Diess Versäumnisse im operativen Geschäft vor, etwa in der Halbleiterkrise, beim Geschäft in China und beim Aufbau der Softwaretochter Cariad.

Das ist eine sehr ernste Lage.

Aufsichtsratskreise

Die Tragweite des Konflikts wird in Aufsichtsratskreisen unterschiedlich beurteilt. So etwas habe es schon oft gegeben – auch dieses Mal werde man sie in den Griff bekommen, heißt es auf der einen Seite. Bei anderen ist dagegen von einer „sehr ernsten Lage“ die Rede. Die Arbeitnehmerseite kann zwar keinen Vorstandschef feuern lassen, aber gegen sie ist im Unternehmen kaum etwas zu bewirken.

Betriebsratschefin Daniela Cavallo ist die neue starke Frau bei Volkswagen.

Betriebsratschefin Daniela Cavallo ist die neue starke Frau bei Volkswagen.

Nun soll der engste Zirkel des Aufsichtsrats die Ruhe wiederherstellen. Cavallo hatte den Vermittlungsausschuss dafür ins Spiel gebracht. Der kommt laut Mitbestimmungsgesetz aber nur zum Zuge, wenn sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht auf die Besetzung eines Vorstandspostens einigen können – und so weit ist man in Wolfsburg dann doch noch nicht.

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Vier Aufseher sollen die Fäden in die Hand nehmen

Also achten beide Seiten jetzt auf einen feinen Unterschied: Es sei nicht der Vermittlungsausschuss angerufen worden – zufällig sollen aber genau dessen Mitglieder nach Gemeinsamkeiten suchen. Dabei handelt es sich um Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, IG-Metall-Chef Jörg Hofmann als sein Stellvertreter, den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil und die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo. „Die vier sollen die Fäden in die Hand nehmen“, heißt es im Konzern. Keiner der Beteiligten wollte sich dazu äußern.

Versammlung mit 7000 Beschäftigten

Erster Erfolg: Diess wird nun bei der nicht öffentlichen Versammlung an diesem Donnerstag sprechen. Wegen der Corona-Bedingungen können die 7000 Beschäftigten allerdings keine Fragen stellen. Ihren Unmut wird vor allem Cavallo artikulieren, die wegen der unsicheren Aussichten für das Wolfsburger Werk selbst unter Druck steht. Auch IG-Metall-Chef Jörg Hofmann als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender wird Diess wohl deutlich angehen.

Stephan Weil vertritt das Land Niedersachsen als Großaktionär und betont in der Regel den Schulterschluss mit der Gewerkschaft. Weil hält sich öffentlich aus den Wolfsburger Konflikten weitgehend heraus, dürfte aber zunehmend genervt sein von Diess‘ Konfrontationskurs.

Diess stand schon kurz vor dem Rauswurf

Bereits im Frühjahr 2020 stand der Konzernchef kurz vor dem Rauswurf, als er auf einer Führungskräftetagung dem Aufsichtsrat Indiskretionen und das Ausplaudern von Firmengeheimnissen vorwarf – und damit einen strafbaren Verstoß gegen das Aktiengesetz. Schon damals konnte er sich nur mit Mühe im Amt halten, bekam später aber dennoch seine geforderte Vertragsverlängerung bis 2025.

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