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„Inhaltlich Unfug“: Belegschaft wirft VW-Chef Diess gezielte Verunsicherung vor

VW-Chef Herbert Diess.

Hannover.Den vermutlich heikelsten Termin dieser Woche hat VW-Chef Herbert Diess glimpflich überstanden. Bei einer Belegschaftsversammlung in Wolfsburg musste er zwar heftige Kritik der Betriebsratsvorsitzenden Daniela Cavallo einstecken. Nach der Zuspitzung in den vergangenen Tagen bemühten sich beide Seiten aber erkennbar, den Konflikt in Grenzen zu halten. Cavallo betonte die Veränderungsbereitschaft der Belegschaft, Diess die Verantwortung für den Standort Wolfsburg. Klarheit über seine Vorstellungen zum Personalabbau schuf er allerdings nicht.

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Cavallo warf Diess vor allem vor, dass er Versprechen nicht halte und die Belegschaft mit seinen Äußerungen immer wieder gezielt verunsichere. Im Vorfeld hatte der Vorstandsvorsitzende vor allem mit dem Gedankenspiel für Aufruhr gesorgt, dass allein in Deutschland 30.000 VW-Stellen gefährdet sein könnten. Er habe „inhaltlich Unfug“ geredet, sagte Cavallo vor mehreren Tausend Beschäftigten in Wolfsburg: „Hier ist nicht ein Mensch zu viel an Bord.“ Zudem gebe es eine Beschäftigungsgarantie bis 2029 als Gegenleistung für laufende Abbauprogramme.

Äußerungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter blieben dem Chef erspart, weil die Corona-Regeln in der Versammlung keine Aussprache zuließen. Diess sei zwar allgegenwärtig in den sozialen Medien, kümmere sich aber zu wenig um akute Probleme, warf Cavallo ihm vor. Den Chipmangel etwa hätten andere Unternehmen besser im Griff, die VW-Führung liefere hier ein „Armutszeugnis“.

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Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der das Land als Großaktionär im VW-Aufsichtsrat vertritt, ermahnte Diess indirekt. Die Autoindustrie erlebe gerade eine Revolution, die Zeiten seien extrem anspruchsvoll, sagte Weil. In dieser Lage sei es die Aufgabe des Unternehmens, „nicht die Sorgen zu schüren“, sondern Perspektiven zu geben. Die Landesregierung stehe zu ihrer „Verantwortung für das Unternehmen und für seine Beschäftigten“.

Diess hält an Plänen für Stellenabbau fest

Der VW-Chef hielt sich in seiner Rede zum Thema Beschäftigung bedeckt. „Ich möchte, dass Ihre Kinder und Enkelkinder auch 2030 noch einen sicheren Job hier bei uns in Wolfsburg haben können“, sagte er. Allerdings werde es „innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre“ zu einem Stellenabbau kommen, „vor allem in der Verwaltung auf Konzernebene, aber auch in der Produktion und in der Entwicklung“.

Vor allem in Wolfsburg herrscht Unruhe, weil das Werk derzeit nur zur Hälfte ausgelastet ist – nicht nur wegen Corona und Teilemangel, wie Cavallo meint. Sie fordert schnell den Bau eines weiteren Elektroautos im Stammwerk, noch bevor 2026 der Hoffnungsträger Trinity startet – ein komplett neues Modell, das auch zu anderen Produktionsabläufen führen wird. Diess sagte, dass Wolfsburg damit wieder „die Speerspitze“ des Konzerns werde. Über die Zukunft des Standortes wird gerade intensiv verhandelt.

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Cavallo betonte, dass sich der Betriebsrat nicht gegen Veränderungen bei VW sperre. „Der Betriebsrat will den Wandel“, sagte sie, das gelte auch für die ganze Belegschaft. „Wir können Veränderung, und wir wollen Veränderung.“ Die Bremser sieht sie eher im Management. Vor allem der Mann an der Spitze setze falsche Prioritäten: Diess ließ sich von seiner PR-Abteilung immer wieder auf Internetplattformen beim Radfahren, Bergwandern und Surfen präsentieren.

„Sie versorgen uns zwar regelmäßig mit netten Fotos von Ihren Ausflügen, nur mit Halbleitern leider immer noch nicht“, sagte Cavallo. Auch Diess‘ demonstrativ gepflegte Nähe zu Tesla-Gründer Elon Musk irritiert die VWler: So viel Faszination und Elan „würden wir Beschäftigten uns auch für unsere aktuell großen Herausforderungen im Konzern sichtbar wünschen“.

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