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Streik statt schnellem Internet – wie die GDL der Bahn mal wieder die Tour vermasselt

  • Eigentlich wollte Bahnchef Richard Lutz am Mittwoch endlich mal eine gute Nachricht produzieren.
  • Zusammen mit der Telekom startet die Bahn ein Infrastrukturprojekt, um die Zeit des ruckeligen Internets in den Zügen endlich zu beenden.
  • Doch die Lokführergewerkschaft GDL machte dem Bahnchef einen Strich durch die Rechnung. Mal wieder.
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Hannover. Fehlendes Gefühl für Timing kann man der Lokführergewerkschaft GDL nicht vorwerfen – im Gegenteil. Es ist Mittwochmittag gegen zwölf, und bei der Bahn hat sich hoher Besuch angemeldet. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist da und Telekom-Chef Timotheus Höttges. Gemeinsam mit Bahnchef Richard Lutz wollen die beiden erklären, wie das doch noch etwas werden soll mit dem flächendeckenden Handyempfang im Zug.

Es soll endlich mal wieder eine gute Nachricht geben. Die ständig abreißenden Handygespräche, das ruckelige Internet in Deutschlands Zügen soll schon bald der Vergangenheit angehören. Alle sind bester Stimmung – und dann platzt die Bombe.

Es sind nur noch wenige Minuten bis zum Start der Pressekonferenz, als die Eilmeldung über die Ticker läuft, dass die GDL Arbeitskampfmaßnahmen beschließt. Zu Deutsch: Die Lokführer wollen streiken. Und das womöglich mitten in den Sommerferien.

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Das Handythema rückt unversehens in den Hintergrund. Wen kümmert schon der Mobilfunkempfang in Zügen, wenn diese überhaupt nicht mehr fahren?

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Es wäre der erste Bahnstreik seit Dezember 2018, als die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ihre Mitglieder zur Arbeitsniederlegung aufgerufen hatte. Die EVG ist die deutlich größere Gewerkschaft und der GDL in inniger Abneigung verbunden. Bei Arbeitskämpfen im Bahnkonzern geht es immer auch um das Kräfteverhältnis der beiden Gewerkschaften untereinander.

Die GDL will mehr als die Konkurrenzgewerkschaft herausholen

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Die EVG hatte sich bereits im Herbst mit dem Bahnmanagement auf einen Tarifabschluss geeinigt. 1,5 Prozent mehr Geld sollen die Beschäftigten ab Anfang 2022 erhalten, die Bahn will bis Ende 2023 auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten.

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Die GDL glaubt, dass sie mehr für ihre Leute rausholen kann. Das muss sie auch, um ihre Existenz als kleine Spartengewerkschaft zu rechtfertigen. 1,4 Prozent mehr Geld plus eine Corona-Prämie in diesem Jahr sowie weitere 1,8 Prozent im kommenden Jahr wollen die Lokführer durchsetzen.

Aus Sicht der Bahn sind diese Forderungen illusorisch. Sie ruft die Lokführer auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Es lägen fundierte Angebote für mehr Lohn und zusätzlichen Kündigungsschutz auf dem Tisch, zu denen die GDL-Spitze bislang seriöse Verhandlungen verweigert habe, sagt eine Bahnsprecherin am Mittwoch.

Und sie übt scharfe Kritik: „Gerade jetzt, wo die Ferien vor der Tür stehen und sich viele nach harten Pandemiemonaten wieder aufs Reisen freuen, will die GDL-Spitze die Aufbruchstimmung zunichtemachen.“

Bahnchef Lutz ist am Mittwochmittag sichtbar entschlossen, sich seine Aufbruchstimmung in Sachen Mobilfunk nicht kaputt machen zu lassen – Streikdrohung hin oder her. Der Handyempfang in den Zügen werde radikal verbessert, teilt er fast trotzig mit.

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Spätestens 2026 soll es entlang der sogenannten „fahrgaststarken“ Strecken im Fern- und Regionalverkehr keine Versorgungslücken mehr geben. Auf den 7800 Kilometer langen Hauptverkehrsstrecken, wo die ICE-Züge sowie die wichtigsten ICs unterwegs sind, soll bereits ein Jahr eher Highspeed-Internet zur Verfügung stehen. „Bahnfahren wird damit nochmals attraktiver“, sagt Lutz.

800 neue Handymasten

800 neue Mobilfunkmasten will die Telekom dafür aufstellen und an mehreren Hundert Standorten die vorhandene Kapazität erweitern. Natürlich profitieren davon in erster Linie Telekom-Kunden. Reisenden, die Vodafone oder Telefónica/O₂ als Provider haben, bleibt nur das schnellere WLAN an Bord der Züge.

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Telekom-Chef Höttges weiß natürlich, dass er damit einen Vorteil gegenüber seinen Wettbewerbern hat – gerade bei Vielreisenden. Die Freude über die Vereinbarung steht dem Manager ins Gesicht geschrieben. Man starte jetzt gemeinsam ein „enormes Infrastrukturprojekt“, sagt er. „Nicht lamentieren, sondern machen“, darum gehe es.

Oliver Krischer, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag, nennt die Ankündigung „wichtig und gut“. Allerdings zweifelt der Abgeordnete daran, dass die Unternehmen das Problem auf freiwilliger Basis tatsächlich lösen. „Eine freiwillige Zusage der Telekom reicht mir da nicht. Andreas Scheuer als zuständiger Minister für Funklöcher muss das verpflichtend regeln, und zwar, dass alle Netzbetreiber zusammen das Netz entlang der Schiene ausbauen – damit auch alle Kunden profitieren und nicht nur die der Telekom“, fordert Krischer.

Verpflichtende Regeln – darauf kann Telekom-Chef Höttges offenbar ganz gut verzichten. Im Grunde gebühre ja Andreas Scheuer das Lob für die Ausbauinitiative, sagt der Manager bei der Pressekonferenz am Mittwoch. „Der hat uns allen einmal ordentlich in den Hintern getreten.“

Alle drei lachen, die Stimmung ist jetzt gut. Zumindest bis zur Pressekonferenz der GDL am Donnerstag.

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