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Wegen Corona und schlechter Führung

Studien zeigen – großer Frust in Deutschlands Belegschaften

Das Verhältnis zwischen Führungskräften und Beschäftigten ist oft nicht optimal.

Das Verhältnis zwischen Führungskräften und Beschäftigten ist oft nicht optimal.

München. Wenn zwei voneinander unabhängige Studien zu ähnlichen Resultaten kommen, dürften sie der Realität sehr nahekommen. Gleich zwei Studien belegen eine hohe Wechselbereitschaft bei deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Demnach haben vor allem jüngere Teile deutscher Belegschaften innerlich gekündigt und sind auf dem Absprung.

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Eine ganze Generation droht abhandenzukommen

Sechs von zehn aller 18- bis 34-Jährigen in Deutschland planen binnen zwölf Monaten, ihren Job zu wechseln, womit eine ganze Generation den betroffenen Firmen abhandenzukommen droht, warnt das Start-up Personio. Das Beratungsunternehmen Gallup attestiert Abwanderungsbereitschaft ohne Altersbegrenzung jedem vierten deutschen Arbeitnehmer beziehungsweise jeder vierten deutschen Arbeitnehmerin. Der Anteil steigt bei Gallup auf 42 Prozent, wenn man Wechselpläne binnen drei Jahren berücksichtigt.

Repräsentative Studien

Die Studien zur neuen Wechselbereitschaft in deutschen Belegschaften haben repräsentativen Anspruch. Die von Personio ist auf den Mittelstand konzentriert. Gallup hebt hervor, dass man nicht gezielt Fachkräfte befragt hat, die in Deutschland derzeit oft sehr gefragt sind, sondern einen typischen Querschnitt der heimischen Belegschaften. Die Chancen, in Deutschland derzeit einen neuen Job zu finden, halten sowohl befragte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wie auch Personio und Gallup derzeit für gut wie selten. Das korrespondiert mit den Aktivitäten von Headhuntern, die gefragtes Personal vom aktuellen Arbeitsplatz loseisen und zu neuen Arbeitgebern lotsen wollen. Jeder und jede dritte Beschäftigte in Deutschland wurde laut Gallup in den letzten zwölf Monaten von ihnen angesprochen. Auch das ist ein neuer Höchstwert, der sich binnen zwei Jahren verdoppelt hat. Verschärft wird das Ringen um Personal durch die Tatsache, dass der deutsche Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren Millionen von Babyboomern verliert.

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„Die Wechselbereitschaft in Deutschland ist erstmals sogar höher als in den USA“, betont Gallup-Personalexperte Marco Nink. Gallup macht die Umfrage seit zwei Jahrzehnten und das auch in den USA, wo Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für viele Jobwechsel traditionell bekannt sind. Deutsche dagegen wurden lange alt in ihrem Betrieb. Diese Zeiten scheinen aktuell vorbei.

14 Prozent aller deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer würden derzeit aktiv eine neue Stelle suchen, hat Gallup ermittelt. Parallel tun das nur 10 Prozent aller Beschäftigten in den USA. Für Deutschland ist das ein Rekord. 2020 haben nur halb so viele deutsche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer neue Jobs gesucht. „Es gibt drei Hauptgründe, das sind fehlende Karrierechancen, zu viel Stress und ganz entscheidend schlechte Führungskräfte“, zählt Personio-Experte Emil Mahr auf. Die ersten beiden hätten auch mit der Pandemie zu tun, weil sie die Karrierechancen eingedämmt und das Stressniveau vielfach erhöht habe. Der dritte Punkt liege in direkter Verantwortung von Vorgesetzten.

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„In der Pandemie haben viele über ihren Job nachgedacht und darüber, was sie vom Leben wollen“, ergänzt Kollege Nink. Prioritäten hätten sich geändert mit der Arbeitswelt als Verlierer und Familie als Gewinner. Dazu kämen die neuen Chancen des Homeoffice. Um einen neuen Job zu finden, müsse man nicht mehr unbedingt den Wohnort wechseln.

Schlechter Führungsstil als Wechselgrund

Aber auch Nink hebt miesen Führungsstil als wesentlichen Wechselgrund hervor. „Das Führungsverhalten in Deutschland hat Optimierungsbedarf“, sagt er und ist sich mit Mahr einig. Fast jeder oder jede zweite 18- bis 44-jährige hat gegenüber Personio über mangelnde Wertschätzung und Anerkennung geklagt. Einer von fünf Beschäftigten gibt an, noch nie offiziell von einer Führungskraft bewertet worden zu sein und das Gefühl zu haben, auf der Stelle zu treten. Viele hätten deshalb bereits innerlich gekündigt und ihre Motivation verloren.

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Das hat finanzielle Auswirkungen, die das statistische Bundesamt für 2021 berechnet hat. Es beziffert die volkswirtschaftlichen Kosten durch Produktivitätseinbußen von Mitarbeitenden, die sich innerlich verabschiedet haben, auf bundesweit jährlich 93 bis 115 Milliarden Euro. Geht ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin ganz, ist in Zeiten von Fachkräftemangel nicht schnell Ersatz zu finden. Derzeit seien Stellen im Schnitt 118 Tage vakant, weiß Nink. Vor einem Jahrzehnt waren es noch 67 Tage.

Von denen, die noch da sind, machen über zwei Drittel Dienst nach Vorschrift, hat Gallup ermittelt. 14 Prozent und damit fünf Millionen deutsche Beschäftigte hätten gar keine emotionale Bindung mehr zu ihrem Unternehmen. Nur noch 17 Prozent fühlten sich an ihren Arbeitgeber gebunden. „Bei emotionaler Bindung spielt weniger das Gehalt, sondern vor allem eine gute Führungskraft eine entscheidende Rolle“, sagt Nink. „Gut führen heißt die Mitarbeiter wertschätzen und konstruktiv kritisieren, sie fördern und Vorbild sein“, erklärt Mahr.

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Oft mangle es aber schon an vermeintlich einfachen Übungen wie Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter mit Namen anzureden oder zu fragen, wie es einem geht, sagt Nink. Gute Führungskräfte müssten Untergebenen das Gefühl geben, ein Mensch zu sein. Deutsche Chefinnen und Chefs sollten ihren Mitarbeitenden auch öfter Gehör schenken, weil die vielfach näher an Kundinnen und Kunden oder Problemen dran sind.

Von sich selbst haben deutsche Chefinnen und Chefs ein anderes Bild als im Urteil von Untergebenen. „97 Prozent aller Führungskräfte sagen, dass sie einen guten Job machen“, sagt Nink mit Verweis auf eine Befragung vor drei Jahren. Dagegen hätten sieben von zehn Beschäftigten bekannt, einen schlechten Chef beziehungsweise eine schlechte Chefin gehabt zu haben. In den Personalabteilungen seien die Probleme oft bekannt, ergänzt Mahr. Zu den Chefinnen und Chefs spreche sich das eher selten durch. So hat gut jeder dritte Personaler gegenüber Personio geklagt, dass die eigenen Führungskräfte das Ausmaß des Fachkräftemangels in Deutschland nicht kennen und jede zweite Führungskraft sich gar nicht erst mit den Personalproblemen auseinandersetze. „Führungskräfte bekommen selten einen Spiegel vorgehalten“, erklärt Nink diese Verhältnisse.

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