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Trendforscher über Autoindustrie: „Den Anschluss haben wir schon lange verloren“

  • Technologietrendforscher und Buchautor Mario Herger lebt und arbeitet im Silicon Valley.
  • Im Interview spricht er über Schwarmdummheit, Jobabbau und die neue Freiheit ohne ein eigenes Auto.
  • Teil zwei unserer Serie „Was uns morgen bewegt”.
Gerd Piper
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Herr Herger, die Straßen sind voller konventioneller Autos. Wann wird sich das verändern?

Wenn die lange angekündigten Elektroautos endlich kommen, werden spätestens zwischen 2025 und 2030 in Deutschland mehr als die Hälfte aller Neuzulassungen Elektroautos sein. Wir sehen schon jetzt Rückgänge bei den Verkaufszahlen für Verbrenner, bei den Elektroautos aber starke Zuwächse.

Sie prophezeien den deutschen Herstellern düstere Zeiten. Dabei investieren die gerade Milliarden in die Zukunft.

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Ich prophezeie das nicht, man sieht das an den aktuellen Gewinnwarnungen und Einsparungen. Die Deutschen sind in den neuen Technologien mindestens drei, eher fünf Jahre hintennach. Alleine in Kalifornien gibt es 62 Unternehmen, die ganz offiziell autonome Autos auf öffentlichen Straßen testen. Mehr als 40 dieser Firmen sind Start-ups. Wie viele Start-ups in Deutschland kennen wir, die autonome Autos entwickeln? Den Anschluss haben wir schon lange verloren. Die Zeit des Auf-die-eigene-Schulter-Klopfens ist vorbei, wenn wir diese Industrie nicht verlieren wollen.

Selbst direkte Konkurrenten wie BMW und Daimler suchen doch die Zusammenarbeit.

Zwei Unternehmen, die Software nicht können, schließen sich zusammen, um Software zu machen. Wie hoch wird die Erfolgschance sein, da ganz vorne mitzuspielen? Die Vorstände dieser Unternehmen kommen alle aus dem Maschinenbau. Bei Tesla, der Google-Tochter Waymo, Baidu, Apple oder Uber haben wir es mit Unternehmen zu tun, deren Gründer Informatiker, Robotiker oder KI-Experten sind. Wer versteht diese Technologie wohl besser?

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Spricht man mit deutschen Automanagern, scheint Zukunftsangst kein Thema zu sein.

In privaten Gesprächen sieht das jeder kommen, da sind irgendwie alle intelligent genug. Als Kollektiv, sprich als Unternehmen, herrscht dann Schwarmdummheit vor. Der Irrtum ist systemimmanent. Google beispielsweise begann 2009 mit der Entwicklung von autonomen Autos, hat bisher um die 7 Milliarden Dollar investiert. Zehn Jahre später hat Google noch immer keine nennenswerten Umsätze. In derselben Zeit hat Volkswagen dreimal den Vorstand ausgetauscht. Und der gibt keine Milliardenbeträge für Projekte aus, bei denen der Ausgang ungewiss ist. Unternehmer und Manager agieren nicht nur anders, sie werden auch anders bewertet. Google-Tochter Waymo beispielsweise wird heute schon – ohne nennenswerten Umsatz, wohlgemerkt – mit 250 Milliarden Dollar bewertet. Die wertvollste deutsche Autofirma ist Volkswagen mit an die 70 Milliarden Euro.

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Was ist mit den Arbeitsplätzen? Betreiben Politik und Wirtschaft Augenwischerei?

Wenn alle deutschen Hersteller es schaffen, bis 2030 ihre Produktion komplett auf Elektrofahrzeuge umzustellen, dann werden von 800.000 Beschäftigten mehr als 200.000 nicht mehr gebraucht. Das ist das optimistische Szenario. Wenn andere globale Hersteller Teile des Marktes an sich reißen können, dann sprechen wir von mehr Entlassungen. Wieso sagt uns das niemand? Was glauben Sie wäre los, wenn der VW-Vorstand sagt, dass nicht nur 20.000 Mitarbeiter über zehn Jahre abgebaut werden, sondern 200.000 in fünf Jahren?

Um autonom fahren zu können, müssten Städte komplett umgebaut werden.

Städte müssen für autonome Autos nicht umgebaut werden. Das ist ein Mythos, den sich die Deutschen erzählen. In den USA fahren 1400 autonome Testfahrzeuge herum. Es gibt mit Ausnahme von Las Vegas keine Gegend, die ihre Straßen für autonome Autos umgerüstet hat. Dazu haben die Gemeinden und Städte auch einfach kein Geld. In den USA reden wir deshalb auch nicht von „Teststrecken“, auf denen zuerst etwas installiert werden muss, sondern von „Testgebieten“, eines davon ist zum Beispiel ganz Kalifornien.

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Welchen Antrieben gehört die Zukunft?

Bei der Antriebstechnologie hat der batterieelektrische Antrieb bereits gewonnen. Plug-ins sind eine Zwischentechnologie, die teurer ist, mehr Teile hat, schwerer ist und im Auto Platz wegnimmt. Das ist so, als ob Carl Benz die Mitgift seiner Frau in einen Trab-in-Hybriden gesteckt hätte, wo man zur Sicherheit in den Motorwagen noch ein Pferd eingespannt hätte. Und die Brennstoffzelle ist aktuell ein totes Pferd. So überzeugend die Geschichte der sauberen Lösung ist, die Kosten- und Energiebilanz, um Wasserstoff herzustellen, ist mit heutiger Technologie nicht marktfähig.

