Teurer Strom: Nächste Bundesregierung kann Preisexplosion verhindern

  • Den Verbrauchern drohen massive Aufschläge, weil Kohle und Gas erheblich teurer geworden sind.
  • Die Bundesregierung kann die Erhöhungen aber durch eine Absenkung oder sogar durch die Abschaffung der Umlage für die erneuerbaren Energien abmildern.
  • Verbände fordern zugleich einen Schub beim Ausbau von Wind- und Solarenergie.
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Frankfurt. Ein kräftiger Anstieg der Strompreise droht – obwohl die elektrische Energie zum Zweck des Klimaschutzes eigentlich preiswerter werden soll. Die anstehenden Aufschläge haben vor allem damit zu tun, dass weltweit die Nachfrage nach Gas und Kohle zur Erzeugung von Elektrizität gestiegen ist. Experten erwarten, dass sich die fossilen Brennstoffe auch im neuen Jahr weiter verteuern werden. Wir erläutern, was das für Verbraucher bedeutet und wie die neue Bundesregierung gegensteuern kann.

Wie teuer wird der Strom im nächsten Jahr?

„Bei den Strompreisen müssen sich die Haushalte wegen anhaltend hoher Großhandelspreise zum Jahreswechsel auf weitere Preiserhöhungen einstellen“, sagte Thorsten Storck, Energieexperte beim Vergleichsportal Verivox, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Konkreter wird Thorsten Lenck vom Thinktank Agora Energiewende: „Für Haushaltskunden wäre allein durch die höheren Beschaffungskosten ihrer Lieferanten im Mittel mit einer Strompreissteigerung von rund 3 Cent je Kilowattstunde zur rechnen; das entspräche einer Erhöhung des Strompreises von 10 Prozent.“

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Warum ist die Beschaffung von Strom so kostspielig?

Durch Corona ist eine bislang einmalige Situation entstanden. Die Lockdowns in vielen Industrieländern sind nahezu gleichzeitig beendet worden, deshalb geht es auch mit der Konjunktur synchron nach oben. Das hat die Nachfrage nach Energierohstoffen weltweit massiv erhöht, die Preise für Erdgas und Kohle sind in den vergangenen Monaten extrem gestiegen. Zum Teil vervierfachten sich die Notierungen. So ist Steinkohle auf den höchsten Wert seit 2008 geklettert.

Experten sind sich einig, dass der Trend noch bis weit ins nächste Jahr anhalten wird. Dieser Mechanismus schlägt massiv auf die Stromtarife durch. Hinzu kommt: „Auch der Preis für CO₂-Zertifikate hat sich in den vergangenen 24 Monaten mehr als verdoppelt“, sagte Kerstin Andreae, Chefin des Energiedachverbandes BDEW, dem RND. Kraftwerksbetreiber sind in der EU verpflichtet, für jede Tonne Kohlendioxid, die sie in die Luft blasen, in einem europäischen Handelssystem Verschmutzungszertifikate zu kaufen. Diese Papiere werden an der Börse gehandelt.

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Zwei Tage vor der Bundestagswahl sprach die Gründerin der Bewegung Fridays for Future Greta Thunberg vor Tausenden Menschen am Reichstagsgebäude in Berlin.  © Reuters

Wie groß ist die Bedeutung der fossilen Energieträger für den Strommarkt?

Nach aktuellen Zahlen des BDEW ist die gesamte deutsche Stromerzeugung der „konventionellen Energieträger“ hierzulande in den ersten neun Monaten um rund 13 Prozent auf 249 Milliarden Kilowattstunden gestiegen. Dazu zählt auch die Kernenergie. Nach Berechnungen des Fraunhofer-ISE-Instituts bringen es Kohle und Gas in diesem Jahr bislang auf einen Anteil von rund 30 Prozent am deutschen Strommix.

Laut Andreae haben sich die Preise am Terminmarkt, wo sich Versorger langfristig mit Stromlieferungen eindecken, seit Jahresbeginn fast verdoppelt. Am Spotmarkt, wo kurzfristig gekauft wird, habe es sogar eine Verdreifachung gegeben. Das Resultat: Verivox-Berechnungen zufolge ist der durchschnittliche Strompreis für Verbraucher hierzulande schon im September auf den Rekordwert von 30,54 Cent pro Kilowattstunde gestiegen.

Welche Rolle spielen die erneuerbaren Energien bei der Preisbildung?

Sie haben eine dämpfende Wirkung. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass Strom aus regenerativen Quellen mit Priorität eingespeist werden muss. Das bedeutet: Je mehr elektrische Energie von Windrädern und Solaranlagen kommt, umso geringer ist die Nachfrage nach Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken. In diesem Jahr kam zu all den anderen Faktoren aber hinzu, dass der Wind leider deutlich weniger heftig geweht hat als 2020.

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Das hat einen zusätzlichen Preisschub gebracht. So ist in dieser Woche nach Angaben des ISE-Instituts denn auch ausgerechnet die extrem klimaschädliche Braunkohle mit einem Anteil von rund 26 Prozent der wichtigste Energielieferant für die Stromerzeugung. Oliver Krischer, Bundestagsfraktions-Vize der Grünen, sagte dem RND: „Die Preise steigen so stark, weil in den letzten Jahren so wenig erneuerbare Energien in Deutschland ausgebaut wurden. Je mehr billiger Ökostrom im Markt ist, desto weniger setzen teure Kohlekraftwerke den Preis.“

Wie kann ein Anstieg der Strompreise fürs nächste Jahr zumindest eingedämmt werden?

