Erster ID.3 beim Kunden: Für VW geht es jetzt ums Ganze

  • Er soll der Golf des Elektrozeitalters werden – und eigentlich noch viel mehr.
  • Für Volkswagen geht es beim ID.3 um alles oder nichts.
  • Die ersten Kunden erhielten am Freitag offiziell das neue Auto, mit einiger Verzögerung – Kritik ließ nicht lange auf sich warten.
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Hannover. Nun soll sie beginnen, die elek­trische Wende bei Volkswagen. Am Freitag bekam der erste Kunde seinen ID.3, das mit Abstand wichtigste VW-Modell der nächsten Jahre. Der ID.3 hatte eine schwere Geburt, und kurz vor dem Start listete eine Fachzeitschrift einige peinliche Schwächen auf, die noch abzustellen sind. Für den Konzern geht es ums Ganze – und für seinen Chef sowieso.

Es gibt nur eine Ausrichtung: Elektromobilität

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Vor fünf Jahren hat Herbert Diess mitten im Dieselskandal die Entwicklung angestoßen und den Konzern danach bedingungslos auf Elektromobilität ausgerichtet. Bis 2024 werden 33 Milliarden Euro investiert, Fabriken werden umgerüstet, Dutzende neue Modelle sind geplant. Marktführer Tesla bei E-Autos zu überholen gilt für den größten Autohersteller der Welt nur als Zwischenziel. Die Frage nach einem möglichen Scheitern ist im Konzern tabu: Einen Plan B gibt es zumindest offiziell nicht.

Zum Start der Produktion mit Kanzlerin Angela Merkel im November in Zwickau standen die Mitarbeiter Spalier für das Auto. Zehntausende lassen sich für die ­E-Mobilität qualifizieren – ganze Werke wie Emden, Hannover sowie Standorte in den USA und China werden umgerüstet.

Superlative: ID.3-Übergabe mit Lichtshow und Blumenstrauß

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So wurde bei der Übergabe des ersten Exemplars in Dresden nicht mit Superlativen gespart. Tenor: “Jetzt beginnt eine neue Ära für klimaneutrale Mobilität.” Christian Stadler war aus der Nähe von Passau angereist, um einen ID.3 in Empfang zu nehmen – mit Lichtshow und Blumenstrauß. Auch in Wolfsburg, wo in den vergangenen Wochen auch schon Fahrzeuge auf den Straßen zu sehen waren, begann die Auslieferung. Am Montag folgt der europäische Marktstart. Bisher sind laut VW mehr als 25.000 Stück verkauft.

Einige Probleme – Kunden müssen noch mal zum Update

Der ID.3 soll E-Mobilität in den Alltag bringen und ist verglichen mit bisherigen Mittelklasse-E-Autos in der Basisausstattung relativ günstig. Dieselbe technische Plattform wird bei Konzerntöchtern wie Audi, Skoda oder Seat eingesetzt: Der Baukasten MEB ist Grundlage zahlreicher künftiger Modelle, von denen bis 2028 bis zu 22 Millionen Stück gefertigt werden sollen.

Doch Diess’ Parforceritt hat Nebenwirkungen. Der Start des rundum neu entwickelten ID.3 verzögerte sich, vor allem die Software und die Vernetzung der Steuergeräte erwiesen sich als Achillesferse. So haben die Kunden zunächst nicht auf alle Funktionen Zugriff – im Winter müssen sie noch einmal zum Händler, damit dieser Updates hochladen kann. Der parallel entwickelte Golf 8 hat ähnliche Probleme, und im Unternehmen lagen die Nerven blank.

Bei der Software ist noch Nachholbedarf

Das Magazin “Auto, Motor und Sport” sieht nach einem Fahrtest zwar Antrieb und Fahrwerk auf hohem Niveau, aber bei der Elektronik habe der ID.3 noch “erheblichen Nachbesserungsbedarf”. So hätten im verfügbaren Modell das Navi-System nur eingeschränkt und weitere Onlinedienste gar nicht funktioniert. Die Verarbeitung, traditionell eine VW-Domäne, habe keinen besonders guten Eindruck hinterlassen.

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“Das zentrale Thema ist das Thema Software”, sagt der Automarktexperte Stefan Bratzel. Hier müsse VW “schnell besser werden”. Die Komplexität der Vernetzung sei in der deutschen Autobranche unterschätzt worden. Die Industrie könne das aber noch in den Griff bekommen.

Zwickauer Werk für 1,2 Milliarden Euro umgebaut

Es gibt also noch einiges zu lernen für all die E-Autos, die kommen werden. Der nächste wird der ID.4 sein, eine Art elektrisches Tiguan-Coupé. Größere SUV, Reiselimousinen, Spaßmobile – es gibt keine Karosserieform, die der Konzern nicht auf die neue ­E-Plattfrom setzen will. Mehrere Fa­bri­ken werden darauf ausgerichtet. Der ID.3 startet in Zwickau und kommt ab 2021 zusätzlich aus der Gläsernen Manufaktur in Dresden.

Allein das Zwickauer Werk wurde für 1,2 Milliarden Euro umgebaut und soll im nächsten Jahr 300.000 Fahrzeuge der Typen ID.3 und ID.4 herstellen. An Nachfrage scheint es nicht zu fehlen. Dank der aufgestockten Kaufprämien ist der Absatz der ­E-Autos und Plug-in-Hybride aller Marken stark gestiegen – so stark, dass es zum Teil lange Lieferfristen gibt.

RND/dpa/stw



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