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Experte im Interview: “Wir haben keine Vorstellung über die Dauer der Krise”

  • Der Volkswirt der Prognos AG, Michael Böhmer, wirbt im RND-Interview dafür, “Knotenpunkte” der Volkswirtschaft zu identifizieren – und die möglichst schnell wieder hochzufahren.
  • Nicht alle Sperren müssten dazu zeitgleich wegfallen.
  • Virologen und Ökonomen könnten die passenden Konzepte entwickeln.
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Wie geht es mit der Wirtschaft nach der Aufhebung von Kontaktsperren und anderen Beschränkungen weiter? Das ist für Michael Böhmer die zentrale Frage zur ökonomischen Bewältigung der Corona-Krise. Für den Experten von der Prognos AG kommt es vor allem darauf an, Schritt für Schritt vorzugehen. Knotenpunkte, die besonders wichtig für die Volkswirtschaft seien, müssen für Böhmer Priorität haben. Es sei deshalb wichtig, nicht nur Automobilwerke, sondern das gesamte verarbeitende Gewerbe schnell wieder hochzufahren.

Herr Böhmer, Prognosen über das Schrumpfen der Wirtschaft haben Konjunktur. Was halten Sie davon?

Wir machen in normalen Zeiten auch quantitative Prognosen. Aber das sind jetzt keine normalen Zeiten. Jeder stemmt sich im Moment mit allen Kräften gegen die Krise. Ob ich jetzt sage, minus 1, minus 5 oder minus 20 Prozent Wirtschaftsleistung, spielt keine Rolle. Solche Prognosen sind nicht handlungsleitend.

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Weil Vorhersagen nicht möglich sind?

Genau. Ökonomische Modelle beruhen auf Daten aus der Vergangenheit. In diesen Daten erkennt man systematische Zusammenhänge, daraus wird eine Prognose erstellt. In der Vergangenheit gab es aber derartige Schwankungen, wie wir sie jetzt sehen, gar nicht. Wir haben noch nie gesehen, dass ganze Branchen auf null gefahren werden, wie die Gastronomie. Wir wissen schlicht nicht, was am Ende die Auswirkungen sein werden, ob diese Betriebe später überhaupt wieder öffnen. Die Prognosen und Szenarien, die wir im Moment sehen, spiegeln letztlich nur die Annahmen wider, die vorne ins Modell hineingesteckt werden. Das bringt uns keinen Erkenntnisgewinn.

Michael Böhmer, Jahrgang 1975, ist Mitglied der Geschäftsführung und Chief Economist Corporate Solutions bei der Beratungsfirma Prognos. © Quelle: privat

Fängt das nicht schon bei der Pandemie selbst an?

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Da gibt es tatsächlich große Unsicherheiten: Wird es einen Impfstoff geben? Und wenn ja: wann? Wird die Verbreitung des Virus durch politische Maßnahmen gehemmt? Wie belastbar ist das Gesundheitssystem? Eine andere Frage ist: Wie stark ist die Wirtschaft schon in den vergangenen zwei, drei Wochen eingebrochen? Wir haben keine validen Zahlen. Alles ist anekdotisch. Das darf man nicht für Prognosemodelle nutzen. Zudem werden wir Veränderungen in Verflechtungsstrukturen haben.

Was meinen Sie damit?

Autobauer haben Zulieferer aus verschiedenen Branchen und aus verschiedenen Ländern. Jetzt besteht die Gefahr, dass Zulieferer komplett aussteigen oder auf eine andere Produktion umstellen. Eine Vorstellung über die Dauer der Krise haben wir überdies nicht. Wir wissen nicht, wie stark die Arbeitslosigkeit steigen wird und wie viele Insolvenzen es geben wird. Was geschieht in den anderen Ländern – immerhin gehen mehr als 40 Prozent unserer Produktion in den Export. Das sind aber maßgebliche Daten, um sagen zu können, wann wir aus der Talsohle herauskommen.

Können unter solchen Umständen Prognosen sogar irreführend oder kontraproduktiv sein?

Klar. Zumal in der öffentlichen Diskussion meist nur extreme Szenarien eine große Rolle spielen. Und die Zahl, die das Statistische Bundesamt Anfang nächsten Jahres für 2020 melden wird, ist für das, was wir heute tun, völlig irrelevant.

Also gar nicht mehr in die Zukunft schauen?

Nein, das meine ich nicht. Jetzt ist die Zeit nicht für quantitative, sondern für qualitative Szenarien. Wir müssen schauen, wie die Wirkungsketten in der Wirtschaft sind. Wir müssen identifizieren, an welchen Stellen wir eingreifen können, um den Unternehmen bestmöglich zu helfen. Das ist doch die Kernaufgabe der Ökonomie: einen Beitrag zur Lösung von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen zu leisten.

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Was ist für Sie die derzeit brüchigste Wirkungskette?

Die Diskussion hat sich darauf fokussiert, einen Zeitpunkt zu benennen, wann wir die Beschränkungen für die Bürger und die Unternehmen aufheben können. Das greift zu kurz. Es ist für die Gesamtwirtschaft nicht so wichtig, ob Restaurants und Kultureinrichtungen noch eine oder zwei Wochen geschlossen bleiben. Entscheidend ist, dass sie nach der Aufhebung der Restriktionen wieder öffnen können.

Ökonom schlägt vor: Nachfrage da aktivieren, wo nur wenig Menschen zusammenkommen

Was bedeutet das konkret für eine Exit-Strategie?

Das bedeutet, dass Kontaktsperren und andere Einschränkungen aus ökonomischer Sicht nicht mit derselben Dringlichkeit auf einen Schlag alle gleichzeitig wegfallen müssen. Da muss man Knotenpunkte identifizieren, die für die Volkswirtschaft besonders wichtig sind.

Sind Autofabriken solche Knotenpunkte?

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In der Industrie dürften Automobilwerke zu den Knotenpunkten gehören. Da gibt es sehr viele vor- und nachgelagerte Bereiche. Deshalb sollten wir auch zusehen, das gesamte verarbeitende Gewerbe schnell hochzufahren. Umgekehrt sollte man zugleich die Nachfrage dort aktivieren, wo nur wenige Menschen zusammenkommen. Das könnten zum Beispiel kleinere Hotels und kleine gastronomische Betriebe sein.

Zumal in der Gastronomie und in der Hotellerie gerade kleinere Betriebe hochgradig gefährdet sind, weil Kapitaldecken dort häufig sehr dünn sind.

Diese Betriebe können nicht auf Nachholeffekte hoffen. Zudem haben solche Betriebe häufig eine große regionale Bedeutung. In vielen strukturschwächeren Regionen spielt der Tourismus eine wichtige Rolle. Ein Gasthaus, das schließen muss, wird so schnell nicht wieder eröffnet. Wir brauchen intelligente Lösungen. Man könnte auch Kinos öffnen, indem man nur jeden vierten Platz besetzt. Ökonomen können da in Kooperation mit Virologen Konzepte entwickeln.

Welche Lehren müssen wir aus der Krise ziehen?

Wertschöpfungsketten werden sich verändern, um weniger anfällig zu sein. Die Wirtschaft und die Politik werden lernen, noch schneller zu reagieren. Es geht nicht darum, konkret alle erdenklichen Vorkehrungen für die nächste Pandemie zu treffen. Es geht darum, schnell auf eine nächste Krise – wir wissen ja nicht, wie sie aussehen könnte – reagieren zu können. Das Gesamtsystem muss resilienter werden. Lieferketten müssen robuster werden, indem Firmen mit mehreren Zulieferern arbeiten. Und die Arbeitswelt wird sich verändern: Wir können jetzt lernen, wie Homeoffices gescheit ausgestaltet werden. All das wird uns nach vorne bringen.


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