Umstrittene IfW-Berechnungen: Kostet das Tempolimit auf Autobahnen wirklich Milliarden?

  • Gut für das Klima, weniger Tote im Verkehr – aus Sicht von Befürwortern gibt es starke Argumente für ein Tempolimit auf Autobahnen.
  • Doch das könnte den Wirtschaftsstandort Milliarden kosten, warnen nun Ökonomen.
  • Allerdings gibt es Zweifel an deren Rechnung.
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Eine Untersuchung zu den Kosten eines Tempolimits auf Autobahnen sorgt für massiven Streit: Kieler Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) hatten errechnet, dass eine Maximalgeschwindigkeit von 130 km/h Milliardenkosten mit sich brächte. Doch an der Forschungsarbeit gibt es nun heftige Kritik.

Das IfW hat die Forschungsergebnisse jüngst in seinem Policy-Brief veröffentlicht – ein Newsletter für Entscheider im politischen Berlin, wo derzeit ohnehin über das Tempolimit debattiert wird. Zuletzt hatten etwa das Umweltbundesamt (UBA) und der Verkehrsclub Deutschland (VCD) dazu Studien veröffentlicht. Denen zufolge würde ein Tempolimit auf Autobahnen das Klima schützen und die Zahl der Verkehrsunfälle reduzieren – und zwar als vergleichsweise kostengünstige Klimaschutzmaßnahme.

Das bezweifelt nun Ulrich Schmidt, Research-Center-Leiter am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) und Autor der Studie: “Die beiden Studien ignorieren, dass der langsamere Verkehr zu Zeitverlust und damit Kosten für die Fahrenden führt”, so der Ökonom. Um das zu untermauern, hat Schmidt die Daten für die Fahrleistungen auf deutschen Autobahn genommen, die das UBA selbst verwendet. Anschließend hat er die längeren Fahrzeiten entsprechend der vorgeschlagenen Tempolimits berechnet.

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Milliardeneinbußen dank Tempolimit?

“Setzt man für die Zeitverluste einen üblichen Stundenlohn an, ergeben sich – unter Berücksichtigung der gesparten Treibstoffe – Wohlfahrtsverluste für die deutsche Volkswirtschaft zwischen 1,3 Milliarden Euro bei einem Tempolimit von 130 und 7,3 Milliarden bei Tempo 100.” Im Verhältnis zu den CO₂-Emissionen, die nach den UBA-Schätzungen durch ein Tempolimit vermieden werden könnte, ergebe sich ein Preis von 716 bis 1382 Euro je eingesparter Tonne CO₂.

Aus Sicht von Schmidt sind das hohe Kosten im Vergleich zu anderen Möglichkeiten, klimaschädliche Emissionen einzusparen. Einen Vergleich ermögliche etwa das europäische Emissionshandelssystem, wo der Preis einer Tonne CO₂ aktuell bei 25 Euro liegt. “Allein aus Klimaschutzgründen lässt sich ein generelles Tempolimit auf Autobahnen aus Kosten-Nutzen-Sicht nicht rechtfertigen”, meint Schmidt deshalb. Dies gelte auch, wenn man die Häufigkeit der Unfälle und der geretteten Menschenleben statistisch ansetzt – was in wissenschaftlichen Studien nicht unüblich ist.

“Aus volkswirtschaftlicher Kosten-Nutzen-Sicht ist ein generelles Tempolimit zwischen 100 und 130 Stundenkilometern als Maßnahme für den Klimaschutz daher abzulehnen. Insbesondere muss den Schlussfolgerungen des UBAs und des VCD, dass ein Tempolimit auf Autobahnen Klimaschutz zum Nulltarif ermöglicht, klar widersprochen werden”, schlussfolgert Schmidt.

Methode “ein Griff ins Klo”?

Mit seiner Methode und seinen klaren Politikempfehlungen hat der Ökonom allerdings heftige Kritik provoziert, zunächst vor allem in sozialen Medien: Die “Studie” sei irreführend und habe keine wissenschaftliche Basis, urteilte etwa Christian Traxler, Professor an der Berliner Hertie-School of Governance. Ihm zufolge seien hohe soziale Kosten schnellen Fahrens, etwa wegen Lärm, Feinstaub sowie durch nicht tödliche Unfälle nicht berücksichtigt worden. “Ein Griff ins Klo”, so der Ökonom deshalb über die Kosten-Nutzung-Rechnung (CBA), die Schmidt vorgenommen hat. Ähnliche Argumente machten auch andere Ökonomen.

Beim Verkehrsclub Deutschland zeigte man sich ebenfalls verwundert: “Haarsträubend” nannte VCD-Sprecher Michael Müller-Görnert die Rechnung des IfW. Er hält die prognostizierten Zeitverluste für übertrieben, schließlich liege die Durchschnittsgeschwindigkeit auf Autobahnen gar nicht hoch, nach älteren Berechnungen bei 125 Stundenkilometern auf freien Strecken.

Hinzu komme: “In Ländern mit Tempolimit zeigt sich doch deutlich, dass die Zahl der Menschen, die verletzt werden und sterben, sinkt. Das könnte man auch in Geld umrechnen.” Hier sei die Rechnung des IfW nicht angemessen und auch nicht nachvollziehbar. “Wir bleiben dabei: Das Tempolimit ist eine sinnvolle Maßnahme und führt zu weniger Verkehrstoten.”

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