Strom- und Ölpreise: Wir lassen uns von der Umwelt subventionieren

  • Es scheint, als gäbe es im Bewusstsein vieler Verbraucher so etwas wie ein natürliches Recht, auf Kosten der Umwelt zu leben.
  • Dabei werden die Konsequenzen unseres gegenwärtigen Handelns in der Zukunft sichtbar sein.
  • Die Rohstoffe sind zu billig und der Ausstoß von CO₂ hat keinen nennenswerten Preis.
Ralf Volke
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Kennen Sie den kleinen Aufdruck an manchen Zapfsäulen, auf denen die Preisgestaltung für einen Liter Benzin oder Diesel aufgeschlüsselt ist? Da ist nachzulesen, dass mehr als die Hälfte dessen, was der Autofahrer anschließend an der Kasse zu zahlen hat, im Beutel des Finanzministers landet.

Ohne diese künstliche Verteuerung, so die Botschaft, wäre der Sprit nicht einmal halb so teuer. Natürlich ärgert das viele Autofahrer. Denn eigentlich ist es ja nicht sonderlich fair, dass man für seinen Sprit mehr zahlen muss, als durch Ölförderung, Verarbeitung, Transport und Verkauf zu rechtfertigen wäre.

Oder hat diese Rechnung vielleicht einen Fehler?

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Umweltschäden – nicht im Spritpreis enthalten

Ja, hat sie. Und zwar einen gewaltigen. Denn was im Spritpreis nicht enthalten ist, sind die massiven Folgeschäden, die durch die Verbrennung von Mineralölprodukten entstehen. Der Tritt aufs Gaspedal macht die Luft (vor allem in den Städten) so schlecht, dass Menschen krank davon werden, er hat vor der Einführung des Katalysators zu saurem Regen und Schäden an den Wäldern geführt und er trägt ganz erheblich zum Klimawandel bei, der bekanntlich seinerseits böse Nebenwirkungen hat.

Zudem hat das Benzin, das in Ihren Tank fließt, bereits die Umwelt geschädigt, bevor Sie überhaupt einen Kilometer damit gefahren sind. Auch bei Förderung, Verarbeitung und Transport von Öl und Ölprodukten entstehen Umweltschäden – selbst dann, wenn keine Tanker oder Bohrinseln im Meer versinken oder Pipelines brechen (was gar nicht mal so selten vorkommt). Nichts von diesen Umweltschäden ist im Spritpreis enthalten.

Das alles gilt natürlich nicht nur für Produkte aus Erdöl, sondern für alle Rohstoffe, die die Menschheit irgendwo aus der Erde holt, weiterverarbeitet und verbraucht. Ernst Ulrich von Weizsäcker (damals Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie) sagte dazu bereits 1996: „Die Preise für Rohstoffe entsprechen einer Tresorknackermentalität.“

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Es zählten, so führte der Physiker weiter aus, lediglich die Preise, die es koste, einen Tresor aufzubrechen – nicht der Inhalt an sich. „Aber irgendwann sind alle Tresore leer, was dann?“, fragte von Weizsäcker. Die Frage ist bis heute unbeantwortet.

Ein Liter Benzin für 2 bis 5 Euro?

Für das Klima besonders verheerend sind dabei alle Produkte, die wir aus fossilem Kohlenstoff herstellen – wie eben Benzin oder Diesel oder den Brennstoff für Kohlekraftwerke. Es gibt unterschiedliche Berechnungen, was ein Liter Benzin kosten müsste, wenn mit dem Preis auch alle Umwelt- und Gesundheitskosten abgebildet werden sollten.

Der amerikanische Klimawissenschaftler Drew T. Shindell kam 2015 zu dem Ergebnis, dass mindestens 90 Euro-Cent Umweltaufschlag pro Liter Benzin fällig wären, wenn man die Umweltkosten einbeziehen wollte. Der Erdgaspreis müsste sich demnach ungefähr verdoppeln.

Dabei sind Shindells Berechnungen eher zurückhaltend. Es gibt andere Studien, nach denen sogar 2 bis 3 Euro Umweltaufschlag auf einen Liter Benzin fällig wären, wollte man damit auch alle Umwelt- und Gesundheitsschäden bezahlen. Man mag sich einmal vorstellen, was passieren würde, wenn jemand solche Preise an der Zapfsäule durchzusetzen versuchte.

Natürliches Recht, auf Kosten der Umwelt zu leben?