Sind autonome Fahrzeuge eine gute Lösung?

Immerhin sind heute 94 Prozent aller Unfälle durch menschliches Versagen verursacht. In Deutschland sterben jedes Jahr knapp 3500 Menschen bei Verkehrsunfällen, 375.000 werden verletzt. Wenn wir diese Zahlen um 80 bis 90 Prozent mit dieser Technologie herunterbringen können, welch Segen bringende Technologie hätten wir da zur Verfügung?

Der Imagefaktor Auto spielt eine wichtige Rolle.

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Auch ein Pferd war einmal ein Statussymbol. Heute ist es ein Hobby. Pro Jahr geben deutsche Autobesitzer rund 5600 Euro für ihren Wagen aus. Weil ihr Auto im Durchschnitt nur 38 Minuten pro Tag fährt, dafür aber 23 Stunden und 22 Minuten parkt, stehen diese Wagen sich zu Tode. Eine immense Ressourcenverschwendung. Es wird erwartet, dass elektrische Robotertaxis 80 bis 90 Prozent billiger sein werden als heute, ja vielleicht sogar gar nichts mehr kosten. Damit wendet man pro Jahr nicht mehr 5600 Euro für Mobilität auf, sondern weniger als 1000 Euro bei gleicher Kilometerleistung, und ohne, dass ich mich ums Tanken, um einen Parkplatz, um Wartung und dergleichen kümmern muss.

Und die Flexibilität?

Mal schnell zu einer Besprechung in einen anderen Stadtteil? Dann nehme ich einen Einsitzer. Ein neues Sofabett vom Möbelhaus nach Hause transportieren? Dann wähle ich doch einen kleinen Transporter. Diese Bequemlichkeit und die 4600 Euro, die ich dann im Jahr mehr in meiner Tasche habe, werden plötzlich zu einem überzeugenden Argument, auf das eigene Auto zu verzichten.

Mario Herger, geboren 1971 in Wien, ist Technologietrendforscher. Er ist Buchautor (u. a. „Der letzte Führerscheinneuling ist bereits geboren“), hält Vorträge und bietet Workshops an. © Quelle: Eric Milette

Dann braucht man gar kein eigenes Fahrzeug mehr?

Sieht man sich die Zahl der Führerscheinneulinge an, geht auch hier der Trend nach unten. In Stuttgart hatten im Jahr 2000 noch 12.600 Menschen zwischen 18 und 25 ein eigenes Auto, 2015 lag diese Zahl nur noch bei 5000. Und das obwohl die Zahl der Menschen in dieser Altersgruppe um 10 Prozent angestiegen ist. Das Smartphone hat das Auto als Statussymbol ersetzt.

Das Auto war jahrzehntelang das Synonym für individuelle Freiheit.

Wie viel Freiheit habe ich, wenn ich im Berufsverkehr im Stau stehe? Wenn ich 15 Minuten im Kreis fahre, um einen Parkplatz zu finden? Wenn ich wieder zum Tanken muss? Ein Auto wird zu einer Belastung, es nimmt mir die Freiheit. Ein Fahrzeug liefert mir nicht das Grundbedürfnis Mobilität, es ist eigentlich nur ein Konnektor. Es verbindet mich mit Menschen, Orten oder Gegenständen. Den Konkurrenten von Autos tragen wir in unserer Hosentasche: das Smartphone. Wenn ich vor 30 Jahren einen Jugendlichen bestrafen wollte, nahm ich ihm den Mopedschlüssel weg. Heute schalte ich das WLAN ab. Das amerikanisch-chinesische Unternehmen Nio, das autonome Elektroautos entwickelt, hat individuelle Freiheit in seinem Firmenmotto so zusammengefasst: „Gebt den Menschen Zeit zurück – um zu sein, wer sie sein wollen“ („Give people time back – to be who they want to be“).

Werden Marken dann unwichtig?

Wenn ich ein Taxi oder Uber bestelle, ist es mir egal, ob es grün, blau oder schwarz ist; ob es von Mercedes, Toyota oder Renault ist; ob es Spoiler und tolle Spaltmaße hat. Was heute wichtig ist, ist, dass es billig, schnell, sicher, bequem ist und ein Ladekabel für mein Smartphone hat. Bei autonomen Autos ist die digitale Experience mit dem Auto wichtig. Fährt es angenehm oder wird mir bei der Fahrt schwindlig? Holt es mich genau dort ab, wo ich stehe, oder muss ich erst lange im Regen zum Auto laufen? Heißen mich im Auto meine Musik und mein Lieblingsduft willkommen? Da ist es mir herzlich egal, ob das physische Auto von BMW oder Audi stammt.

In unserer Serie „Was uns morgen bewegt“ suchen wir Antworten auf zukünftige Mobilitätsherausforderungen wie zum Beispiel: Was bedeutet die Transformation der Autoindustrie für unser Leben? Sind Roboterautos nur Science Fiction? Kann es eine Stadt ohne Autos geben?