Strategiewechsel angekündigt: Der neue Charme der Bahn

Immer nur schimpfen auf die Bahn? In der Klimadebatte lohnt sich ein neuer Blick auf das Unternehmen. Besser als neue Steuern etwa für Flüge sind neue öffentliche Investitionen in Schienen und Züge, meint Jörg Kallmeyer.

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Hannover. Ein Städteausflug nach London, ein Trip ans Mittelmeer oder Entspannen am Ostseestrand: Wer das lange Pfingstwochenende in diesem Jahr nicht für einen Kurzurlaub nutzt, der hat etwas falsch gemacht.

Oder vielleicht doch nicht?

Wer auf der Autobahn 7 aus Niedersachsen in Richtung Norden fahren wollte, stand gleich zweimal im Stau: erst in einer kilometerlangen Baustelle und kurz danach hinter einem Mähfahrzeug, das ausgerechnet am verkehrsreichsten Tag des Monats dem Grünstreifen zu Leibe rückte. Auf den Flughäfen gab es schon die ganze Woche angespannte Gesichter: Mal war das Gepäckband kaputt und brachte den Flugplan zum Erliegen, mal hatte ein Gewitter den gleichen Effekt. Und an Bord gab es Gedrängel in vollen Maschinen mit harten Sitzen, für die die Bezeichnung Holzklasse mehr als schmeichelhaft ist.

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Das Pfingstwochenende gibt einen Vorgeschmack auf die große Reisewelle in diesem Sommer. Es wird hart werden, wohl auch chaotisch. Der Luftverkehr steht vor dem Kollaps, die Straßen sind verstopft. Und ja, auch für die Bahn gilt: Pünktlich und verlässlich geht anders.

Aber ausgerechnet das Verkehrsmittel, über das in Deutschland am liebsten geschimpft wird, erscheint gerade in einem neuen Licht. Ist es wirklich gerecht, stundenlange Verspätungen am Flughafen stoisch zu ertragen, den Zugführer im ICE aber schon nach zehn Minuten Zwangspause zu beschimpfen? Die Bahn gewinnt an Stärke, weil die anderen Verkehrsmittel dramatisch schwächeln.

Und weil Mobilität vom Modethema zu einem echten Zukunftsprojekt wird: Wer wegen des Klimawandels von Flugscham geplagt ist, entdeckt schnell den Charme der Bahn. Und die hat das passende Versprechen zur rechten Zeit. Ausschließlich mit Ökostrom sollen die Züge künftig bei der Verkehrswende voranfahren.

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Das neue Strategiepapier des Bahnchefs verspricht vielleicht zu viel. Aber es setzt die richtigen Signale: Wer pünktlich(er) werden will, muss sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren. Und das liegt auf der Schiene, nicht in Auslandsbeteiligungen. Wer gegenüber Auto und Flugzeug punkten will, muss Städteverbindungen im Halbstundentakt anbieten und mit modernen Zügen fahren.

Die Umsetzung des neuen Konzepts wird viel Geld kosten. Bislang ist der Bund nicht bereit, die Milliarden zu zahlen, die die Bahn für die notwendige Erneuerung der Infrastruktur braucht. Aber wer sagt denn, dass nicht auch die Verkehrspolitiker dem neuen Charme der Bahn erliegen? Sinnvoller als die Androhung von neuen Strafsteuern für den klimaschädlichen Flugverkehr sind kräftige öffentliche Investitionen in das ohne Zweifel umweltfreundlichste Verkehrsmittel – die Bahn.

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Von Jörg Kallmeyer