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Was die türkische Lira-Krise für europäische Banken bedeutet

Ein Mitar­beiter einer Wechsel­stube zählt türki­sche Lira-Bank­noten (Archivbild).

Ein Mitar­beiter einer Wechsel­stube zählt türki­sche Lira-Bank­noten (Archivbild).

Athen. So rasant war es mit der Lira zuletzt während der schweren türki­schen Finanz­krise von 2001 bergab gegangen. Ein Ende der Tal­fahrt ist nicht in Sicht, solange der auto­ritäre Staats­chef Recep Tayyip Erdogan über die Geld­politik bestimmt. Am vergan­genen Frei­tag bekräf­tigte Erdogan seine Absicht, mit Zins­senkungen die stei­gende Infla­tion in den Griff zu bekommen – eine völlig unortho­doxe Strategie, denn Noten­banken reagieren auf stei­gende Infla­tions­raten normaler­weise mit höheren Zinsen.

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In einer Rede im west­türki­schen Izmir machte Erdogan „finan­zielle Sabo­tage“ für die Lira-Schwäche verant­wort­lich. „Globale Barone der Politik und des Geldes“ versuchten, die Türkei in die Knie zu zwingen. Wie lange Erdogans Anhänger und Anhänge­rinnen ihrem Staats­­chef solche Verschwö­rungs­szena­rien noch abkaufen, wird sich zeigen.

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Die Teue­rung liegt bei 20 Prozent, die Preise vieler Lebens­mittel sind sogar weitaus stärker gestiegen. Die Infla­tion trifft vor allem die Klein­verdiener und die Mittel­schicht, Erdogans Kern­­klientel. Die Demo­skopen registrieren wach­sende Unzu­frie­den­­heit in der Bevöl­kerung. In mehreren Umfragen vom November liegt Erdogans islamisch-konser­vative AKP nur noch bei rund 30 Prozent – gegenüber 43 Prozent bei der Wahl von 2018.

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Lira-Verfall trifft viele Firmen

Aber nicht nur die Verbraucher und Verbrau­cherinnen leiden. Der Lira-Verfall trifft auch viele Firmen, die Kredite in Fremd­währungen aufge­nommen haben, aber ihre Erlöse in Lira erwirt­schaften. Sie müssen nun immer höhere Lira-Beträge für den Schulden­dienst aufwenden. Das kann für viele Unter­nehmen an die Substanz gehen.

Sogar mehrere Groß­konzerne mussten deshalb mit den Banken bereits Umschul­dungen aushandeln. Ende September stand der türki­sche Privat­sektor mit knapp 172 Milliarden Dollar im Ausland in der Kreide, so die Daten der Zentral­bank in Ankara. Das ist immerhin mehr als ein Fünftel des türki­schen Brutto­inlands­produkts von 2020.

Um die deut­schen Unter­nehmen in der Türkei muss man sich dagegen weniger Sorgen machen. Rund 7500 Firmen mit deut­scher Kapital­beteili­gung gibt es in der Türkei. Darunter sind Groß­konzerne wie Siemens, Bosch und Daimler, aber vor allem viele Mittel­ständler. Sie produ­zieren über­wiegend für den Export und profi­tieren daher von der Lira-Abwer­tung, weil ihre Kosten in heimi­scher Währung in Relation zu den Erlösen in Dollar oder Euro immer weiter sinken.

Tausende demonstrieren: Türkische Lira auf Rekordtief

Aufge­brachte Bürger auf der Straße und Panik an den Tank­stellen – die Tal­fahrt der Währung schürt Kritik an der Regie­rung von Präsi­dent Erdogan.

Dagegen sind die türki­schen Banken wegen des Lira-Verfalls mit wach­senden Risiken konfron­tiert. In den Chef­etagen der Geld­institute geht nicht nur die Angst vor Firmen­pleiten um. Der Verfall der heimi­schen Währung treibt den Lira-Wert von Fremd­währungs­krediten. Das wirkt sich negativ auf das verfüg­bare Kapital der Banken aus. Wohin das führen kann, zeigte die Krise von 2001. Damals gingen 21 Banken binnen weniger Monate in Konkurs.

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Lira-Krise trifft auch andere Länder

Betroffen von der Lira-Krise sind aber diesmal nicht nur die türki­schen Geld­institute. Das türki­sche Finanz­system ist heute viel stärker inter­national vernetzt als 2001. Vor allem spani­sche, italie­nische, franzö­sische und nieder­ländische Banken sind in der Türkei enga­giert.

Die nieder­ländische ING betreibt in der Türkei eine Tochter­gesell­schaft, die im Privat­kunden- und Firmen­geschäft aktiv ist. Die Türkei war für ING 2020 der dritt­größte außer­europä­ische Markt nach den USA und Austra­lien. Auch die franzö­sische BNP Paribas ist in der Türkei aktiv, beispiels­weise in einem Joint Venture mit der türki­schen Colakglu-Gruppe. Bei den Fran­zosen macht das Türkei-Geschäft aber deut­lich weniger als 10 Prozent der Erträge aus.

Trotz der großen Präsenz deut­scher Unter­nehmen sind deut­sche Banken in der Türkei vergleichs­weise schwach vertreten. Die Deut­sche Bank unter­hält eine Nieder­lassung in Istanbul, die Commerz­bank hat nur eine Repräsen­tanz am Bosporus.

Am stärksten ist die spani­sche Großbank BBVA in der Türkei expo­niert. Ihr gehören 49,9 Prozent der türki­schen Garanti Bank, der zweit­größten türki­schen Privat­bank. Mitte November machte BBVA ein Über­nahme­angebot für die verblei­benden 50,1 Prozent der Anteile. Das wollen sich die Spanier 25,7 Milliarden Lira kosten lassen.

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Der Betrag entsprach Mitte November, als BBVA das Angebot vorlegte, 2,55 Milliarden Dollar. Aktuell muss BBVA für die Aktien nur noch 2,04 Milliarden Dollar bezahlen. Das zeigt, worum es den Spaniern geht: Sie wollen im Wind­schatten des Lira-Absturzes die Garanti Bank nun zum Schnäpp­chen­preis übernehmen.

Einen anderen Weg geht die italie­nische Unicredit. Sie hat bereits schritt­weise ihre Beteili­gung an der Yapi Kredi Bank von 40 auf 20 Prozent redu­ziert. Jetzt wollen die Italiener auch ihre verblei­benden Anteile an dem türki­schen Geld­haus verkaufen.

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