Tschüs, Google: Die Gründer werden nicht mehr gebraucht

  • Larry Page und Sergey Brin haben Google groß gemacht – und treten nun zurück.
  • Ein Einblick in das Leben der Gründer einer Suchmaschine, die sich zum Weltkonzern entwickelte.
  • Und das, obwohl die Gründer ein Faible für Luftschlösser hegen.
|
Anzeige
Anzeige

Sie ist längst ein Anachronismus – die Eingabemaske von Google. Eine puristisch gestaltete weitgehend weiße Seite. Der Name der Suchmaschine in lustig bunten Farben. Eine Lupe, die dem Benutzer zeigt, wo er seine Anfrage eingeben muss. Seit den frühen Tagen des Internets hat sich an dem Design kaum etwas geändert. Larry Page und Sergey Brin sind die Urheber. Das Duo hat Google zu einem der mächtigsten Unternehmen der Welt gemacht. Jetzt ziehen sie sich aus dem Tagesgeschäft zurück.

Der Boss des Suchmaschinenbetreibers, Sundar Pichai, übernimmt auch den Chefposten bei der Dachgesellschaft Alphabet. Der Schritt war nach Einschätzung von Beobachtern längst überfällig, denn die Gründer haben sich schon vor Längerem rargemacht. Doch der Abgang lässt sich auch als Signal für das Ende einer Ära lesen – die durch beinahe unbegrenzte Möglichkeiten in der Sphäre des Digitalen geprägt war.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

„Don’t be evil!“

„Don’t be evil!“ Sei nicht böse: Das war einst das Motto des Unternehmens. So kamen Brin und Page daher. Nette Jungs in T-Shirts, unprätentiös, immer etwas ungekämmt, die den Nutzern beim Finden von dem, was sie im Netz suchen, helfen wollen. Alles begann in einem Forschungsprojekt an der kalifornischen Stanford University, in dem Page und Brin arbeiteten. 1996 debütierte die Suchmaschine Backrub, die einige Monate später in Google online umbenannt wurde.

Der sogenannte Page-Rank-Algorithmus war der Konkurrenz überlegen. Weil die relevanten Suchergebnisse mit großer Verlässlichkeit oben auf den Listen standen: Das Programm stellt dorthin ganz einfach die Websites mit den meisten externer Links, die auf diese Seite verweisen. Ein Verfahren, mit dem sehr viel Geld verdient wurde, als die Suchmaschine mit zielgerichteter Werbung verknüpft wurde.

11 Milliarden Dollar Gewinn in drei Monaten

Anzeige

Der Algorithmus ist inzwischen erheblich komplexer. Doch an dem Geldverdienen hat sich nichts geändert. In den drei Monaten von Juni bis September hat Google bei einem Umsatz von rund 36 Milliarden Dollar knapp 11 Milliarden Dollar Gewinn erzielt. Auf der Suchmaschine fußt der Wert des von Brin und Page gegründeten Konzerns, der aktuell rund 890 Milliarden Dollar wert ist, das mit mehr als die Top Ten der börsennotierten deutschen Unternehmen zusammen.

Die Suchmaschine ist so etwas wie das wichtigste Betriebssystem für das Internet, sie hat hierzulande einen Marktanteil von gut etwa 95 Prozent.

Anzeige

Der Erfolg verändert Google

Dass ein Unternehmen eine derart dominierende Position erreichen kann, hat mit der Dynamik der Digitalisierung zu tun. Viele Jahre war die Welt der Bits und Bytes ein von Regulierungen weitgehend freier Raum. So entwickelte sich eine Ökonomie nach dem Prinzip: „The winner takes it all.“ Kleine werden weggebissen oder übernommen. Mit dem Streben nach globaler Hegemonie ist Google ein Vorbild für viele andere Konzerne der Digitalwirtschaft geworden. Voriges Jahr im Frühjahr wurde die „Don’t be evil“-Losung klammheimlich aus dem Verhaltenskodex des Konzerns gestrichen.

Bei Google hat jetzt Sundar Pichai als CEO das Ruder in der Hand. © Quelle: imago images/Hindustan Times

Inzwischen sind indes auch die Politiker und Wettbewerbshüter aufgewacht. Die EU-Kommission hat dem Konzern in verschiedenen Verfahren Strafen über mehr als 8 Milliarden Euro aufgebrummt. Auch der US-Kongress untersucht mittlerweile, wie Google und Co. ihre Marktmacht in der digitalen Welt ausnutzen.

Bei den Anhörungen musste zuletzt immer Sundar Pichai Rede und Antwort stehen. Von Analysten gab es viel Kritik, dass Page diesen höchst unangenehmen Terminen fernblieb. Schließlich war er bislang offiziell der Chef der Dachgesellschaft Alphabet.

Die Gründer vergnügten sich mit Moonshots

Das zeigt überdeutlich, dass Pichai seit geraumer Zeit als der De-facto-Chef agiert. Und die beiden mittlerweile ergrauten Gründer – beide Jahrgang 1973 – haben sich in den vergangenen Jahren um zahlreiche Projekte gekümmert, die konzernintern Moonshots genannt werden. Brin soll unter anderem an autonomen Flugtaxis tüfteln.

Die Alphabet-Tochter Verily erkundet die Biowissenschaften: Es wird an Robotern gearbeitet, die eines Tages chirurgische Operationen durchführen sollen, oder an Nanopartikeln, die im menschlichen Körper frühzeitig Krankheiten erkennen. Das spektakulärste Projekt heißt Waymo. Dahinter steckt der Ehrgeiz, die Autobauer bei der Entwicklung autonomer Fahrzeuge abzuhängen. Jüngste Andeutungen von Waymo-Chef John Krafcik deuten aber darauf hin, dass man sich zunächst auf erweiterte Assistenzsysteme kaprizieren will.

Analysten halten Brin und Page indes vor, dass Verily und Waymo im vergangenen Jahr zusammen 3,4 Milliarden Dollar und im jüngsten Quartal schon wieder fast eine Milliarde verbrannt haben.

Anzeige

Bei strategischen Entscheidungen wollen Brin und Page mitreden

Mit Pichai an der Spitze dürfte sich da einiges ändern. Vineet Buch, Experte für Risikokapital, verweist auf das Beispiel der Firma Nest, die Thermostate und Smarthome-Elektronik herstellt. Sie agierte zunächst eigenständig, wurde dann aber von dem Manager, der aus Indien stammt, in die Hardwaresparte von Google integriert. Seither sei der Absatz gestiegen und die Produktpalette sei erheblich erweitert worden, sagte Buch der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. Pichai sei jetzt der „einzige Sheriff in der Stadt“, ließ das Analysehaus Evercore am Mittwoch wissen.

Allerdings verfügen die beiden Gründer mit ihren Aktien weiterhin über die Mehrheit der Stimmrechte – können also immer noch bei strategischen Entscheidungen mitreden. In einer gemeinsamen Erklärung machen sie aber klar: „Wir gehörten nie zu denen, die sich an Managementpositionen klammern, wenn wir denken, dass es einen besseren Weg gibt, das Unternehmen zu führen.“