Vorsicht, Kostenfalle: Pakete aus Nicht-EU-Ländern werden teurer

  • Mit dem Wegfall der Steuerfreigrenze für Waren bis zu 22 Euro wird auf Millionen Sendungen ab Juli die Mehrwertsteuer fällig.
  • In der Regel übernehmen die Paketdienstleister die Abwicklung mit dem Zoll und berechnen dafür eine Servicepauschale. Bei DHL liegt sie bei 6 Euro.
  • Zusammen mit der neuen Mehrwertsteuer können Sendungen so viel teurer werden.
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Hannover. Millionen Bestellungen von Onlineshops aus Ländern außerhalb der EU werden künftig teurer. Das liegt an zwei Faktoren: Zum einen gibt es seit dem 1. Juli keine Mehrwertsteuerbefreiung für Waren unter 22 Euro mehr. Händler aus China, Großbritannien oder den USA müssen diese Steuer nun genauso wie ihre europäischen Konkurrenten zahlen. Zum anderen erheben die Paketdienstleister eine Servicegebühr, denn sie übernehmen in der Regel die Abwicklung der Steuer gegenüber dem Zoll. Bei der DHL liegt die Pauschale dafür bei 6 Euro pro Paket.

Eine Beispielrechnung: Eine Kundin bestellt sich eine Handyhülle aus China für 10 Euro. Bisher musste der Händler dafür keine Mehrwertsteuer abführen. Seit dem 1. Juli werden nun 19 Prozent fällig, also in diesem Fall 1,90 Euro. Dazu kommt die Servicepauschale der DHL von 6 Euro. Die Handyhülle kostet also mit allen Steuern und Gebühren künftig statt 10 Euro 17,90 Euro. Bei anderen Paketdienstleistern wie UPS und Fedex liegt die Servicepauschale teils noch höher.

Händler können Steuer auch selbst abführen

In bestimmten Fällen entfällt die Gebühr aber. Denn die außereuropäischen Händler haben auch die Möglichkeit, die Mehrwertsteuer direkt abzuführen. Dafür müssen sie sich im Mehrwertsteuersystem der EU registrieren und den sogenannten Import One Stop Shop (IOSS) nutzen. Dieser regelt die Steuerabwicklung in der EU. Nach Angaben der EU-Kommission haben sich die größten globalen Onlinemarktplätze diesem System schon angeschlossen. Verbraucher erkennen das auf ihrer Rechnung: Wird eine Mehrwertsteuer angegeben, wurde sie direkt auf den Preis aufgeschlagen – und muss dann natürlich nicht noch einmal bezahlt werden.

Millionen kleine Händler nutzen das IOSS aber noch nicht. In diesem Fall kommen die Paketdienstleister ins Spiel. Denn sie übernehmen die Anmeldung beim Zoll und legen die fälligen Abgaben aus. Dafür nehmen sie die Servicepauschale. Eine solche Abgabe ist auch in anderen Ländern üblich. In Österreich und den Niederlande beträgt sie zum Beispiel 10 Euro oder mehr.

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Wegen Corona keine Bezahlung direkt beim Kurier

Die DHL teilt auf Anfrage mit, dass die Servicegebühr zuzüglich der anfallenden Mehrwertsteuer normalerweise direkt beim Zusteller bezahlt werden kann, allerdings nur in bar. Aufgrund der Regelungen zur kontaktfreien Zustellung während der Corona-Pandemie gehen derzeit allerdings alle Sendungen, für die zusätzlich bezahlt werden muss, in die Postfilialen. Denn dort können die Abstands- und Hygieneregeln besser eingehalten werden, außerdem ist in den Filialen auch eine Kartenzahlung möglich.

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Keine Wettbewerbsnachteile für EU-Händler mehr

Die neuen Mehrwertsteuervorschriften gelten EU-weit. Sie wurden eingeführt, um Wettbewerbsnachteile für europäische Händler zu beseitigen. Denn diese müssen in Deutschland schon immer und egal für welchen Warenwert die Mehrwertsteuer von aktuell 19 Prozent, beziehungsweise 7 Prozent für Bücher oder Lebensmittel, abführen. Die gleichen Steuersätze gelten jetzt auch für Händler aus dem nichteuropäischen Ausland. Der Steuerexperte des Handelsverbands Deutschland (HDE), Ralph Brügelmann, lobt die Neuregelung: „Wir denken, dass die Verbraucher die zum Teil etwas höheren Preise akzeptieren sollten. Denn sie garantieren einen fairen Wettbewerb.“

Auch der Branchenverband für Online- und Versandhandel (bevh) ist zufrieden und nennt die Regelungen „einen Schritt nach vorn“. Für Verbraucherinnen und Verbraucher werde „konkrete Vergleichbarkeit“ bei den Preisen geschaffen. Außerdem würden nationale Händler damit im internationalen Preiskampf ein Stück weit entlastet.

Freigrenze wurde zum Tor für Steuerbetrug

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Außerdem stopfen die Behörden mit der Neuregelung ein Schlupfloch für Steuerbetrüger. Denn wie der Zoll berichtet, wurden Sendungen oftmals vorsätzlich falsch gekennzeichnet, um formell unter der Freigrenze von 22 Euro zu bleiben. 7 Milliarden Euro jährlich sollen den EU-Staatskassen so entgangen sein, schätzt die EU-Kommission. Künftig dürfe es nicht mehr sein, „dass jemand etwas als Babyfon für 15 Euro deklariert und letztlich ist ein iPhone drin“, sagt Brügelmann. Dafür brauche man aber auch mehr Kontrollen.

Denn eine Ausnahme von den Steuervorschriften gibt es in Deutschland weiterhin: Ist der Warenwert einer Sendung so gering, dass die darauf anfallende Steuer weniger als ein Euro beträgt, verzichtet der Zoll weiterhin auf die Abgabe. Das betrifft Sendungen mit einem Warenwert von bis zu 5,23 Euro. In diesen Fällen ist der Aufwand höher als die möglichen Einnahmen.

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Ab 150 Euro werden mitunter Zollabgaben fällig

Wer teure Produkte aus einem Nicht-EU-Land bestellt, muss außer der Mehrwertsteuer auch Zollabgaben zahlen. Es sei denn, ein Handelsabkommen regelt eine Zollbegünstigung oder Zollbefreiung. Die Zollsätzen gelten für einen Sachwert ab 150 Euro und sind abhängig von der Warenart. So werden auf Autoteile 3,5 bis 4,5 Prozent Zoll fällig, für Bekleidung aus Textilien 12 Prozent und für Schmuck (aus Gold und/oder Silber) 2,5 bis 4 Prozent. Für Fahrräder werden grundsätzlich 15 Prozent Einfuhrzoll veranschlagt – außer, die Ware kommt aus China, dann werden noch mal 48,5 Prozent Antidumpingzoll aufgeschlagen. Keine Einfuhrzölle werden dagegen für Notebooks, Tablets und Smartphones verlangt.

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