Hierbei ist zu beachten, dass die Kosten für die Beschaffung und den Vertrieb der Energie nur etwa ein Viertel des Gesamtpreises ausmachen. Ein weiteres Viertel fällt derzeit für die Entgelte zur Nutzung der Stromnetze an. Steuern, Abgaben und Umlagen bilden nach BDEW-Berechnungen mit 51 Prozent die weitaus wichtigste Komponente. Hieran kann aber mit politischen Entscheidungen gedreht werden.

Welche Posten bei den vom Staat verursachten Kosten stehen zur Disposition?

Zuallererst wird in der Branche derzeit die EEG-Umlage genannt, die der Förderung der erneuerbaren Energien dient. Stromkunden zahlen dafür in diesem Jahr 6,5 Cent pro Kilowattstunde. Die alte Bundesregierung hatte beschlossen, 2022 diesen Wert auf 6 Cent zu senken. Doch inzwischen ist Spielraum für eine deutlich stärkere Senkung entstanden – da für die EEG-Förderung aktuell deutlich weniger Geld benötigt wird als ursprünglich eingeplant.

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Videografik: Strom aus erneuerbarer Energie
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Grüne Technologien wie Windkraft- oder Solaranlagen gelten als entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel.  © AFP

Wie hoch kann der Entlastungseffekt ausfallen?

„Die erneuerbaren Energien halbieren den erwarteten Strompreisanstieg für Haushaltskunden im kommenden Jahr“, erläutert Agora-Experte Lenck. Doch für ihn ist noch mehr drin: Die Bundesregierung habe es in der Hand, höhere Strompreise komplett zu verhindern, indem sie Einnahmen aus der CO₂-Bepreisung dazu nutze, die EEG-Umlage weiter zu senken. Lenck schlägt vor, die Erneuerbaren-Abgabe von 2023 an sogar komplett zu streichen.

Die CO₂-Bepreisung wurde Anfang des Jahres für Benzin, Diesel, Heizöl und Erdgas eingeführt, das in privaten Heizungen verfeuert wird. Aktuell werden 25 Euro für die Emission von einer Tonne Kohlendioxid erhoben. Vom 1. Januar 2022 an sollen es 30 Euro werden (wodurch Kraftstoff rechnerisch um ein bis 2 Prozent teurer wird). Weitere schrittweise Steigerungen sollen folgen. So sind 50 Euro für 2025 vorgesehen.

Was bedeuten die aktuellen Entwicklungen für die neue Bundesregierung?

Auch Andreae fordert, dass die EEG-Umlage von der nächsten Regierung auf null reduziert wird. Mehr noch: „Um Verbraucher und die Wirtschaft zu entlasten, gehört in die nächste Legislaturperiode eine Reform der Steuer-, Abgaben- und Umlagensystematik auf die Tagesordnung.“ Wobei etwa die EEG-Förderung künftig „parallel zu den wachsenden Einnahmen aus der CO₂-Bepreisung sukzessive aus dem Bundeshaushalt finanziert“ werden könne.

Und: „Gleichzeitig muss der Ausbau der Erneuerbaren konsequent vorangetrieben werden.“ Ähnliches fordert Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Stadtwerkeverbandes VKU, von der neuen Regierung: „Binnen 100 Tagen ein Erneuerbare-Energien-Programm und ein Infrastruktur-Update für den Ausbau – weil jede Tonne eingespartes CO₂ zählt.“

Welche Rolle spielen die Anbieter von Stromlieferverträgen?

Diese Unternehmen sind ganz entscheidend – in diesem Geschäft sind sowohl große Energiekonzerne als auch Stadtwerke aktiv. An den Stromhändlern liegt es, die Entlastungen, die jetzt bei der EEG-Umlage entstehen, an die Kunden weiterzugeben. Doch bei den Strompreisen spielen noch viele andere Faktoren eine Rolle. Etwa welche Strategie beim Stromeinkauf gefahren wird. Ob eher mit langfristigen oder verstärkt mit kurzfristigen Lieferverträgen gearbeitet wird.

Ein anderes wichtiges Element sind die Netzentgelte. Hier legt die Bundesnetzagentur als Aufsichtsbehörde für jeden einzelnen lokalen Netzbetreiber – in der Regel wiederum örtliche Stadtwerke – die Werte fest. Diese Nutzungsgebühren sind in den vergangenen Jahren vielfach massiv gestiegen. Experten beklagen aber, dass hier die Intransparenz groß ist. Es kursiert die Vermutung, dass getrickst wird. Zumal die Einnahmen kommunaler Unternehmen aus dem Stromgeschäft indirekt auch dazu dienen, beispielsweise den ÖPNV von Kommunen zu finanzieren. Fakt jedenfalls ist: Die Strompreise sind im Schnitt in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen.

Wie können sich Verbraucher verhalten?

Verbraucherschützer fordern immer wieder dazu auf, gezielt nach preiswerten Tarifen zu suchen. Allerdings scheuen sich viele Haushalte, den Anbieter zu wechseln – auch weil sie Angst vorm Kleingedruckten haben. Zu Recht meint Andrew Mack, Deutschland-Chef des Ökostromanbieters Octopus Energy. Er sagte dem RND: „Um Profit zu machen, setzen Konzerne auf die Wechselträgheit ihrer Bestandskunden und werben mit unrentabel hohen Neukundenrabatten, die dann die treuen Bestandskunden durch Preiserhöhungen in den Folgejahren finanzieren müssen.“

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