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Neue Gigafactory in Brandenburg

Tesla-Eröffnung in Grünheide: ungebremst begeistert

Ein Elektrofahrzeug vom Typ Model Y rollt zur Eröffnung der Tesla-Gigafactory Berlin Brandenburg vom Band. Die erste europäische Fabrik in Grünheide, die auf 500.000 Fahrzeuge jährlich ausgelegt ist, ist eine wichtige Säule der Zukunfts­strategie von Tesla.

Grünheide. Schwarz, bullig, glänzend stehen sie da, die ersten 30 Tesla-Fahrzeuge Model Y „made in Germany“, genauer gesagt: „made in Grünheide“ oder, wie Elon Musk sagt, Giga Berlin-Brandenburg. Sie warten in einem „Lichttunnel“ aus gleißenden Leuchten mitten in der Produktionshalle, die in Gänze hell und klinisch rein wirkt.

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Nur Roboterarme drehen sich, die Arbeiter und Arbeiterinnen haben sich alle unten versammelt, für den großen Tag. Wummernde Elektrobeats füllen die Werkshalle der neuen Tesla-Fabrik am östlichen Berliner Stadtrand, in nur etwas mehr als zwei Jahren Bauzeit ins märkische Wasserschutz­gebiet gepflanzt. Rekordzeit.

Tesla präsentiert die ersten 30 Tesla-Fahrzeuge Model Y, die in Grünheide gefertigt wurden.

Tesla präsentiert die ersten 30 Tesla-Fahrzeuge Model Y, die in Grünheide gefertigt wurden.

„Tesla-Geschwindigkeit“, wie es einer sagt, dem man noch vor Kurzem wenig Affinität zum Turbo­kapitalismus eines Elon Musk nachgesagt hätte. Robert Habeck nämlich. Der steuert strammen Schrittes auf den Pressepulk vor der gigantischen Fabrik zu. Der Bundes­wirtschafts­minister kommt gerade von seiner Energie­einkaufs­tour am Persischen Golf zurück, nun feiert er hier den ungebremsten Unternehmergeist eines Elon Musk.

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„Wir brauchen in einer Zeit, die so sorgenschwer ist, die so viel Angst macht, mehr Mut“, habeckt er in die Mikrofone und meint damit das Risiko, das Musk mit Unterstützung der befreundeten brandenburgischen Landesregierung in Grünheide eingegangen ist: Bauen mit vorläufigen Genehmigungen, das wünscht sich Habeck in Zukunft auch für Infrastruktur­projekte des Staates.

Wirtschaftsminister Habeck besucht Tesla-Fabrik bei Eröffnung in Brandenburg

Den Bau der Fabrik im „Tesla-Tempo“ nannte Bundes­wirtschafts­minister Habeck ein starkes Statement zum Standort Deutschland.

Was sagt er, der Grüne, zum Streit ums Wasser für die Fabrik? Das Land Brandenburg duldet die Entnahme von 3,8 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr. Die Sonne gleißt, es hat seit Wochen nicht mehr geregnet. Vor der Tür haben sich Demonstrantinnen auf der Einfahrt angeklebt, ein Protestzug ruft: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns das Wasser klaut.“ Habeck antwortet auf die Journalistenfrage denkbar knapp: „Produktion verbraucht Wasser, und es wurde ein Kompromiss gefunden.“

Dann marschiert er ins Werk, zum „Delivery Day“ mit den Stargästen Musk und Olaf Scholz.

Feier in dunklen Zeiten

Unter den wummernden Bässen in der Halle fällt es schwer, klar zu denken, aber dennoch: Es ist 2022, und die Spitzen der deutschen Politik feiern eine Autofabrik. Und das, während in Europa ein Krieg tobt, der an Grausamkeit täglich zunimmt. Eine Fabrik eines Unternehmer­autokraten (pardon), der von Mitbestimmung und Tariflohn wenig hält, der kürzlich empfahl, als Brücke zur Energiewende Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen, der Schlagzeilen macht, indem er Putin zum Faustkampf um die Ukraine herausfordert.

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In Grünheide gibt Musk im schwarzen Jackett vor dem weißen Lichttunnel ganz den seriösen Visionär: Er spricht von Wind, Sonne und Batterie­speichern: „Auf diesen drei Beinen steht die Energie­versorgung der Zukunft.“ Von Atom ist keine Rede mehr, vielleicht hat ihm Scholz ins Gewissen geredet beim 15-minütigen Vier-Augen-Gespräch während einer privaten Werksführung zuvor. „Wir können und wollen hoffnungsvoll in die Zukunft schauen“, prophezeit er. „Die Energieprobleme werden gelöst, und diese Fabrik ist ein großer Schritt auf dem Weg dorthin.“

Die Gemeinde jubelt, Angestellte und Erstkunden recken Handys in die Höhe, Drohnen surren über dem Geschehen. Dann werden die ersten 30 Tesla Model Y Performance ausgeliefert. Der etwa zwei Tonnen schwere Mittelklasse­wagen hat eine offizielle Reichweite von gut 500 Kilometern. Den Einstiegspreis gibt das Unternehmen mit 63.990 Euro an.

Alle in einer Farbe, alle in Schwarz. Es ist eine kleine Reminiszenz an Henry Fords Model T, das vor mehr als 100 Jahren nur in einer Farbe ausgeliefert wurde. Es hat vor allem aber damit zu tun, dass in Grünheide bislang nur eine Fertigungslinie in Betrieb ist. Alle paar Tage wird die Produktionsfarbe gewechselt.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) lobt seine Minister und die Verwaltung für die schnelle Genehmigung und freut sich „auf eine lange gemeinsame Zeit mit Tesla in Grünheide“. Musk sagt zwei Sätze auf Deutsch und spricht „Grünheide“ korrekt aus. Damit dürfte Brandenburg offiziell in den Kreis der wichtigsten Industriestandorte aufgestiegen sein.

Tesla-Chef Elon Musk eröffnet neue Fabrik in Grünheide bei Berlin

Das Werk sei ein „Zeichen für den Fortschritt und die Zukunft der Industrie“ in Deutschland als starkem Standort.

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Protest von Klimaaktivisten

Auf dem Berliner Autobahnring nahe dem Werk stehen zeitgleich Tausende im Stau: Schwerlaster, SUV, Kleinwagen, Verbrenner und Elektroautos gleichermaßen. Die Polizei hatte den Verkehr auf der A10 in beide Richtungen gestoppt, weil Menschen an einer Brücke über der Autobahn hingen, wie ein Polizeisprecher sagte. In sozialen Medien war von einer Abseilaktion die Rede, die sich gegen Tesla richtete.

Klimaaktivisten der Gruppen Sand im Getriebe, Ende Gelände und Extinction Rebellion kritisieren, die neue Fabrik gefährde die Wasserversorgung in Brandenburg und Berlin. Zudem sei es nicht sinnvoll, Autos mit Verbrennungs­motor durch Elektroautos zu ersetzen. „Was wir stattdessen brauchen, sind kollektive Formen der Mobilität, ein ticketfreier und gut ausgebauter ÖPNV, vor allem auf dem Land, sowie ein Umbau der Autoindustrie, gemeinsam mit den Beschäftigten“, hieß es in einer Mitteilung.

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Drinnen sollen nun endlich die Teslas rollen. Und dann geht es auch los: Boxer haben Einlauflieder, Teslas haben Auslieferungsmusik: Jeder Kunde durfte sich einen Song zu seinem Neuwagen wünschen. Der Münchner Kunde für den Giga 001 wünscht sich Hardrock, die Brandenburger Neubesitzerin des Giga 002 Louis Armstrongs Hymne „What a Wonderful World“.

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Der dritte Kunde trifft Musks Musikgeschmack eher. Zu Elektropop tänzelt der Firmenchef ein paar Schritte vor seinem neuesten Produkt herum. Die Zuschauer und Zuschauerinnen rasten fast aus. Unter Feuerwerks­fontänen verlassen die Neukunden die Halle.

Die Markentreue der Musk-Gemeinde

„Würde ich heute einen bekommen, dann würde ich Elon bitten, ihn zu signieren – und sei es unter der Motorhaube“, sagt Lars Hendrichs. Der Präsident des bundesweit größten Tesla-Fanclubs bekommt am „Delivery Day“ keinen Neuwagen, angereist ist er dennoch. Pflichttermin. Die Markentreue der Musk-Gemeinde ist höchstens mit der religiösen Verehrung der frühen Apple-Kundschaft für Steve Jobs vergleichbar. Nur dass Tesla-Nerds an der Ampel jeden 3er-BMW verheizen können.

Afrim Berati ist aus Ludwigshafen angereist, er ist Autohändler und hat sich auf Tesla spezialisiert. Die Tesla-Fahrer seien etwas ganz Besonderes, schwärmt er. „Sie sind technik­begeistert, haben Freude am Fahren und sind eine echte Gemeinschaft, da neidet keiner dem anderen etwas.“ Auf die Neuwagen „made in Grünheide“ freut er sich bereits, er erwartet einen weiteren Qualitätssprung: „Elon Musk in Verbindung mit deutscher Technik – das wird Mercedes- oder BMW-Qualität“, sagt er.

So viel zur Schau getragene Autoverrücktheit war lange nicht mehr in Deutschland. Olaf Scholz lobt, dass die erste reine Elektroauto­fabrik Deutschlands im Osten stehe: „Der Osten ist industriell vorne mit dabei“, sagt er – und: „Deutschland kann schnell sein.“ Und dann spricht er, wie ein Traditions­sozialdemokrat, von der schweren Arbeit in diesem Werk und den Männern und Frauen, die unseren Wohlstand erwirtschafteten, während hinter ihm die Roboterarme surren.

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Zwischen Zukunft und Vergangenheit ist es an diesem Tag manchmal nur ein kleiner Schritt.

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