Erfolgreiche Bergung im Suezkanal: Die „Ever Given“ ist weg, viele Probleme bleiben

  • Der Suezkanal ist nach der erfolgreichen Bergung des Containerschiffs „Ever Given“ wieder frei.
  • Dass das Nadelöhr des Außenhandels wieder passierbar ist, sorgt in Deutschland für Erleichterung.
  • Außenhandelsexperten warnen aber, dass es weiterhin zu Komplikationen im Welthandel kommen kann.
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Das Containerschiff „Ever Given“ ist im Suezkanal vollständig freigelegt worden. Das Schiff sei am Nachmittag flottgemacht worden, teilte das Bergungs­unternehmen Boskalis am Montag mit. Die niederländische Firma hatte Ägypten bei der Bergung unterstützt. Für die hiesige Außen­wirtschaft sind das gute Nachrichten – auch wenn die Folgen der Blockade des Suezkanals die Unternehmen noch eine Weile beschäftigen werden.

In Ägypten war die Erleichterung am Montag groß. Am Morgen hieß es noch, ein Bergungs­versuch sei nur teilweise erfolgreich gewesen. Denn der Bug des 400 Meter langen Container­riesen steckte weiterhin fest. Am Nachmittag folgte dann die erlösende Nachricht: Nachdem insgesamt 30.000 Kubikmeter Sand weggebaggert worden waren, gelang es zahlreichen Schleppern, das Schiff ganz aus dem Schlick des Suezkanals zu ziehen.

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„Nicht wenigen Unternehmen fällt nun garantiert ein Stein vom Herzen“, kommentierte das Carsten Taucke, Vorsitzender im Verkehrs­ausschuss des Außenhandels­verbands BGA, gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Der BGA hatte – wie auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und andere Wirtschafts­verbände eindringlich vor den Folgen des Stillstands auf der wichtigen Handelsroute gewarnt. „Die Logistik­abläufe sind durch die Blockade völlig aus dem Tritt geraten“, sagte Taucke am Montag­morgen dem RND.

Dass der Suezkanal nun wieder frei ist, löst die Probleme nur teilweise. „Erst in den kommenden Tagen und Wochen wird sich zeigen, wie sich die Störung auf alle nachlaufenden Logistik­prozesse auswirkt, beispiels­weise in den Häfen oder im Hinterland und der Container­logistik“, so Taucke.

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Drohen Staus vor Europas Häfen?

Während die Reederei Maersk davon ausgeht, dass es mindestens sechs Tage dauern wird, den maritimen Stau vor Ägypten aufzulösen, zeichnet sich schon eine hohe Auslastung europäischer Häfen ab. „Es wird Verspätungen geben“, zeigte sich am Montag Bengt van Beuningen, Sprecher der Marketing­gesellschaft des Hamburger Hafens, überzeugt. Er nimmt an, dass die Reedereien bis zur Ankunft der momentan noch festsitzenden Schiffe umdisponieren, um für Entzerrung zu sorgen. „Die Terminals sind Verspätungen gewohnt und der Hamburger Hafen kann sehr flexibel agieren. Aber mehr als ein Betrieb rund um die Uhr geht nicht“, warnte van Beuningen.

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Der Hamburger Terminalbetreiber HHLA äußerte sich indes optimistischer. „Durch den Brexit, Winterstürme und Arbeitskämpfe sind fast alle Schiffe in diesem Jahr verspätet. Durch das Vorkommnis im Suezkanal wird sich an dieser Lage nichts ändern, sie wird nur verlängert“, sagte Sprecher Jörg Heims dem RND. „Die HHLA ist personell und technisch so ausgestattet, um solch besonderen Situationen jederzeit zuverlässig zu meistern.“

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Havarie im Suezkanal: die Lebensader des Welthandels
2:27 min
Ein Schiff von der Größe eines Wolkenkratzers blockiert den Suezkanal und verursacht damit Millionenschäden. Hintergründe zur wichtigsten Wasserstraße der Welt.  © Frederik Eichholz/RND

In Folge der Pandemie mangelt es in einigen exportstarken Ländern außerdem schon länger an Containern – was sich, wie Branchen­kenner befürchten, nun verschärfen könnte. Immerhin steckten zuletzt etwa 370 zum Großteil mit Containern beladene Schiffe am Suezkanal fest. Weitere fuhren den gut 3000 Seemeilen langen Umweg um Afrika. Allein von der Reederei Maersk hatten den am Montag 15 Frachter angetreten.

Höhere Transportkosten befürchtet

„Schon die Corona-Krise hat für Verwerfungen im maritimen Handel gesorgt und die Preise für den Container­transport explodieren lassen“, sagte Vincent Stamer, Experte für maritimen Handel beim Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Ihm zufolge haben sich die Transport­kosten für Container im Laufe des letzten Jahres verfünffacht, es drohe eine weitere Steigerung um bis zu 30 Prozent – das hatte Stamer allerdings vor der erfolgreichen Bergung prognostiziert.

Aber allzu große Hoffnung auf baldige Besserung macht man sich in der Deutschen Industrie nicht: „Der Druck im Seeverkehr wird weiterbestehen“, sagte der stellvertretende BDI-Hauptgeschäftsführer Holger Lösch. „Es kann nicht mit einer Entspannung der maritimen Liefer­ketten vor dem dritten Quartal gerechnet werden.“

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Wer darunter leidet, zeigen Untersuchungen Stamers: Einerseits der deutsche Export, über den Seeweg gehen laut Stamer jährlich Güter im Wert von 121 Milliarden Euro jährlich nach Asien. Und andererseits könnten Importeure von Vorleistungen in die Bredouille geraten. In der Elektronik­industrie stammen nach Angaben von Stamer mindestens 10 Prozent der Vorprodukte aus Asien. Von von dort eingeführten Konsumgütern wie Elektronik und Kleidung, deren Preise nun steigen könnten, ganz zu schweigen.

Der Suezkanal ist wieder frei

Zumindest etwas Entspannung zeichnet sich aber ab. Denn am Montagnachmittag hieß es in Ägypten, der Schiffsverkehr auf dem Suezkanal könne wieder freigegeben werden. Die Ursache der Havarie ist derweil genauso ungeklärt wie die Höhe der daraus entstandenen wirtschaft­lichen Schäden. Diese konnten am Montag weder Branchen­kenner noch Reedereien und Verbände beziffern.

Unklar ist auch, wie es nun für die „Ever Given“ weitergeht. Laut Admiral Rabi, Vorsitzender der Kanalbehörde, soll das Containerschiff zunächst am Großen Bittersee am nördlichen Ende des Suezkanals untersucht werden. In Hamburg, wo das Containerschiff am 8. April hätte eintreffen sollen, rechnet man laut Heims damit, dass sich die „Ever Given“ deutlich verspätet – sofern sie überhaupt weiterfahren kann und darf.

Mit Material von dpa

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