• Startseite
  • Wirtschaft
  • VDR zu Flugtickets: Geschäftsreiseverband fordert Abschaffung von Vorauszahlungen

Geschäftsreiseverband VDR fordert Abschaffung von Vorauszahlungen für Flugtickets

  • Noch immer warten tausende Airline-Kunden auf die Erstattung ihrer Tickets für stornierte Flüge.
  • Der Geschäftsreiseverband VDR sieht in der Corona-Krise die Chance, eine neue Zahlungspraxis einzuführen.
  • Künftig sollen Kunden – ähnlich wie bei Hotels – erst bei der Erbringung der Leistungen zahlen.
|
Anzeige
Anzeige

Es geht um Milliarden Euro. Tausende Airline-Kunden warten seit Monaten auf die Erstattung von Tickets für stornierte Flüge. Rufe werden immer lauter, die seit Jahren umstrittenen Vorauszahlungen für Flugscheine abzuschaffen. Wie im Hotel soll künftig erst bei der Erbringung der Leistungen gezahlt werden, fordert der Geschäftsreiseverband VDR.

Corona-Krise heizt Debatte um Zahlungspraxis wieder an

Für viele Flugreisende ist es selbstverständlich, dass mit der Buchung seines Fluges auch augenblicklich gezahlt wird. Obwohl die Dienstleistung – Beförderung mit einem Jet – oft erst viele Monate später erbracht wird. De facto handelt es sich bei so einem Geschäft um einen zinslosen Kredit, den die Passagiere in spe der Airline gewähren. Die gesamte Luftfahrtbranche hat ihre Geschäftsmodelle darauf ausgerichtet, so versorgen sich die Unternehmen mit Liquidität. Schon vor Jahren gab es erste Initiativen diese Praxis abzuschaffen – vor allem weil die Zahlungen bei der Insolvenz einer Fluglinie mit großer Wahrscheinlichkeit futsch sind. Jetzt ist angesichts der Corona-Krise mit der zeitweise fast vollständigen Einstellung des Flugbetriebs das Thema wieder hochgekocht.

Lufthansa: 1,8 Milliarden Euro müssen erstattet werden

Lufthansa-Chef Carsten Spohr räumte auf der Hauptversammlung seines Unternehmens Anfang Mai ein, dass noch 1,8 Milliarden Euro erstattet werden müssten. Spohr entschuldigte sich für die ausstehenden Zahlungen und versprach die Forderungen zügig zu bearbeiten. Ende Juni war es aber immer noch gut eine Milliarde Euro. Bis Mitte August soll der Bearbeitungsstau nun aufgelöst werden. Bei vielen anderen Airlines sieht es ähnlich aus. Ryanair etwa verspricht, dass Ende Juli 90 Prozent der Ansprüche ausgeglichen sein sollen. Dabei sind die Unternehmen eigentlich verpflichtet, das Geld innerhalb von sieben Tagen zurück zu überweisen. Die Branche rechtfertigt die Verzögerungen mit besonderen Umständen durch die Pandemie.

Airlines erschweren Kunden laut Verbraucherschützern Recht auf Rückerstattung

Verbraucherschützer und Experten für Fluggastrechte sind sich allerdings sicher, dass es hier eine gezielte Verzögerungstaktik gefahren wird. So beklagt der Verbraucherzentrale Bundesverband, dass “fast alle Airlines” den Kunden das Recht auf Rückerstattung erschwerten. Dabei werde mit Tricks und irreführenden Informationen gearbeitet: Es werde suggeriert, dass nur umgebucht oder ein Gutschein verlangt werden könne. Es würden unrechtmäßige Stornogebühren verlangt. Auf das Rückerstattungsrecht werde “so kompliziert und versteckt wie möglich” hingewiesen. Und die Lufthansa hat eingeräumt, dass sie auf ihrem Geschäftskundenportal die Funktion für automatisierte Erstattungen für Großkunden abgeschaltet hat. Begründung: Es seien Einzelfallprüfungen notwendig.

“Pay as You check in”: Geschäftsreiseverband plädiert für Abschaffung von Kundenkreditmodell

Als Konsequenz der Querelen fordert der VDR nun, das “Kundenkreditmodell” abzuschaffen. Der “systemimmanente Fehler” könne bei künftigen Krisen (Vulkanausbrüche, regionale Konflikte) erneut zum Tragen kommen. Der Verband schlägt ein neues Bezahl-Prinzip unter dem Motto “Pay as You check in” vor. Gemeint ist ein Verfahren, das bei Hotelbuchungen seit Jahren erfolgreich praktiziert wird. Der Kunde gibt bei der Buchung seine Kreditkarten-Daten an. Damit wird das Geld zwar bereitgestellt, aber noch nicht vom Konto des Kunden auf das Konto des Hotels/der Airline überwiesen. Die tatsächliche Transaktion soll erst beim Check-in im Flughafen geschehen – da muss der Fluggast ohnehin seine Unterlagen vorlegen.

Anzeige

“Findet ein Flug nicht statt, erfolgt auch keine Transaktion und der Kunde muss keinerlei Vorleistungen zurückfordern. Ebenso entfiele der Aufwand für die Erstattungen auf Seiten der Fluggesellschaften”, sagte VDR-Präsident Christoph Carnier dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Das Modell biete Rechtssicherheit, da keine Ansprüche im Nachgang erfüllt werden müssten. Und der Staat müsse nicht einspringen, um den Rückerstattungsverpflichtungen insolventer Fluggesellschaften nachzukommen. Dem Verband schwebt vor, dass “Pay as You check in” für alle Tarife als Auswahloption festgelegt wird. Vorauszahlungen sollen aber nicht komplett wegfallen: “Es kann daneben auch weiterhin die sofort bezahlbaren Tarife geben – die Entscheidung läge dann aber ausschließlich beim Kunden”, so Carnier.

VDR-Präsident: Corona-Krise bietet Chance für neues Modell

Der VDR hält den idealen Zeitpunkt für eine Umstellung jetzt gekommen: “Die Krise bietet aus unserer Sicht die Chance, ein neues Modell aufzusetzen, das ausgewogen die Risiken verteilt und zudem die bisherige Praxis, die Geschäftsreisende und private Verbraucher gleichermaßen benachteiligt hat, zu beenden”, erläutert Carnier, der sich dafür stark macht, das neue Verfahren in ein nationales Gesetz zu gießen. Aber: “Eine Ausweitung auf europäisches Recht wäre umso besser und hätte dann auch Signalwirkung auf die globale Praxis, daher wäre der Schritt auf europäischer Ebene zu präferieren.”

Derweil fordern immer mehr Bundestagsabgeordnete aus dem Regierungslager und aus der Opposition, die Fluglinien zügig in die Pflicht zu nehmen. Das Luftfahrtbundesamt soll sich der Sache annehmen und auch Bußgelder verhängen, wenn nicht gezahlt wird. Es brauche eine schnelle Lösung, sagte Markus Tressel (Grüne), um zu vermeiden, dass geprellte Fluggäste die Gerichte als Geldeintreiber bemühen müssten.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen