Studie: Lebensmittelabfälle weltweit doppelt so hoch wie gedacht

  • Laut einer Studie werden weltweit doppelt so viele Lebensmittel weggeworfen wie bisher angenommen.
  • Eine Erkenntnis der Studie: Je wohlhabender der Mensch, desto mehr Lebensmittel wirft er weg.
  • Demnach steigt die Menge der Abfälle ab einer täglichen Konsumschwelle von etwa 6,10 Euro pro Kopf.
Anzeige
Anzeige

Wageningen. Weltweit werden einer Studie zufolge doppelt so viele Lebensmittel weggeworfen wie bisher angenommen. Niederländische Forscher berichten im Fachblatt „PLOS One“ zudem von einem Zusammenhang zwischen dem Wohlstand von Verbrauchern und der Menge an weggeworfenem Essen: je reicher, umso mehr Lebensmittelverschwendung.

Im Jahr 2005 schätzte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dass damals ein Drittel aller Lebensmittel im Müll landete – obwohl sie eigentlich noch für den Verzehr geeignet waren. Diese Schätzung sei bis heute die Grundlage für viele Aussagen zur globalen Nahrungsmittelverschwendung, schreibt das Team um die Ökonomin Monika van den Bos Verma von der Universität Wageningen.

Menge der Abfälle steigt ab täglicher Konsumschwelle von rund sechs Euro

Die Forscher nutzten globale Daten der FAO, der Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Lebensmittelverfügbarkeit, Energiebedarf und Aktivitätslevel für 67 Prozent der Weltbevölkerung. Von den FAO-Daten zum Lebensmittelangebot zogen sie den Kalorienverbrauch der jeweiligen Bevölkerung ab, ermittelt aus Bevölkerungszahl, Aktivitätslevel und Gewicht. Aus dieser Überschlagsrechnung erstellten sie schließlich einen internationalen Datensatz mit Schätzungen zur Lebensmittelverschwendung in verschiedenen Ländern.

Demnach steigt die Menge der Abfälle ab einer täglichen Konsumschwelle von 6,70 US-Dollar (etwa 6,10 Euro) pro Kopf. Sie nimmt mit zunehmendem Wohlstand zunächst rapide zu, wächst dann bei höherem Wohlstand aber deutlich langsamer. Die oft zitierten FAO-Daten seien deutlich zu niedrig angesetzt, so die Autoren. Während diese für 2015 eine Nahrungsmittelverschwendung von 214 Kilokalorien pro Kopf und Tag schätzte, liegt der Wert im neuen Modell bei 527 Kilokalorien – mehr als doppelt so hoch.

Kritik an Studie: Viele wichtige Einflussfaktoren nicht berücksichtigt

Matin Qaim von der Universität Göttingen hält den Ansatz der Studie für interessant. „Da es international wenig gute Messungen über die tatsächliche Menge weggeworfener Lebensmittel gibt, können statistische Schätzmodelle helfen, die globale Größenordnung des Problems schrittweise besser zu erfassen“, sagt der Experte für Welternährungswirtschaft. Allerdings dürfe man die Präzision der Schätzung nicht überbewerten, viele wichtige Einflussgrößen wie Bildung, Umweltbewusstsein oder kulturelle Faktoren seien nicht berücksichtigt.

Zu einem ähnlichen Fazit kommt Achim Spiller, ebenfalls von der Uni Göttingen: Die Überschlagsrechnung beinhalte mögliche Fehlerspannen. Spiller geht auch auf Zahlen aus Deutschland ein. So berechnete das Thünen-Institut im Auftrag der Bundesregierung, dass hierzulande jährlich 11,9 Millionen Tonnen Essen im Müll landeten. 52 Prozent davon (6,14 Millionen Tonnen) stammten aus privaten Haushalten. Somit werfe jeder in Deutschland im Durchschnitt etwa 75 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr weg, heißt es basierend auf Abfalldaten aus dem Jahr 2015.

„Diese Schätzungen gelten als eher konservativ und sind wahrscheinlich etwas zu niedrig“, betont der Agrarökonom Spiller. Tatsächlich erhöhen sich die Daten noch einmal auf 85 Kilogramm pro Jahr und Kopf, werden auch Lebensmittelabfälle hinzugezogen, die durch die Kanalisation entsorgt werden.

Deutschland unter den größten Lebensmittelverschwendern

Anzeige

Deutschland als reiches Land befindet sich in der aktuellen Studie im oberen Feld der Lebensmittelverschwender: Ob es hierzulande allerdings einen Unterschied zwischen reichen und armen Haushalten gibt, kann die Studie nicht beantworten. Der grundsätzliche Zusammenhang zwischen Wohlstand und Lebensmittelverschwendung sei allerdings plausibel und werde auch durch andere Arbeiten gestützt, so Spiller. Insgesamt überschätze die Studie den Zusammenhang wahrscheinlich etwas, ebenso wie das Ausmaß der Lebensmittelverluste.

Sein Kollege Qaim ergänzt: „Was wir aus den Ergebnissen lernen können, ist, dass die weggeworfene Menge eindeutig positiv mit dem Einkommen korreliert.“ Tatsächliche Messungen für die USA hätten ähnliche Ergebnisse wie die im Modell prognostizierten Daten ergeben: „Aber in den USA werden tendenziell mehr Lebensmittel weggeworfen als in vielen anderen Ländern mit vergleichbarem Einkommen.“ Insofern sollten die globalen Schätzungen vorsichtig interpretiert werden.

Die Autoren der Studie schließen, eine geringere Lebensmittelverschwendung könne nur dann erreicht werden, wenn Strategien dagegen die Unterschiede zwischen ärmeren und reicheren Ländern berücksichtigten. Der errechnete Schwellenwert von 6,70 US-Dollar pro Kopf gebe einen Hinweis darauf, ab wann darauf besondere Aufmerksamkeit gelegt werden sollte.

RND/dpa