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Verliert Deutschland den Anschluss bei der Digitalisierung? Bitkom-Chef Achim Berg im Interview

  • Das Homeschooling-Desaster hat gut verdeutlicht, wo Deutschland in puncto Digitalisierung steht – nicht sonderlich weit vorn.
  • Dabei ist das große D-Wort elementar wichtig für unsere Zukunft.
  • Achim Berg, Präsident des Digitalverbandes Bitkom, erklärt im RND-Interview, wo Nachholbedarf ist.
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Frankfurt am Main. Beim Homeschooling klemmt es, die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung kommt nicht voran. Für Achim Berg, Präsident des Digitalverbandes Bitkom, muss sich in den nächsten Jahren viel tun, damit Deutschland nicht den Anschluss verliert. Auch die Wirtschaft müsse dafür sorgen, dass es künftig mehr Ingenieure und Informatiker gibt. Davon hänge der künftige Wohlstand hierzulande ab.

Herr Berg, wir haben gerade in den USA den ersten Onlineflashmob gegen Hedgefonds erlebt und einen Internetbroker, dem Marktmanipulation vorgeworfen wird. Läuft da mit der Digitalisierung etwas aus dem Ruder?

Beim Beeinflussen von Börsenkursen wie bei der Aktie von Gamestop muss man generell sehr vorsichtig sein – sowohl wenn solche Kurse von Hedgefonds als auch von einer Anlegercommunity beeinflusst werden. So etwas ist nie nachhaltig. Digitalisierung hat großen Nutzen, birgt aber auch Gefahren. Deshalb ist es wichtig, in der gesamten Gesellschaft digitale Kompetenzen zu fördern. Damit müssen wir bei Kindern schon in den frühesten Jahren anfangen, und wir dürfen die älteren Jahrgänge nicht vergessen. Auch um sich vor Fake News oder vor Computerviren zu schützen.

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Doch nicht so digital – Pandemie legte Defizite offen

Steckt dahinter auch eine zentrale Forderung des Bitkom für die nächste Bundesregierung?

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Wir fordern ein Recht auf digitale Bildung. Weil wir bei der Digitalisierung auf allen Ebenen vorankommen müssen. Als wir Ende 2019 Unternehmen befragten, sahen sich 39 Prozent als Vorreiter der Digitalisierung. Als wir ein Jahr später dieselbe Frage stellten, sahen sich nur noch 27 Prozent ganz vorn. Das zeigt, wie groß die Fehleinschätzungen waren. Es brauchte die Pandemie, um Defizite offenzulegen.

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Was waren die Folgen?

Die Firmen mussten sehr schnell auf Digitalisierung umschalten. Sie mussten erkennen, dass Prozesse, die nicht digitalisiert sind, auch nicht für Homeoffice geeignet sind. Aber am deutlichsten sind die Defizite in der öffentlichen Verwaltung zu erkennen, die überhaupt nicht auf Homeoffice vorbereitet war. Jetzt rächen sich jahrzehntelange Versäumnisse – sowohl bei der technischen Ausstattung als auch bei der Arbeitskultur. Die Verwaltung liegt in der technologischen Ausstattung im EU-Vergleich sehr weit zurück. Das ist ein Armutszeugnis für ein Land, das auf seine Verwaltung immer besonders stolz war.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

„Geld ist nicht das Problem“ bei Digitalisierung

Sitzen Sie da nicht auf einem hohen Ross? Verwaltungschefs werden häufig durch Sparvorgaben eingeengt. Wäre es nicht auch wichtig, dass IT-Unternehmen Landesregierungen, Landräte, Bürgermeister stärker dabei unterstützen, mehr Technologie einzusetzen? Mit kostenlosen Schulungen beispielsweise.

Geld ist nicht das Problem, und wir bieten als Bitkom auch kostenlose Schulungen für Verwaltungsmitarbeiter an. Das Grundproblem aus meiner Sicht ist, dass die Digitalisierung der Verwaltung zwar seit Jahren angepriesen wird. Aber der Bürger bekommt davon fast gar nichts mit, zumal es nur schleppend vorwärtsgeht. Oft ist nicht klar, wer verantwortlich ist und wer die Themen vorantreiben muss.

