Eine Insolvenz, die Europas Reisende ins Chaos stürzte

  • Die Insolvenz von Thomas Cook hat am Montag für große Turbulenzen in der Reisebranche gesorgt.
  • Wer genauer hinschaut, war von der Pleite allerdings nicht überrascht.
  • Denn die Probleme des einst größten Reiseveranstalters Europas sind nichts Neues, analysiert unser Autor.
|
Anzeige
Anzeige

„Die Leute wissen nicht, wie sie nach Hause kommen sollen“, berichtet Maija Linnhoff. Es geht um deutsche Urlauber, die bei Thomas Cook einen Urlaub gebucht haben und nun auf Sizilien festsitzen. Auf die Insel wurden sie von einer Airline geflogen, die nicht zu dem Reisekonzern gehört, der am Montag seine Insolvenz erklären musste. Doch diese Fluggesellschaft weigere sich nun, die Reisenden zurück nach Deutschland bringen. „Wir bemühen uns, Lösungen zu finden“, so die Vorsitzende des Verbandes unabhängiger selbstständiger Reisebüros (VUSR). Womöglich müssten die gestrandeten Passagiere aber den Rückflug zunächst einmal aus eigener Tasche bezahlen.

Solche und ähnliche Meldungen kursierten am Montag in großer Zahl.

Die Lage war vorsichtig formuliert unübersichtlich. Die Reisebranche erlebt gerade den schlimmstmöglichen Fall: Den ungebremsten Absturz eines Giganten, gegen den das Management nach Einschätzung von Experten nur unzulängliche Vorkehrungen getroffen hat. Klar ist: Zehntausende Kunden des britisch-deutschen Reisekonzerns sind gestrandet. Viele erfuhren erst aus dem Fernsehen oder dem Internet, dass das Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit gerutscht ist.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige
Video
Thomas Cook beantragt Insolvenz – Hunderttausende Urlauber betroffen
1:31 min
Nach gescheiterten Gesprächen über eine Rettung des Reisekonzerns Thomas Cook hat das britische Traditionsunternehmen Insolvenz angemeldet.  © Frank-Thomas Wenzel/AFP

Oder es dämmerte ihnen erst kurz vor Abflug: So wurden am Kölner Airport laut Deutscher Presse-Agentur Passagiere in spe kurzerhand aus der Warteschlange gezogen. Sie wollten gerade mit Condor, dem hiesigen Ferienflieger von Thomas Cook, in den Urlaub aufbrechen. Doch die Airline darf seit Montag „aus rechtlichen Gründen“, wie es heißt, keine Passagiere mehr mitnehmen, die bei einem Veranstalter des eigenen Konzerns gebucht haben. Rund 140.000 deutsche Touristen sind unmittelbar betroffen. Insgesamt sollen es etwa 600.000 Reisende sein.

Plötzlich, aber nicht unerwartet

Die Pleite des weltweit zweitgrößten Tourismuskonzerns kam zwar plötzlich, aber nicht unerwartet. Seit Monaten gab es Warnsignale, die in den vergangenen Tagen immer vernehmlicher wurden. Am Sonntag unternahm Konzernchef Peter Fankhauser einen letzten Rettungsversuch. Doch er scheiterte. Montag früh musste die britische Muttergesellschaft des Unternehmens ihre Insolvenz erklären. Es fehlten letztendlich 200 Millionen Pfund, was etwa 227 Millionen Euro entspricht. Diese Summe wäre mindestens nötig gewesen, um über den Winter mit seinem schwächeren Reisegeschäft zu kommen. Doch ein Konsortium aus Gläubigerbanken lehnte eine weitere Finanzspritze ab. Auch die britische Regierung war nicht bereit, kurzfristig Geld zur Verfügung zu stellen. Das Management hatte um 150 Millionen Pfund gebeten.

Anzeige

Lesen Sie auch: Thomas Cook pleite: Was Kunden jetzt wissen müssen

Der hiesige Ableger des Reiseveranstalters erklärte am Montagmittag, man sehe sich nun gezwungen, „auf Notgeschäftsführung“ umzustellen. Die Durchführung von Urlaubstrips, die am Montag oder Dienstag starten sollten, könnten nicht mehr gewährleistet werden. Und: „Jeglicher Verkauf von Reisen ist gestoppt.“ Weiter hieß es: Es würden „letzte Optionen“ ausgelotet. Details wurden nicht genannt. Doch sollten diese scheitern, müsse man auch für hiesige Gesellschaften beim Amtsgericht Anträge auf Einleitung von Insolvenzverfahren stellen. Gemeint sind neben der Thomas Cook GmbH selbst auch Töchter wie Öger Tours oder Bucher Reisen.

Anzeige

Condor indes firmiert als eigenständiges Unternehmen und kann deshalb zunächst weiterfliegen und Reisende befördern, die nur ein Flugticket und/oder bei einem Reiseveranstalter gebucht haben, der nicht zum Konzern gehört. Vieles hängt nun von der Bundesregierung ab, bei der ein Überbrückungskredit für den Ferienflieger beantragt wurde. Es soll sich nach Informationen aus Branchenkreisen um 200 Millionen Euro handeln. Die Lage werde aufmerksam verfolgt, teilte die Bundesregierung über Twitter mit. Verbunden mit dem Hinweis: „Reisenden, die eine Reise erst noch antreten, wird empfohlen, sich an ihren Reiseveranstalter zu wenden.“

Lange Vorgeschichte

Der Niedergang von Thomas Cook hat eine lange Vorgeschichte. Das britisch-deutsche Unternehmen war schon 2012 in schwere Bedrängnis geraten. Wertminderungen auf das Veranstaltergeschäft in Großbritannien und die IT-Systeme brachten es an den Rand des Ruins. Damals sprangen Banken ein, stellten beträchtliche Summen zur Verfügung, was aber die Verschuldung massiv erhöhte. Zuletzt wurden Verbindlichkeiten von 1,6 Milliarden Pfund mit entsprechend hohen Zinszahlungen genannt. Der Vorstand hat in den vergangenen Jahren einen harter Sparkurs gefahren. „Doch der führte auch dazu, dass das Tafelsilber verkauft wurde und die Geschäfte nicht weiterentwickelt wurden“, erläutert ein Insider.

Alte Werbung von Thomas Cook – der Reiseanbieter blickt auf eine lange Geschichte zurück.

Unter anderem versäumte das Management, konsequent in das stark expandierende Kreuzfahrtgeschäft einzusteigen – es wirft hohe Renditen ab und hat unter anderem dem globalen Branchenprimus Tui geholfen, seine Geschäfte zu stabilisieren. In den vergangenen Monaten setzte dem Konzern zudem der harte Wettbewerb massiv zu. So führte ein Überangebot an Betten in Spanien zu einem heftigen Preiskampf. Hinzu kamen die Hitzewellen in Europa, die das Bedürfnis in warme Länder zu reisen, massiv dämmten. Vielen Briten wurde überdies die Reiselust durch das immer schwächere Pfund vermiest.

Anzeige

Bei den Banken wuchsen die Befürchtungen über eine heftige Schieflage. Das sprach sich in der Branche herum. Viele Reisebürobetreiber hierzulande wurden zunehmend zurückhaltender, wenn es um Buchungen bei Cook und seinen Töchtern ging. Auch Verbraucherschützer warnten. Das setzte nach Brancheninformationen einen Teufelskreis in Gang, der zu immer weniger Geld in der Kasse des Konzerns führte.

Die Airlinesparte litt darüber hinaus unter den Schwankungen des Kerosinpreises in Kombination mit einem massiven Konkurrenzkampf in der Luftfahrtbranche. Von all diesen Fährnissen sind beinahe alle Reiseunternehmen betroffen. „Aber es hat auch einfach an einem tragfähigen Sanierungsplan für den Konzern gefehlt“, erläuterte Marianna Sigola von der Uni Adelaide in einem Fernsehinterview.

Hotels in Ferienregionen bedroht

Die Tourismusexpertin befürchtet nun, dass Thomas Cook eine Reihe weiterer Unternehmen in die Tiefe reißen könnte. Vor allem kleinere und mittlere Hotelbetreiber in beliebten Ferienregionen könne es erwischen. Möglich sei sogar, dass die Hoteliers nun von den Gästen vor Ort Geld verlangen werden, weil von Thomas Cook die Begleichung offener Rechnungen nicht mehr zu erwarten sei.

Fankhauser hatte schon im Frühjahr einen gewagten Plan auf den Weg gebracht. Zunächst gelang es ihm, den chinesischen Großaktionär Fosun dazu zu bringen, ganz groß einzusteigen. Der Mischkonzern aus der Volksrepublik wollte 450 Millionen Pfund lockermachen, um 75 Prozent an den Reiseveranstaltern und 25 Prozent an den Ferienfliegern zu übernehmen. Die Gläubiger sollten zudem ihre Forderungen in Anteile umwandeln. Und zwar in 25 Prozent an den Veranstaltern und in 75 Prozent an den Cook-Airlines – alles in allem mit einem Volumen von weiteren 450 Millionen Pfund.

Kein Vertrauen in Sanierungsfähigkeit

Anzeige

Dieses Manöver hätte wohl früher oder später zum Verkauf der Fluggesellschaften geführt. Übrig geblieben wäre letztlich ein chinesischer Reiseanbieter. Doch auch dieses Konzept hatte seine Tücken, denn die Aktionäre wären leer ausgegangen. Massiver Ärger auf der Hauptversammlung, die nächste Woche über die Bühne gehen sollte, war programmiert. Doch das Treffen erübrigt sich nun. Die zuletzt ins Spiel gebrachte Aufstockung des Rettungspakets um 200 Millionen auf 1,1 Milliarden Pfund scheiterte wohl vor allem am Veto der Royal Bank of Scotland und der Lloyds Bank. Offenbar fehlte es den Bankern an Vertrauen in die Sanierungsfähigkeit von Thomas Cook. Fankhauser bezeichnete nun das Aus bei den Verhandlungen als „verheerend“.

Tatsächlich ist der Scherbenhaufen gigantisch. Auch für die Kunden. Markus Tressel, Tourismusexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, spricht von einem „Worst Case“. Priorität müsse nun haben, „die betroffenen Urlauber schnell und sicher nach Hause zu holen“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. „Dafür müssen die Thomas Cook-Gruppe und notfalls die Bundesregierung einstehen.“ Aber auch Verbrauchern, die ihre Reise noch nicht angetreten haben, drohe noch eine böse Überraschung. „Sie sind nicht nur um ihren Urlaub gebracht, sondern auch ein Großteil des bereits angezahlten Reisepreises könnte nicht erstattet werden“, erläutert Tressel.

Reicht das Geld für alle Erstattungen?

Der Hintergrund: Reiseveranstalter müssen zwar überwiesene Anzahlungen für Pauschalreisen absichern. Dies ist aber beschränkt auf eine maximale Summe von 110 Millionen Euro. Branchenkenner wie VUSR-Chefin Linnhoff erwarten, dass aktuell die Gesamthöhe der geleisteten Anzahlungen deutlich darüber liegen wird. In so einem Fall wird nur ein Teil der Vorauszahlungen erstattet. Tressel betont, es sei schon lange befürchtet worden, dass bei der Insolvenz einer Branchengröße die 110 Millionen Euro nicht reichen. Auch der Bundesregierung und den Branchenverbänden sei dies bekannt, „gehandelt haben sie nicht“. Die Grünen-Fraktion hatte im Frühjahr beantragt, die Summe auf 300 Millionen Euro zu erhöhen.

Was nach der Insolvenz kommen wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Es kursieren Vermutungen, dass der Konzern zerlegt wird. So könnten sich verschiedene Fluggesellschaften die Jets der Ferienflieger und die Start- und Landerechte untereinander aufteilen. Schon vor einigen Monaten kursierten Meldungen, wonach unter anderem Easyjet und Ryanair ihr Interesse bekundet hätten. Auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr betonte, dass Teile von Condor für sein Unternehmen nützlich sein könnten. Das betreffe insbesondere Langstreckenverbindungen. Insgesamt verfügt Condor über 52 Flugzeuge und fliegt unter anderem zahlreiche Fernreiseziele in den USA und in Asien an.

Lesen Sie auch: Condor will Überbrückungskredit – und bekommt viel Zuspruch