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„Ich weiß nicht mehr weiter“: Viele Jugendliche suchen nach Corona den Plan B

  • Die Pandemie belastet junge Menschen massiv.
  • Eine Studie der IG Metall zeigt große Probleme in der Ausbildung.
  • Jetzt drohen gleichzeitig Jugendarbeitslosigkeit und Fachkräftemangel.
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Die Pandemie hat das Leben vor allem junger Menschen massiv verändert. „Jugendliche sind davon in einer Phase getroffen, wo sie ihren Platz in der Welt suchen“, sagt die stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner. Was die Corona-Krise konkret für Auszubildende, dual Studierende und Berufsanfänger bedeutet, hat jetzt die Gewerkschaft in einer Jugendstudie erforscht.

Familien haben einiges aufgefangen

Nicht zufällig trägt die Studie den Titel „Plan B“. „Denn Plan A funktioniert oft nicht mehr“, sagt Jugendforscher und Studienautor Simon Schnetzer. So habe die Psyche gerade junger Menschen oft stark gelitten, bis hin zur Notwendigkeit ärztlicher Behandlung. „Therapie ist nicht die Regel“, sagt der Forscher. Die Familienbande hätten das vielfach verhindert. Zukunftsängste aber seien die Regel und nicht unbegründet.

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Pläne wurden oft geändert

In Berufsschulen und Betrieben hat sich die Ausbildung im Urteil der Betroffenen stark verschlechtert, weil dort nichts auf digitales Homeschooling oder Homeoffice vorbereitet war. Das verunsichert Azubis und dual Studierende. Als Folge haben vier von zehn Befragten im Alter zwischen 16 und 27 Jahren nach eigenen Angaben ihre beruflichen Zukunftspläne wegen der Pandemie geändert. „Das ist wirklich krass“, sagt Schnetzer.

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Beruf, Branche oder Arbeitgeber werden gewechselt oder das Studium abgebrochen. Aufgegeben habe die junge Generation aber nicht, betont der Forscher. Sie brauche jedoch zusätzliche Hilfe, weil sie psychisch angeschlagen sei. Das sehen die Betroffenen selbst so. Sechs von zehn Befragten haben berichtet, dass ihre psychische Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen sei. Gut die Hälfte empfindet Kontrollverlust und befürchtet schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Nach Einschätzung der IG Metall hat das einen realen Hintergrund. In der Metall- und Elektroindustrie seien 2020 rund elf Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen worden als im Jahr davor. „Viele Betriebe haben gesagt, sie bilden wegen der Pandemie weniger aus oder können keine Azubis mehr übernehmen“, berichtet Marco Reinders, Vorsitzender der Azubivertretung beim Autozulieferer Bosch in Bamberg.

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Die Gewerkschaften warnen vor dem nächsten Fachkräftemangel.

Christiane Benner warnt indessen die Arbeitgeber vor Kurzschlussreaktionen und appelliert an sie, weiter auszubilden sowie Azubis zu übernehmen. Sonst bestehe am Ende die Gefahr, mit höherer Jugendarbeitslosigkeit und zugleich größerem Fachkräftemangel dazustehen. Zukunftsangst dürfe sich nicht in den Köpfen junger Menschen verfestigen, Ausbildungsqualität müsse zurückgewonnen werden.

Viel verlorene Ausbildungszeit

Ausbildungszeit im Homeoffice sei nicht selten gleichbedeutend mit verlorener Ausbildungszeit, urteilt die Studie. „Die digitale Infrastruktur vieler Berufsschulen ist peinlich“, sagt Benner. Aber auch privat kriselt es oft bei den 3.229 befragten jungen Menschen. Bei über der Hälfte habe sich die Partnerschaft verschlechtert. Ob Freundschaften die Pandemie überstehen, zählt zu den größten Sorgen der jungen Generation.

Befragt wurden die Jugendlichen im zweiten Lockdown von Januar bis März 2021. „Ich habe mich immer auf den Feierabend gefreut. Jetzt sitzt man nur noch daheim rum und empfindet keine richtige Freude mehr. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr so recht weiter“, hat ein Azubi zu Protokoll gegeben. „Für einen Mechatroniker ist es der Tod, wenn man in der Ausbildung ins Homeoffice muss. Die Lernqualität und die Lerngeschwindigkeit ist rapide gesunken, weil wir keine Praxiserfahrung mehr haben. Uns fehlen einfach 50 Prozent der Sachen, die wir lernen“, berichtet ein anderer.

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Für junge Menschen sei Unsicherheit nicht untypisch und gehöre zum Erwachsenwerden dazu, sagen die Studienautoren. „Doch die pandemiebedingten Ängste haben eine andere Qualität.“ Vermeintlich sichere Berufe und Branchen seien von einem Tag auf den anderen unsicher geworden. Das betreffe vor allem die Luftfahrt und Autobranche. „Wir werden jetzt auf den Arbeitsmarkt rausgeschossen und von allen Unternehmen hört man, dass sie Einstellungsstopp haben“, verzweifelt ein befragter Studierender. „Die Zukunft verpufft vor dem inneren Auge, denn wer nimmt denn Corona-Studis?“, fragt sich ein Leidensgenosse.

„Die halluzinieren nicht, das hat objektive Wahrheit“, sagt Benner. Deshalb will die IG Metall auch erreichen, dass die in der Pandemie versäumten Lern- und Ausbildungsinhalte in Werksunterricht oder Sonderkursen nachgeholt werden. Schnetzer regt Mentorenprogramme auf Betriebsebene an, um Defizite aufzufangen. Allein lassen dürfe man die Generation Corona mit ihren Sorgen auf keinen Fall.

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