Tiktok: Deal mit Softwarekonzern Oracle spielt auch US-Präsident Trump in die Karten

  • Die Inhaber der Video-App Tiktok wollen ihr US-Geschäft doch nicht an Microsoft verkaufen.
  • Stattdessen streben sie eine Partnerschaft mit dem Softwarekonzern Oracle an.
  • Der Oracle-Vorstand ist als Unterstützer Donald Trumps bekannt.
|
Anzeige
Anzeige

Peking/Santa Clara. Der Nutzer kann sich darüber kundig machen, wie der “schnellste und einfachste Schokokuchen” zubereitet wird, und wie viele Liegestütze der Fußballstar Robert Lewandowski schafft. Und natürlich gibt es bei Tiktok Tausende von Filmchen mit tanzenden Teenagern zu sehen. Trotz dieser Harmlosigkeiten sorgt die Videoplattform für geopolitische Verwerfungen. Deshalb darf der Techgigant Microsoft ihren US-Ableger nicht übernehmen. Nun kommt wohl Oracle, Spezialist für Firmensoftware, zum Zuge.

Tiktok ist 25 Milliarden US-Dollar wert

US-Präsident Donald Trump hat dem chinesischen Konzern ByteDance – Mutter von Tiktok – ein Ultimatum gesetzt. Aus Gründen der nationalen Sicherheit soll die Plattform in den USA bis zum Dienstag, 15. September, an ein heimisches Unternehmen verkauft werden, ansonsten wird es dicht gemacht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Microsoft galt lange als Favorit, der Konzern hatte mit dem ByteDance-Management schon vor Trumps Intervention verhandelt. Doch nun haben die Chinesen kurz vor Ablauf der Frist mitgeteilt, dass sie nicht bereit sind, an Microsoft zu verkaufen.

Video
Neue Verhandlungen um Tiktok in den USA
1:21 min
Der chinesische Technologiekonzern ByteDance will Insidern zufolge das US-Geschäft der Kurzvideoplattform Tiktok nun doch nicht verkaufen.  © Reuters

Der Videodienst, der vor allem bei jungen Leuten beliebt ist, wächst in den USA derzeit so schnell wie kein anderes soziales Medium. Er hat dort bereits 100 Millionen aktive Nutzer. Der Wert der App wird auf 25 Milliarden Dollar taxiert. Microsoft wollte mit dem weltgrößten Einzelhändler Walmart kooperieren – für beide Unternehmen wäre die Übernahme ein Vorstoß in ein Geschäftsfeld, das die Führungsetagen massiv stärken wollen.

Tiktok-User sorgen für leere Ränge bei Trumps Wahlkampfauftritt

Anzeige

Doch längst stehen ganz andere Erwägungen im Vordergrund: Klar ist, dass auf beiden Seiten Ministerien und hohe Regierungsbeamte bei dem Deal heftig mitmischen. Unklar ist allerdings, wie genau die Interessen gelagert sind. Wenn Trump und seine Leute offiziell mit der nationalen Sicherheit argumentieren, dann meinen sie damit, dass Daten von US-Bürgern in die Hände der chinesischen Geheimdienste kommen könnten.

Es soll aber auch darum gehen, dass Trump ein unliebsames Kommunikationswerkzeug domestizieren will. Junge Leute sollen sich vor einiger Zeit über Tiktok verabredet haben, um für leere Ränge bei einem wichtigen Wahlkampfauftritt des Präsidenten zu sorgen – sie reservierten Plätze und sagten dann kurzfristig ab. Mit teilweise originellen Begründungen wie der angeblich unverschiebbaren Beerdigung eines Goldfisches.

Algorithmen stehen nicht zum Verkauf

Mit dem nahenden Ablauf des Ultimatums hat sich der Konflikt massiv verschärft. Trump hat deutlich gemacht, dass es keine Fristverlängerung gebe. Peking hat die Restriktionen für Technologietransfers verschärft, die auch Tiktok betreffen. So berichtet die Zeitung “South China Morning Post”, dass die Regierung es verbietet, die Tiktok-Algorithmen mit zu verkaufen.

Dabei soll es sich um Programme handeln, die mittels künstlicher Intelligenz (KI) die gigantischen Mengen an Nutzerdaten analysieren. Es gehe darum zu verhindern, dass ausländische Firmen diese Algorithmen kopieren, was künftig Geschäfte des chinesischen Unternehmens beeinträchtigen könnte.

Anzeige

Das ByteDance-Management habe bereits erklärt, sich ohne jede Einschränkung an die Vorgaben der Regierung zu halten. Ohne die KI-Software ist die US-Tochter von Tiktok erheblich weniger wert. Sie ist der alles entscheidende Faktor für den Erfolg der Plattform. Die neuen Eigentümer müssten alles neu programmieren.

ByteDance reicht Klage bei US-Bundesgericht ein

Zugleich hat der chinesische Techkonzern kürzlich Trump, Wirtschaftsminister Wilbur Ross und sein Ministerium vor einem Bundesgericht verklagt, weil mehrere Artikel der US-Verfassung mit dem angeordneten Verkauf verletzt würden. Unter anderem das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Recht auf eine angemessene Entschädigung bei einer Zwangsenteignung.

Nun berichten mehrere US-Medien, dass Oracle bei dem Deal am Zuge sei. Obwohl der Konzern sich eigentlich nicht mit Teenievideos, sondern vor allem mit Software befasst, mit der Unternehmen ihre Prozesse steuern.

Oracle-Vorstand unterstützt Trump

Anknüpfungspunkte gibt es für Oracle dennoch. So wird gerade die Sparte mit Rechenzentren ausgebaut, wo Kunden Daten und Programme speichern (Cloud-Computing). Auch im wachsenden Geschäft mit der Vermarktung der Nutzerdaten will Oracle expandieren. Da hat Tiktok einiges zu bieten.

Es gibt aber noch einen anderen Grund für die neuen Favoritenrolle: Larry Ellison, Oracle-Gründer und Verwaltungsratschef, sowie Safra Catz, Vorstandsvorsitzende, gehören zu den wichtigen Unterstützern von Trump.

Catz hat laut Finanznachrichtenagentur Bloomberg schon mehr als 125.000 Dollar für Trumps Kampagne gespendet. Ellison stellte kürzlich eines seiner Anwesen Trump für eine Veranstaltung zur Verfügung, bei der Geld für den Wahlkampf gesammelt wurde.

Oracle verwaltet Nutzerdaten

In der Nacht zum Montag (MESZ) hat ByteDance nun verkündet, dass Oracle künftig als Technologiepartner fungiere. Das deutet nach Einschätzung von Beobachtern auf einen Deal hin: Oracle gründet mit ByteDance ein neues Gemeinschaftsunternehmen. ByteDance kann mit seinem Algorithmus die Plattform weiter betreiben. Die Nutzerdaten werden hingegen von Oracle verwaltet.

So könnten die Chinesen ihr Gesicht wahren, weil die Transaktion eher wie eine Umstrukturierung aussieht – und nicht wie eine Enteignung. Trump könnte argumentieren, dass die nationale Sicherheit gewährleistet sei, da die Nutzerdaten in der Hand eines US-Unternehmens bleiben.

RND

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen