Verzicht auf Lockdowns: Hat Schweden seine Wirtschaft gerettet?

  • Im Umgang mit der Corona-Pandemie hat Schweden einen Sonderweg gewählt.
  • Geschäfte, Restaurants und Schulen blieben offen, einen Lockdown gab es nicht.
  • Der Wirtschaft hat das nur bedingt geholfen – während viele Menschen gestorben sind.
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Als im März ein europäischer Staat nach dem anderen in den Lockdown ging, entschied sich Schweden für einen anderen Weg: Geschäfte, Restaurants und Schulen blieben geöffnet, staatlich verordnete Einschränkungen des öffentlichen Lebens waren eine Ausnahme. Nun zeigt sich, was das der Wirtschaft gebracht hat: Mit einem Einbruch des Wirtschaftswachstums um 8,6 Prozent im letzten Quartal ist es den Schweden auf ökonomischer Ebene vergleichsweise gut ergangen – jedenfalls auf den ersten Blick.

Denn im europäischen Durchschnitt sank die Wirtschaftsleistung um 11,9 Prozent. Spaniens Konjunktur büßte gar 18,5 Prozent ein – und damit mehr als doppelt so viel wie die schwedische. Gegen eine Wirtschaftskrise immunisiert wurde Schweden davon nicht. “Eigentlich ist der aktuelle Einbruch sogar ziemlich stark”, so Klaus-Jürgen Gern, beim Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) für die internationale Konjunkturentwicklung zuständig.

So komme der etwas niedrigere Rückgang des Bruttoinlandsproduktes angesichts des Verzichts auf einen Lockdown nicht überraschend. Aber mittlerweile relativiert sich das aus Gerns Sicht. Längst sei die Zahl der Aufträge in Schwedens Exportindustrie deutlich gefallen. Die Arbeitslosigkeit steige – schneller als im europäischen Durchschnitt, wie Gern betont.

Schweden haben freiwillig die Restaurants gemieden

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Bei den stets geöffneten Geschäften und Restaurants seien die Umsätze ebenfalls gesunken. “Die Schweden sind sozusagen in einen freiwilligen Lockdown gegangen”, so Gern. Ihm zufolge ist auch die Laune der Geschäftsleute in Schweden nicht besser als anderswo. “Bei Vertrauensindizes, also Befragungen zur Stimmung in der Wirtschaft, sehen wir keinen Unterschied zwischen Schweden und dem Rest Europas.”

Darüber, ob es sich lohnt, dem schwedischen Weg bei der Pandemie-Bekämpfung zu folgen, sind sich Ökonomen deshalb uneins. “Es ist zu früh, um zu evaluieren, wie unterschiedliche Strategien im Umgang mit Covid-19 die Konjunktur beeinflussen, erklärte jüngst etwa Nordea-Ökonom Torbjorn Isaksson gegenüber Bloomberg.

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Hohe Todesrate in Schweden

Gern hat größere Zweifel am schwedischen Modell: “Insgesamt sieht man eine etwas bessere wirtschaftliche Entwicklung. Aber angesichts der vielen Todesfälle kann man sich schon fragen, ob es das wert war”, meint der Kieler Ökonom – zumal er einen Vergleich mit den früh und schnell von der Pandemie getroffenen Südeuropäern ohnehin für schwierig hält.

Noch deutlicher wird Rüdiger Bachmann, Wirtschaftswissenschaftler an der US-Universität Notre Dame. Letztendlich seien die Unterschiede bei der Konjunkturentwicklung zwischen Schweden und Deutschland, wo die Wirtschaft um 10 Prozent schrumpfte, gering. Zugleich verzeichne Schweden deutlich mehr Corona-Tote pro Kopf. “Insgesamt zeigt Schweden, dass am Ende nur eine wirkliche Bekämpfung des Virus gut für die Wirtschaft ist”, sagt Bachmann deshalb.

Zumindest in Schweden will man aber grundsätzlich am bisherigen Kurs festhalten – der aus Sicht der Regierung ohnehin nicht darauf abzielte, die Wirtschaft zu stützen. Anders Tegnell, Chef der Gesundheitsbehörde, der den offiziellen Titel “Staatsepidemiologe” trägt, hatte stets betont, dass es lediglich darum gehe, bei der Pandemie-Bekämpfung das Prinzip der Freiwilligkeit zu wahren.

Mit 564 Toten pro eine Million Einwohner steht Schweden derzeit auf dem sechsten Platz der höchsten Todesraten weltweit. In Deutschland liegt der Wert bei 110.

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