Spendable Zeiten? Experten erwarten Ausweitung von EZB-Notprogramm PEPP

  • Darf’s noch ein bisschen mehr sein? Unter diesem Motto wird gerade das Verhalten der Europäischen Zentralbank (EZB) unter Experten diskutiert
  • Die klare Mehrheit geht davon aus, dass die Notenbanker am Donnerstag die Schleusen für billiges Geld noch weiter öffnen werden.
  • Das soll die schwer angeschlagene Wirtschaft in der Euro-Zone stabilisieren.
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Im März kündigte die EZB-Präsidentin Christine Lagarde das Programm mit dem lustigen Namen PEPP an. Was dahinter steckt, ist aber gar nicht lustig. Europa wurde von der Corona-Pandemie heimgesucht. Politiker und Wirtschaftsführer starrten in einen Abgrund. Es war nicht absehbar, in welche Tiefen die Ökonomie abstürzen würde – weil sie für viele Wochen in eine Art künstliches Koma versetzt werden musste. Nach einem ersten Zögern brachte die EZB dann PEPP auf den Weg, was für „Pandemic Emergency Purchase Program“ steht.

EZB pumpt mit Corona-Programm Geld in Wirtschaftskreislauf

Das Notprogramm zum Kauf von Anleihen – vor allem Staatspapiere – wurde mit dem gigantischen Volumen von 750 Milliarden Euro angesagt. Befristet bis Ende des Jahres. Es war der erste große Schritt zur Stabilisierung von Handel, Industrie und Dienstleistungsbranche in Europa. Viele staatliche Stützungsprogramme sind mittlerweile hinzugekommen. Und die EZB hat beim Aufkaufen der festverzinslichen Wertpapiere heftig zugelangt. Anleihen im Wert von 218 Milliarden Euro hat sie inzwischen erworben. „Ginge sie mit diesem Tempo weiter vor, würden die Mittel bereits diesen Oktober ausgeschöpft sein“, erläutert Ulrike Kastens, Volkswirtin bei der Fondsgesellschaft DWS. Schon allein aus diesem Grund rechnet sie damit, dass PEPP sowohl „bis ins Jahr 2021 hinein“ verlängert, als auch aufgestockt werde, „auf mindestens 1000 Milliarden Euro, vielleicht sogar mehr“.

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Das Kaufen der Anleihen, Quantitative Easing (QE) – Quantitative Lockerung – genannt, soll gleich mehrere Effekte erzeugen: Die EZB bezahlt für die Papiere an Banken in Euro. So wird Geld in den Wirtschaftskreislauf gepumpt. Zugleich wird das Angebot an Staatsanleihen auf den Finanzmärkten reduziert. Das lässt deren Kurse steigen, dadurch sinken die Renditen der Papiere. Dies drückt das gesamte Zinsniveau. Und so wird es für nationale Regierungen einfacher und billiger, sich neues Geld zu leihen. Das ist besonders für die sogenannten Peripherie-Staaten wichtig.

Spekulanten hoffen auf Zahlungsunfähigkeit von Italien

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Gemeint sind damit vor allem Italien, die drittgrößte Volkswirtschaft der EU, aber auch Griechenland und Spanien. Die Länder leiden einerseits heftig unter der Pandemie, andererseits sind sie hochverschuldet, was ihre Handlungsfähigkeit im Kampf gegen die Folgen der Pandemie beschränkt. Wie schnell hier die Dinge kippen können, wurde in der dritten Märzwoche deutlich. Innerhalb nur weniger Tage stürzten die Kurse für italienische Staatsanleihen in die Tiefe. Die Rendite für Papiere mit einer Laufzeit von zehn Jahren näherte sich der Marke von drei Prozent. Angeheizt wurde die Entwicklung durch Spekulanten, die darauf wetteten, dass Italien in die Zahlungsunfähigkeit rutscht. Erst mit dem PEPP-Programm beruhigte sich die Lage wieder. Seit Wochen nun liegt die Rendite für die Zehnjährigen stabil bei rund 1,5 Prozent.

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Kastens geht wie viele andere Experten davon aus, dass die wirtschaftlichen Schräglagen insbesondere in den Peripherie-Staaten in den kommenden Monaten anhalten werden. Deshalb: noch mehr PEPP für die Euro-Zone. Schließlich haben Lagarde und andere Spitzenleute der EZB in den vergangenen Wochen kaum eine Gelegenheit ausgelassen, um deutlich zu machen, dass die Notenbank bereit ist, nachzulegen, wenn es erforderlich erscheint. Nun müssen die selbsterzeugten Erwartungen erfüllt werden. Alles andere könnte unkontrollierbare Reaktionen an den Finanzmärkten hervorrufen. Keine Ausweitung des Notprogramms sei eine große Idiotie, sagte auch Pooja Kumra von der Toronto-Dominion-Bank dem Finanzdienst Bloomberg.

Erste Anzeichen einer ökonomischen Besserung

Eine Umfrage unter Experten hat laut Bloomberg ergeben: Die überwiegende Mehrheit erwartet, dass die EZB am Donnerstag die Ausweitung des Programms um 500 Milliarden Euro bekannt gibt. Nach den Worten von Kastens spricht dafür auch, dass die EZB ihre Wachstumsprognose für die Währungsunion nach unten korrigieren werde – auf minus acht bis minus zwölf Prozent. Entsprechend niedrig werde auf absehbare Zeit die Inflation steigen. Sie lag im Mai um Vergleich zum Vorjahr nahe Null und damit weit von den knapp zwei Prozent entfernt, die für die EZB das Maß aller Dinge sind. Also ist Lagarde zum Handeln gezwungen und QE liegt nahe, da die Leitzinsen schon vor langer Zeit auf null Prozent gesetzt wurden.

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Aber muss ein weiteres schweres Geschütz schon jetzt aufgefahren werden? Schließlich sind vielfach erste Anzeichen einer ökonomischen Besserung zu erkennen. Die Industrie fährt die Produktion wieder hoch, Reisebeschränkungen werden aufgehoben, an den Börsen herrscht Euphorie. Man könnte erst einmal schauen, ob sich die Ökonomie auch ohne eine weitere QE-Intervention berappelt. So hält etwa Piet Christiansen von der Danske Bank ein Abwarten theoretisch für plausibel. Aber nach seinen Worten ist die Gesamtlage immer noch so fragil, dass sich die EZB keine Verzögerung leisten könne.

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