Bei solchen Spritpreisen würden die Menschen sehr wahrscheinlich auf die Barrikaden gehen. In Frankreich haben Ende 2018 die sogenannten Gelbwesten einen regelrechten Volksaufstand ausgelöst – wegen gerade mal 10 Cent Umweltaufschlag auf einen Liter Benzin. Diesen Aufschlag hat die französische Regierung angesichts der massiven Proteste dann auch schnell wieder abgeschafft.

Zeitgleich herrschte bei der Weltklimakonferenz im polnischen Kattowitz große Einigkeit, die fossilen Energien zurückzudrängen (was bekanntlich am besten über den Preis ginge). Im Bewusstsein vieler Verbraucher gibt es offensichtlich so etwas wie ein natürliches Recht, auf Kosten der Umwelt zu leben. Unsere Enkel und Urenkel werden das im Nachhinein vermutlich anders sehen.

Billiger Atomstrom wohl die teuerste Energie

Weil die Folgekosten umweltschädlichen Verhaltens erst später anfallen, nimmt heute kaum jemand Notiz von ihnen. Das ist nicht nur bei der klimaschädlichen Kohlenstoffwirtschaft der Fall. Nehmen wir einmal die Atomenergie. Über Jahrzehnte haben sich Verbraucher und Wirtschaft über die niedrigen Preise für Atomstrom gefreut.

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Dass der Aufbau dieser gefährlichen Stromversorgung viele Steuermilliarden gekostet hat, wurde bei der Rechnung großzügig übersehen. Entscheidend war für viele lediglich, was man an den Energieversorger überweisen musste.

Mit dem Strompreis und den Subventionen ist es aber nicht getan. Die Atomenergie kostet uns auch dann noch viel Geld, wenn das letzte AKW längst abgeschaltet und abgerissen ist (was auch nicht eben billig wird). Die strahlenden Hinterlassenschaften dieser problematischen Technologie müssen sicher aufbewahrt werden – über Tausende von Jahren hinweg.

Kein Mensch kann kalkulieren, was das am Ende kosten wird. Langfristig dürfte der billige Atomstrom die teuerste Energie werden, die sich die Menschheit je geleistet hat – selbst ohne die schweren Schäden, die die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl oder Fukushima nach sich gezogen haben.

Kohleabbau schadet im Nachhinein

Solche Ewigkeitskosten fallen aber nicht nur für die langfristige Sicherung von Atommüll an. Auch die Steinkohle, die maßgeblich zum Aufbau des Industrielandes Deutschland beigetragen hat, kommt uns im Nachhinein nicht allein wegen ihrer immensen Klimawirksamkeit ziemlich teuer zu stehen. Das Ruhrgebiet ist durch den Bergbau in den vergangenen 100 Jahren um bis zu 25 Meter abgesackt.

Dummerweise ist das an vielen Stellen tiefer als der Grundwasserspiegel. Würde man hier nicht permanent das Wasser abpumpen, dann würde sich das Ruhrgebiet in eine Seenlandschaft verwandeln. Ungefähr ein Fünftel der Region mit seinen fünf Millionen Einwohnern würde geflutet. Landschaftsarchitekten und Freizeitskipper wären möglicherweise begeistert, Hausbesitzer eher weniger. Ohne die Pumpen würde beispielsweise der Essener Hauptbahnhof zwölf Meter unter Wasser stehen.

Solange Menschen in Deutschlands größtem Ballungsgebiet leben wollen, werden die Pumpen laufen müssen. Das kostet ziemlich viel Energie und ziemlich viel Geld. Die Folgekosten des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet betragen derzeit rund 220 Millionen Euro im Jahr. Ende offen.

Rohstoffe sind zu billig

Billiger Kohlestrom? Der wird genau wie Atomstrom lange nach seinem Verbrauch immer teurer. So etwas bei den Stromkosten nicht miteinzubeziehen nennt man eine Kalkulation nach dem Milchmädchen-Prinzip.

Auch das gehört zur Ökonomie des Klimawandels. Wir pusten deshalb zu viele Treibhausgase in die Atmosphäre, weil die Rohstoffe zu billig sind und der Ausstoß von CO₂ keinen nennenswerten Preis hat.

Der Autor Ralf Volke hat dieses Thema auch in seinem Buch „30 Jahre Dummheit: Warum wir unser Klima nicht retten“ ausführlicher beschrieben.

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