Geprellte T-Aktionäre bekommen nach 20 Jahren ihr Geld zurück

  • Das Frankfurter Oberlandesgericht empfiehlt, das Langzeitverfahren mit einem Vergleich endlich zu beenden.
  • Die Deutsche Telekom ist bereit, einen dreistelligen Millionenbetrag als Schadensersatz zu zahlen.
  • Der Konzern ist noch heute weit von den Aktienkursen der Jahre 2000/2001 entfernt.
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Frankfurt/Main. Nach der gut halbstündigen Verhandlung vor dem Frankfurter Oberlandesgericht (OLG) sprachen die Anwälte der Kläger davon, wie glücklich sie seien. Und sie sprachen von einem guten Tag für die Anleger und einem guten Tag für den Anlegerschutz. Kurz zuvor hatte der Vorsitzende Richter Bernhard Seyderhelm verkündet, dass das Gericht ein Vergleichsangebot der Deutschen Telekom angenommen hatte. Damit steht der bislang größte Anlegerprozess in der hiesigen Rechtsgeschichte vor einem baldigen Abschluss – nach 20 Jahren. Den Klägern wird angeboten, dass ihnen ein Großteil des Schadens erstattet wird, der durch den Kauf von T-Aktien entstanden ist.

Die Telekom will jedem der rund 16.000 Anleger bis Mitte des Jahres ein Angebot machen. Seyderhelm betonte: „Der Senat legt allen Beteiligten nahe, diesen Vergleich abzuschließen.“ Die Anwälte und auch die Aktionärsschützer-Organisation DSW schlossen sich dieser Empfehlung an. Noch in diesem Jahr sollen die ersten Überweisungen getätigt werden. Vorangegangen waren monatelange Verhandlungen zwischen den Klagevertretern und den Juristen der Telekom.

Das Ergebnis: Der Bonner Konzern will Anlegern, die zwischen Mai und Dezember des Jahres 2000 Aktien des teilstaatlichen Konzerns erworben haben, die damaligen Kosten für den Kauf der Papiere abzüglich gezahlter Dividenden sowie die Prozessgebühren zuzüglich Zinsen erstatten. Peter Gundermann von der Anwaltskanzlei Tilp betonte: „Es ist besser, lang zu kämpfen mit einem guten Ergebnis, als schnell zu verlieren.“ Seine Kanzlei hatte so etwas wie die Federführung in dem Verfahren.

Experten schätzen, dass auf den Magenta-Konzern nun die Zahlung eines niedrigen dreistelligen Millionenbetrags zukommt. Telekom-Chefjustiziarin Claudia Junker sagte aber dennoch, es sei an der Zeit gewesen, dieses „sehr faire Angebot“ zu machen. Das Verfahren wäre ansonsten noch zehn weitere Jahre gelaufen.

Schon beim Börsengang im Abwärtsstrudel

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Tatsächlich hat der Prozess monströse Züge. Auch wegen der Komplexität des Sachverhalts. Bei der Eröffnung der Hauptverhandlung fuhr Gundermann einst einen mannshohen Aktenberg mit einen Sackkarre in den Verhandlungssaal. Das war im April 2008 und der sogenannte dritte Börsengang der Telekom, um den es ging, schon fast acht Jahre Geschichte.

Die Papiere waren den Anlegern für 66,50 Euro pro Stück angeboten worden. Seine Höchstwert von rund 103 Euro hatte die T-Aktie damals schon länger hinter sich. Es war die Zeit, als die erste Dotcom-Blase platzte. Die Aktie verlor schnell massiv an Wert. Sie rutschte bis auf gut 7 Euro ab – gestern notierte das Papier bei knapp 17 Euro.

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Gericht macht Weg für Telekom-Vergleich im Anlegerstreit frei
1:24 min
Auf den Dax-Konzern könnten Ausgaben in dreistelliger Millionenhöhe zukommen.  © Reuters

Die Empörung der T-Aktionäre über den Absturz des Papiers war groß. Hatte ihnen doch auch die Bundesregierung immer wieder suggeriert, dass es sich um ein Papier „für Witwen und Waisen“ handele, wie es Aktionsschützer vielfach formulierten. Also eine absolut sichere Anlage. Dabei habe sich der Dividendentitel dann eher als ein „überbewertetes Zockerpapier“ erwiesen. Massenweise reichten Anleger Klagen ein, wollten Schadensersatz durchzusetzen. Um die Flut zu bewältigen, musste der Bundestag eigens ein neues Gesetz machen. Mit dem monströsen Namen: Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz, kurz: Kapmug.

Die Anwälte versuchten an vielen Verhandlungstagen, der Telekom nachzuweisen, dass im Verkaufsprospekt für den dritten Börsengang unvollständige und falsche Angaben gemacht wurden – wobei es von Anfang an ein offenes Geheimnis war, dass die wenigsten der Anleger in die mehr als 200 Seiten Broschüre etwas intensiver hineingeschaut hatten.

Fragwürdige Deals mit Beteiligungen

Die Anwälte kaprizierten sich indes zunächst auf die Übernahme des US-Mobilfunkers Voicestream, die kurz nach dem Börsengang durchgezogen wurde, aber im Prospekt nicht erwähnt wurde. Schließlich rückte die Beteiligung an Sprint, einem weiteren US-Mobilfunker, in den Fokus. Der Bundesgerichtshof urteilte 2014, dass es selbst bilanzkundige Anleger dem Prospekt nicht hätten entnehmen können, dass trotz der Übertragung der Sprint-Aktien an eine Tochter das Risiko für Kursverluste der Sprint-Papiere nach wie vor beim Konzern lag.

Das war der Wendepunkt im Telekom-Prozess. Danach hatten die Anklagevertreter die Oberhand. Gestern gab es von den Anwälten noch einmal Lob fürs Kapmug, das inzwischen umgebaut wurde und nun in einem Verfahren gegen Volkswagen im Zusammenhang mit dem Abgasskandal zum Einsatz kommt. DSW-Vertreter haben das Paragrafenwerk indes kritisiert, da es Verfahren nicht verkürze, sondern verlängere.

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