Teures Öl: Spritpreise werden wieder steigen

  • Die Rohöl-Nachfrage steigt, berichtet Steffen Bock von Clever Tanken.
  • Spritpreise waren während der Corona-Pandemie so billig wie lange nicht mehr.
  • Die Nachfrage nach dem wichtigsten Rohstoff für die Wirtschaft sei aber noch längst nicht auf dem Niveau von vor der Krise.
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Fahrer von Diesel-Autos gehörten bislang zu den Gewinnern der Corona-Krise. Die Preise sackten zeitweise unter die Marke von einem Euro. So billig war der Sprit seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr. Doch diese Zeiten sind vorbei. Gestern kostete der Liter nach den Berechnungen des Verbraucherportals Clever Tanken 1,05 Euro im Bundesdurchschnitt. Für Super E10 mussten Automobilisten knapp 1,20 Euro bezahlen. Und die Preise werden in der nächsten Zeit weiter steigen.

Kraftstoff-Notierungen vollziehen in der Regel mit einem Abstand von einigen Tagen die Veränderungen beim Rohöl nach. Und hier gab es in jüngster Zeit nur eine Richtung: nach oben. Gestern kostet ein Fass (à 159 Liter) der für Europa maßgeblichen Referenzsorte Brent knapp 43 Dollar. Das ist mehr als doppelt so viel wie beim Höhepunkt der Pandemie in der Mitte des Aprils.

Lockdown-Lockerungen kurbeln Wirtschaft wieder an

Damals war die weltweite Nachfrage im Vergleich zum Vorjahr um gut ein Viertel auf nur noch 75 Millionen Fass pro Tag eingebrochen. Zugleich lieferten sich die Saudis und die Russen einen Preiskampf. Doch dann rauften sich das Opec-Kartell, Russland und andere wichtige Ölländern zusammen und beschlossen, ihre gemeinsame Gesamtfördermenge für die Monate Mai und Juni um die Rekordmenge von 9,7 Millionen Fass pro Tag zu senken. Nun haben die Staaten der sogenannten Opec+ beschlossen, die Rationierung im Juli weiterzuführen.

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Die hiesigen Spritpreise würden seit Anfang Mai durch die Förderkürzung gestützt, erläutert Steffen Bock von Clever Tanken. Zugleich würden Lockdown-Bestimmungen weltweit gelockert, die Wirtschaft werde angekurbelt und viele Angestellte kehrten aus dem Homeoffice in die Büros zurück. Kurz gesagt: „Die Rohöl-Nachfrage steigt“, so Bock. Besonders deutlich ist das in China, dem weltgrößten Öl-Importeur, zu erkennen. Die Volksrepublik ist beim Hochfahren der Wirtschaft anderen großen Industrienationen um gut zwei Monate voraus. Dazu passt, dass nach Medienberichten um Mai die Rekordmenge von 11,3 Millionen Fass pro Tag eingeführt wurde.

Ölnachfrage nicht auf Niveau von vor Corona-Krise

Gleichwohl: Bock betont, dass die Nachfrage nach dem wichtigsten Rohstoff für die Wirtschaft noch längst nicht auf dem Niveau von vor der Krise sei. Das wird durch die Analysen des norwegischen Energie-Beratungsunternehmens Rystad bestätigt. Die Experten gehen in ihrer aktuellen Prognose davon aus, dass die globale Nachfrage im Mai bei 78,5 Millionen Fass pro Tag lag und sich im Juni bei rund 84 Millionen Fass einpendeln wird – das wären immer noch knapp 15 Prozent weniger als vor einem Jahr. Den Hochrechnungen zufolge wird sich der Verbrauch nur ganz allmählich erholen, aber auch Ende 2021 noch immer deutlich unter dem Niveau vom Dezember 2019 liegen.

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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Wie dies sich dies auf die Preise auswirkt, hat viel mit der Disziplin in der Opec+ zu tun. So haben sich unter anderem so wichtige Förderländer wie Nigeria und Irak zuletzt nicht an die beschlossenen Restriktionen gehalten, was in Kreisen des Kartells das „Pinocchio-Problem“ genannt wird: Wer schummelt, profitiert unmittelbar von der Disziplin der anderen, weil höhere Preise bei gleicher Fördermenge erzielt werden. Russlands Energieminister Alexander Nowak betont, dass die Vorgaben für Juli nun aber zu 100 Prozent erfüllt werden müssten, um eine Stabilisierung der Preise zu erreichen. Wer dennoch mehr losschlägt, soll umso weniger im August und September verkaufen dürfen. Der Markt sei noch immer in einem fragilen Zustand, so Novak.

Corona-Rückschlag bei Ölexporteuren gefürchtet

Die riesigen Tanklager sind weltweit gut gefüllt. Die größte Gefahr für die Ölexporteure ist aber ein Corona-Rückschlag in großen Industrieländern nebst neuerlichem Lockdown. Hinzu kommt aber auch, dass es mit steigenden Preisen in den USA wieder attraktiver wird, stillgelegte Bohrlöcher zur erneuten Förderung mit der umstrittenen Fracking-Methode zu reaktivieren. So rentiert sich nach den Worten von Francisco Blanch, Öl-Analyst bei der Bank of America, dieses Geschäft bei einem Preis von mindestens 35 Dollar – die US-Referenzsorte WTI kostete gestern Nachmittag rund 39 Dollar pro Fass. Die Experten der Finanznachrichtenagentur Bloomberg gehen denn auch von einem mittlerweile „überkauften“ Markt aus: Preise sind demzufolge stärker gestiegen, als sich die Nachfrage erholt hat – das liefe auf baldige Abschläge hinaus.

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Derweil kündigte der staatliche saudische Ölförderer Aramco an, seine riesigen Lieferungen nach Asien deutlich zu verteuern. Das wird von Experten als ein Signal dafür gewertet, dass der Preiskampf gegen Russland endgültig beendet ist. Beide Staaten haben ein großes Interesse, die Notierungen auf einem stabil hohen Niveau zu halten, denn sie sind auf teures Öl angewiesen, um ihre Staatshaushalte zu finanzieren.

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