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Der Föderalismus trägt die Schuld?

Der Wirrwarr aus konkurrierenden Interessen und Kompetenzen bremst vieles aus. Es gibt 575 Dienstleistungen von Bund, Ländern und Kommunen. Die sollen bis Ende 2022 digitalisiert sein. Wir wissen heute schon, dass das flächendeckend nicht zu schaffen ist. Das Prinzip, dass jeder Datensatz nur einmal existieren soll, wird nicht umgesetzt. Die gesamte Architektur der föderalen IT-Infrastruktur ist nicht geklärt. Genauso wenig wie eine nutzerfreundliche Authentifizierung.

Das klingt alles ein bisschen so, als würden Bitkom-Mitglieder darauf warten, dass endlich mehr Aufträge vom Staat kommen. Können Sie nachvollziehen, dass der Staat beim Thema Datenschutz besonders sorgfältig sein muss und dass deshalb manche Dinge länger dauern?

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An dem föderalen Digitalchaos, bei dem 16-mal dasselbe System neu entwickelt wird, verdienen die Unternehmen prächtig. Österreich, Estland oder Dänemark digitalisieren vom einen bis zum anderen Ende. Auch Deutschland muss lernen, Verwaltungsprozesse neu zu denken. Ein Beispiel: Ich habe kürzlich einen weiteren Geschäftszweck bei einer GmbH digital eingetragen. Anfangs musste ich mich mit dem elektronischen Personalausweis authentifizieren. Anschließend wurde ich als Diplominformatiker gefordert, vieles war kompliziert, und am Ende: musste ich mich noch mal authentifizieren. Da wurde ein Prozess einfach nicht sauber aufgesetzt.

Noch einmal zum Thema Geld: Landesregierungen sind zum Einhalten der Schuldenbremse verpflichtet. Da wurde auch bei den Schulen gespart. Das bremst doch?

Ich widerspreche: Es gibt den „Digitalpakt Schule“, der mit 6,5 Milliarden Euro ausgestattet wurde. Ein Bruchteil davon wurde bislang abgerufen. Ein Grund ist: Für bestimmte Förderungen muss ein Schulleiter 43 Seiten in einer PDF-Datei ausfüllen. Das geht dann durch die Verwaltung, und es dauert einfach zu lange, bis die Mittel bei den Schulen ankommen. Das Ergebnis der aktuellen Misere: Homeschooling läuft desaströs. Diese Prozesse müssen wir viel einfacher, schlanker und schneller machen.

In Pandemie Datenschutz nicht vor Gesundheit stellen

Wie kann’s besser werden?

Man muss die Frage anders stellen: An zu vielen Stellen wird derzeit digitale Bildung systematisch verhindert. Wie weit dürfen der Staat und nachgeordnete Stellen damit gehen? Die Technologien für hybriden Unterricht sind längst da. Dennoch konnten auch schon vor Corona Kinder, die zum Beispiel wegen eines Beinbruchs zu Hause bleiben müssen, nicht am Unterricht teilnehmen. Wir brauchen als Standard hybride Lösungen aus Präsenz- und Onlineunterricht. Wir müssen digitale Unterrichtsformate entwickeln, und wir müssen die Lehrer dafür schulen. Stattdessen verlieren wir uns in Datenschutzdebatten.

Sie wollen weniger Datenschutz?

Von einem guten Datenschützer erwarte ich, dass er nicht nur sagt, was nicht geht, sondern dass er sagt, was geht. Daran fehlt es massiv. Stattdessen werden rechtstheoretische Risiken konstruiert, die in der Praxis null Bedeutung haben. Gerade in der Pandemie dürfen wir den Datenschutz nicht vor die Gesundheit stellen. Das sehen wir zum Beispiel bei der Corona-Warn-App. Da könnten wir schneller agieren und mehr Menschenleben retten.

Datenschützer sagen, eine Corona-App kann hochsensible Daten sammeln. Sind die einmal in die Welt gesetzt, weiß niemand, wer alles darauf zugreifen kann. Da ist doch was dran?

Daten dürfen nicht in die Welt gesetzt werden, völlig richtig. Aber man darf den Datenschutz auch nicht so weit treiben, dass er an anderer Stelle mehr Schaden anrichtet, als er an der einen nutzt. Man muss aber einen Unterschied zwischen einer Schuhgröße und dem Auslesen des Genoms eines Menschen machen. Es gibt Daten von mir, die ich gern weitergebe, und es gibt Daten, die ich nicht weitergebe. Der Datenschutz ist derzeit viel zu sehr von Angst getrieben. Es fehlt an Augenmaß. Etwa wenn es um das Retten von Menschenleben geht.

Sind Amazon und Co. noch kontrollierbar?

Was wollen Sie der nächsten Bundesregierung noch ins Stammbuch schreiben? Zum Beispiel beim viel diskutierten Thema der digitalen Souveränität der EU gegen die übermächtigen US-Konzerne.

Das ist wichtiger denn je. Aber wir müssen auch hier die Fragen richtig stellen. Das Konzept Gaia-X, das die Bundesregierung vorantreibt, ist ein gutes Beispiel: Es soll ein europäisches Netz für die Cloud aufgebaut werden. Dafür entwickeln wir Regeln, und jeder, der die Regeln akzeptiert, kann dabei sein. Auch die großen US-Konzerne. Da kann ein sehr interessanter Markt entstehen. Wenn die europäischen Staaten jetzt die Kontrolle über die Technologie nicht zurückgewinnen, entstehen extreme und gefährlich einseitige Abhängigkeiten.

Zum Beispiel?

Wenn in einigen Jahren Autos über Betriebssysteme gesteuert werden, dann kann derjenige, der diese Betriebssysteme kontrolliert, im schlimmsten Fall alle Autos in Deutschland mit einem Knopfdruck stilllegen.

Amazon, Google und Co. sind ohnehin schon jetzt extrem mächtig. Inzwischen bereiten die Big-Tech-Konzerne den Kartellbehörden große Sorgen. Sind diese Unternehmen überhaupt noch kontrollierbar?

Das tun die Behörden ja schon mit großem Engagement. Auch in den USA. Monopoltendenzen müssen sehr genau beobachtet werden. Der Fokus sollte dabei darauf liegen, Innovationen zu fördern. Die Behörden sollten nur bei eindeutigem Marktversagen eingreifen. Wir sehen doch immer wieder, wie schnell digitale Vorreiter, die scheinbar unangreifbar sind, eingeholt werden. Etwa bei sozialen Medien. Immer wieder tauchen neue, innovative Dienste auf, wie Snapchat, Tiktok und jetzt Clubhouse, die den etablierten Marktanteile abringen.

Deutschland braucht massig Ingenieure und Informatiker

Und woher sollen hierzulande die Innovationen kommen?

Was uns fehlt, ist Fachkenntnis. Wir haben derzeit rund 86.000 offene Stellen für IT-Berufe. Wir bilden zu wenig aus. Wir haben bei dem großen Thema künstliche Intelligenz viel zu wenig Know-how. Wir schaffen es nicht, junge Menschen für diese Themen zu begeistern.

Vielleicht müssen sich die IT-Unternehmen überlegen, wie sie sich für schlaue Leute attraktiver machen?

Ich sehe ein großes Problem darin, dass wir in den Schulen noch immer sehr klassisch unterwegs sind. Zwischen meiner Schulbildung und der heutigen hat sich nicht viel geändert. Die Zahl der jungen Leute, die in die Bereiche Ingenieur und Informatik gehen, wächst viel zu langsam. Aber wir brauchen viel mehr Ingenieure und viel mehr Informatiker, und die Verantwortung dafür liegt übrigens auch bei der Wirtschaft. Diese Bereiche werden unseren künftigen Wohlstand ausmachen. Das gilt insbesondere für den Mittelstand, der einen Großteil der Wertschöpfung erarbeitet. Wenn wir den Nachwuchs digital richtig fit machen, wird es uns auch im Digitalzeitalter gut gehen.

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